Besonderheiten der Beschäftigung mit dem Gegenstand

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, spielt die Erforschung des Militärs in der Soziologie nur eine marginale Rolle. So sind nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Wirkungsweisen des Militärs bis zur Gegenwart bisher kaum empirisch untersucht worden (siehe Scholz 2005: 173). Will man sich empirisch mit dem Militär beschäftigen, ist man mit der der Tatsache konfrontiert, dass das Militär den Zugang zum Forschungsgegenstand stark beschränkt (vgl. Kap. 4; vgl. auch Leonhard/Werkner 2005: 15 f.), was die empirische und theoretische Erforschung erheblich erschwert: Der Zugang zum Militär ist von einer offiziellen Genehmigung durch das Bundesverteidigungsministerium abhängig (vgl. Kap. 4; vgl. auch Dittmer 2009: 11). Zudem sind sozialwissenschaftlichen Studien zum Militär teilweise erheblichem Widerstand ausgesetzt. Von militärischer Seite werden Fragestellungen als In-Frage-Stellen interpretiert, und lösen Abwehrreaktionen aus (vgl. dazu ebenfalls Gareis/Klein 2006: 11). Interviewfragen sollen vorab vorgelegt werden und bestimmte Frage dürfen überhaupt nicht gestellt werden. Militärinterne Forschungsergebnisse, Zahlen oder Strukturdaten zum Militär sind oftmals nicht verfügbar oder werden erst verspätet publiziert (vgl. Kap. 6).

Problemstellung und Forschungsfragen

Die Bundeswehr ist – historisch gesehen – eine männlich geprägte Organisation, die sich binnen kürzester Zeit uneingeschränkt für Frauen und Homosexuelle geöffnet hat. Die Gleichstellung von Frauen und Männern wird auf parlamentarischer und formaler Ebene heutzutage kaum mehr diskutiert (vgl. Ahrens 2005: 43). Es ist jedoch weitgehend unklar, inwiefern diese Veränderungen zu einem Umdenken innerhalb der Organisationskultur und zu einer Verschiebung der Geschlechtervorstellungen geführt haben. Vor diesem Hintergrund stehen zwei zentrale Fragen im Fokus der vorliegenden Arbeit.

Erstens: Wie handeln Soldatinnen und Soldaten vor dem Hintergrund der skizzierten Veränderungen in der sozialen Praxis die Kategorie Geschlecht aus? In Bezug auf Geschlecht ist etwa aus theoretischer und empirischer Perspektive die Frage nahezu unbeantwortet, ob und wie es Soldatinnen gelingt, einen Platz im Militär zu behaupten und welche Strategien sie hierfür anwenden. Erfordert die männliche Organisationsnorm, dass Soldatinnen sich an diese anpassen? Versuchen Soldatinnen also, ihr Geschlecht eher „unsichtbar“ zu machen? Oder ist umgekehrt die aufgebaute Konstruktion der friedfertigen Frau für die Integration ins Militär förderlich, da die neuen Aufgaben des Peacekeepings und der humanitären Hilfe mit bestehenden Weiblichkeitskonstruktionen vereinbar sind?

Zweitens: Wie handeln Soldatinnen und Soldaten in der sozialen Praxis die Kategorie sexuelle Orientierung aus? Wie sind die beiden Kategorien Geschlecht und sexuelle Orientierung miteinander verknüpft? In Bezug auf sexuelle Orientierung ist bislang empirisch nicht untersucht worden, welche Konsequenzen die Öffnung der Streitkräfte für Homosexuelle auf die Militärkultur hat und wie sich dies in der sozialen Praxis für Homosexuelle auswirkt. [1] In homosozialen Gemeinschaften zählt Faszination für Homosozialität bzw. latente Homoerotik zu den Konstruktionsprinzipien des Männerbundes (vgl. Heilmann 2007: 69), aus dem Kameradschaft, Kohäsion und Kampfkraft abgeleitet werden Die Angst, von anderen als homosexuell diffamiert zu werden, verhindert körperlichen Kontakt oder Nähe unter Männern. Diese Nähe kann aber phasenweise als sehr lustvoll erlebt werden und dient als Vehikel für den Kontakt untereinander, z.B. beim freundschaftlichen Raufen (vgl. Böhnisch/ Winter 1993: 73).

Trotz Homoerotik wird paradoxerweise Homosexualität ausgeschlossen und bekämpft. Homophobie im Militär ist also vor dem Hintergrund der Öffnung der Bundeswehr für Homosexuelle ein hochrelevantes Thema. Wie wird sexuelle Orientierung in der sozialen Praxis bei Soldatinnen und Soldaten in Abhängigkeit ihrer eignen sexuellen Orientierung relevant gemacht? Inwiefern wird über Homosexualität gesprochen? Wie gehen Homosexuelle mit Homophobie im Militär um? Wie stellen sie Männlichkeit her bzw. unter Beweis und von welchen Situationen oder konkreten Kontexten machen Homosexuelle ihr Outing abhängig?

In meiner empirischen Studie gehe ich unter Zuhilfenahme von ikonographischen Interviews und Gruppendiskussionen mit Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr – und kontrastierend auch ausländischer Armeen – diesen Fragen nach.

  • [1] In Kap. 8. werde ich darauf eingehen, welches Verständnis der Kategorie ,sexuelle Orientierung' zu Grunde liegt. Bis dahin mag ausreichen, dass bei ,sexuelle Orientierung' insbesondere Homosexualität gemeint ist – Heterosexualität wird bei männlichen Soldaten im Militär zumeist vorausgesetzt bzw. angenommen.
 
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