Herausforderungen bei der Felderschließung

Zugang zum Forschungsfeld

Zugang, Beobachtung und Erhebung in qualitativer Forschung finden nicht unter Laborbedingungen statt. Qualitative Forschung ist Feldforschung – das „ins Feld gehen“ beginnt im Forschungsprozess bereits mit der Felderschließung, noch vor der Erhebung (vgl. Przyborski/WohlrabSahr 2008: 53 f.). Mit Felderschließung sind dabei die Bedingungen des Forschungsfeldes und die Ausdehnung gemeint:

„Der Feldforscher begreift, dass sein Feld (...) an andere Felder anschließt und auf vielfältige Weise mit ihnen verknüpft ist: Institutionen verweisen notwendigerweise auf andere Institutionen, werden von ihnen durchdrungen oder überlagert; soziale Bewegungen sind oft von dem gesamten Gewebe, dessen Textur sie zu verändern suchen, kaum zu unterscheiden. Aus der Perspektive eines sozialen Prozesses haben Institutionen und soziale Bewegungen keine absoluten räumlichen Grenzen, keinen absoluten Anfang und kein absolutes Ende. Ihre Parameter und Eigenschaften sind konzeptionelle Entdeckungen, und nur aus theoretischen oder arbeitspraktischen Gründen werden ihnen Grenzen zugewiesen“ (Schatzmann/Strauss 1973: 2 nach Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008: 54, Übersetzung durch dies.: 2008)

Bei der Frage, wer oder was zum Feld gehört, scheint es naheliegend, Zugang zu Gruppen und Interviewpersonen an militärischen Orten zu suchen. Als Orte des militärischen Forschungsfeldes werden konkret Kasernen, Bunker, Bundeswehruniversitäten und Reservistenverbände verstanden, die das soziale Gewebe Militär rahmen. Da die organisationellen Orte des Militärs nicht im unmittelbaren Wohnumfeld der Interviewerin liegen, werden erste Interviewanfragen für Gruppen via E-Mail, telefonisch und auf postalischem Weg gestellt.

Die unmittelbare Kontaktaufnahme kann als Teil des Interviewablaufes gesehen werden, da sie nicht nur Anteil an den Untersuchungsbedingungen hat, sondern sich auch auf die Interviewsituation auswirkt (vgl. Witzel 2000: [11], ders. 1982: 94 f.). Der Zugang zum Forschungsfeld stellt mit der Erstkontaktaufnahme bereits eine kommunikative Interaktion dar, die die Teilnahmebereitschaft der Interviewenden beeinflussen kann. Nach Möhring und Schlütz ist die Teilnahmebereitschaft wesentlich von den drei Einflussfaktoren Befragte/r, Interviewer/in und Untersuchungsanlage (2011: 44) abhängig. Die Befragten bringen, so die Autorinnen, bestimmte soziodemografische Merkmale, Persönlichkeitsmerkmale und Interesse mit, die sich positiv oder negativ auf ihre Kooperationsbereitschaft auswirken können (2011: 44). Der Interviewende kann sich hingegen „einer (...) Etikettierung nicht entziehen, er kann nicht als ,gesichtsloses' Instrument auftreten“ (Kohli u. a. 1976 nach Witzel 1982: 94). Es sind also bestimmte Rollenerwartungen und -zuschreibungen gegenüber dem Interviewenden (aber auch gegenüber den interviewten Personen) unvermeidbar. So gelten die Faktoren, die Möhring und Schlütz (2010) für die Befragten vorgestellt haben, umgekehrt auch für den Interviewenden. Ergo entscheiden soziodemografische Merkmale wie Geschlecht, Alter, Bildungsabschluss, aber auch Verhalten und Persönlichkeit des Interviewenden darüber, ob ein Interview zustande kommt oder verweigert wird. Studien zu Teilnahmeverweigerung bei Umfragen haben gezeigt, dass weibliche Interviewer seltener als männliche abgewiesen werden, ältere Interviewende erfolgreicher als jüngere sind und diejenigen mit mittlerem Bildungsabschluss die besten Resultate erzielen (vgl. Möhring/Schlütz 2010: 45). Letztlich ist aber auch die Untersuchungsanlage ein Kriterium für Kooperationsbereitschaft.

Der über die Organisation angestrebte Weg der Kontaktaufnahme führte in keinem Fall zu einem Interview. Dies kann daran liegen, dass der bürokratische Weg offene Kommunikation erschwert: Durch die formelle Form der Interviewanfrage können Zuschreibungen kaum verhindert werden. Die Zusage zur Weitergabe der Interviewanfragen an Vereinsmitglieder oder mögliche Interessenten ist teilweise vom Kooperationswillen und der Gunst einer einzigen, nämlich der angeschriebenen Person abhängig. Umgekehrt kann die Interviewanfrage über die militärische Organisation bei möglichen Interviewten trotz Zusicherung von Anonymität den Verdacht einer Zusammenarbeit beider Parteien (Institution und Forscherin) erwecken und so die Teilnahmebereitschaft senken (vgl. hierzu Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008: 69).

Während in sozialwissenschaftlichen Erhebungen die Motive für ein nonresponse von Interviewgesuchen zum Großteil unbeachtet bleiben, liefern sie im Zusammenhang mit Militär wichtige Hinweise für die Beschaffenheit des Feldes. Deutlich wird im Verlauf der Erhebung, dass die schon angedeuteten Zugangsschwierigkeiten zu den deutschen Streitkräften weit über die genannten Probleme der institutionellen Kommunikation hinausgehen. Interviewanfragen, sei es über den institutionellen oder über den direkten Weg (Einzelinterviewanfragen), wurden seltener mit einer Ablehnung beantwortet als – auch bei erneutem Nachfragen – ignoriert.

Da zur Beschaffenheit des Feldes auch die konzeptionelle Entdeckung ihrer Parameter und Eigenschaften gehört, die für diese konstitutiv sind, kann folgende Beobachtung festgehalten werden: Die Schwierigkeit des Feldzugangs ist ein zentrales Charakteristikum des Forschungsfeldes. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben und beispielsweise an konkreten Erhebungskontextenund orten, der Untersuchungsanlage, den ausgewählten Interviewpersonen, der Interviewerin oder am Zeitpunkt der Erhebung liegen. Letzterer ist durch intensive und andauernde Umstrukturierungsmaßnahmen der Bundeswehr und kritisches Hinterfragen von Ausbildungsmethoden seitens der Presse gekennzeichnet.

Nicht nur die Analyse der Motive für Teilnahmeverweigerung und Interviewzusagen, sondern insbesondere auch der deutliche Kontrast zum Zugang zu Streitkräften anderer Nationen liefern wichtige Anhaltspunkte zum Forschungsfeld Bundeswehr. Im Folgenden möchte ich Interviewverweigerungen (4.2.) und daran anschließend die Motive für die Interviewteilnahme (4.3.) von BundeswehrsoldatInnen darlegen. An diese werde ich eine kurze Gegenüberstellung des Zugangs zu Streitkräften anderer Länder (4.4.) und ein Resümee auf den Forschungszugang anschließen (4.5.).

 
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