Observing the Observer

Als Forschende ist man in unterschiedlicher Weise durch die Felderschließung eingenommen. Man wird als Beobachterin im Feld nicht nur selbst beobachtet, sondern bringt auch verkörpertes Selbst in Felderschließung und Interviewsettings mit ein (bspw. ziviler, nicht-militärischer Background, (sprachlicher) Habitus, Alter, Geschlecht, Hautfarbe etc.). Wie hinlänglich gezeigt wurde, beeinflussen soziale Kategorisierungen wie Alter, Klassenzugehörigkeit, Geschlecht und Hautfarbe die Interviewsituation (Sallee/Ill 2011, Williams/Heikes 1993, Schlütz/Möhring 2010, Manderson/Bennett/Andajani-Sutjahjo 2006, Cotterill 1992, Aléx/Hammarstöm 2007). Die Rolle der Forschenden ist dabei ebenso wenig von vornherein gesetzt wie soziale Kategorisierungen, sondern diese werden im Feld zugeteilt, interaktional kreiert oder zurückgewiesen. Sie wird durch interpersonelle Beziehungen zu den Interviewten verändert, Trennung von Beobachtende/Beobachtete aufgehoben, aber auch durch Verankerung der Interviewten in das Forschungsfeld beeinflusst.

Der folgende Ausschnitt aus einer Gruppendiskussion zeigt exemplarisch, was als zentrales Motiv in der gesamten Gruppendiskussion aufscheint. Die Befragten sind darauf bedacht, die Erwartungen der Interviewerin zu erfüllen. Die Diskussion läuft zum Teil sehr beherrscht ab. Die Teilnehmer der Gruppendiskussion versuchen wiederholt, die Interviewerin in die Diskussion zu integrieren, machen Sachverhalte explizit (z.B. werden Abkürzungen noch einmal ausgesprochen), erläutern Angelegenheiten und achten darauf, wie die Interviewerin auf bereits Gesagtes reagiert. Zwei der Offiziere erklären vieles im Detail, wobei die Gruppe das Thema weiterdiskutiert oder aber solange mit der Diskussion pausiert und selbst den Erklärungen zuhört und korrigierend einlenkt.

(14) GD_01

1 D: ja is ne frau

2 C: ja (es is) (.)auf jeden fall

3 sieht die gequält [aus] 04 ?: [ja ]

5 E: [recht] schö:n

6 mit grosser sonne-(.) sonnenbrille (.)

7 und kippe (.) ganz cool (.)@(.)@

8 [mit nem( )]

9 C: [würdest du nicht] auch (gequält kucken) (.)

10 wenn dich so n komischer spasstie anfummeln würde? 11 B: @(3)@

12 C: (2) ja kuck dir den doch mal an:: 13 M: @(2)@

14 D: SO (.) das WARs mit der veröffentlichung 15 M: @(3)@

16 E: jo (.) mehr gibt's zu dem bild nicht zu sagen 17 (.) glaub (.)

18 C: °ne (.) glaub ich auch nicht°

19 E: oder wolltste was spezielles wissen?

20 Y: <<ich schüttle den Kopf>> 21 E: ne::[::?]

22 Y: [ne ](.) einfach nur was euch einfällt (.)

23 ist mir genau(.)

24 [wichtig] 25 E: [so::](.)

26 Y: °was ihr als gruppe 27 [so-°

28 E: [So (.)rechts drunter (.)

Im Interviewausschnitt diskutiert die Gruppe über Bild 1 (Kameraden), und ergründet, ob der mittlere Soldat eine Soldatin ist. Es folgt die Bewertung ihres Gesichtsausdruckes („sieht gequält aus“, Z. 3) und eine Beschreibung des links stehenden Soldaten („große sonnenbrille und kippe ganz cool“, Z. 6-7). In der darauf folgenden scherzhaften Erklärung, warum die vermeintliche Soldatin so „gequält kuckt“ (Z. 9), mündet die Diskussion in einem Witz.

Zum einen funktioniert die Komik über den Ausdruck einer körperlich und geistig einschränkenden Krankheit, die gepaart mit der Attribution eines belustigenden Wesenszugs den beschriebenen Soldaten als ernstzunehmendes Subjekt in Frage stellt („komischer spasstie“, Z. 10). Zum anderen wird dem Soldaten unterstellt, die vermeintliche Soldatin sexuell zu belästigen („anfummeln“, Z. 10) und zu „quälen“, was die Pointe des Witzes darstellt. Dieser besteht darin, dass die unerwartete Deutung der Situation mit einem Positionswechsel der Perspektive beginnt („würdest du nicht auch gequält kucken“, Z. 9).

Mit dem Witz werden zwei Normen unterlaufen, die politischen Korrektheit das Verbot der sexuellen Belästigung, die im Zusammenhang mit der Interviewsituation und der Befragung der Offiziersgruppe bedeutsam werden: So folgert einer der Gruppendiskussionsmitglieder:

SO (.) das WARs mit der veröffentlichung“ (Z. 14). Diese Bemerkung hat in diesem Kontext zwei Funktionen, die miteinander verschränkt sind: Einerseits deutet sie auf den Wunsch hin, mutmaßliche Erwartungen der Interviewerin nicht zu enttäuschen. Die „Veröffentlichung“ (Z. 14) steht dabei stellvertretend für die Diskrepanz zwischen dem (den Normen zuwiderlaufenden) Witz und dem wissenschaftlichem Standard. Die Bemerkung zeigt auch, dass sich die Offiziere als eine Gruppe inszenieren, die an Erwartungen der Forschenden orientiert sind.

Das being observed wird konstant reflektiert, um verwertbare Ergebnisse und Aussagen zu ,liefern'. Andererseits dient die Bemerkung in diesem humoresken Anschluss als regulativer Mechanismus bzw. als Kontrollfunktion. In der Monitoring-Funktion verweist die Bemerkung auf eine Rückbesinnung auf politisch korrekte Aussagen für den weiteren Interviewverlauf. Die Orientierung an der Interviewerin wird nach Abschluss der interaktionalen Einigung auf Ernsthaftigkeit sogar noch einmal explizit gemacht („oder wolltste was spezielles wissen?“, Z. 19). Dem syntaktisch im Vorfeld stehenden Wort „oder“ (Z. 19) kommt hier eine Funktion zu, die mit einem Diskursmarker vergleichbar ist (vgl. Auer/Günthner 2003).

Oder“, zusammen mit der angeschlossenen Frage, soll der Interviewerin signalisieren, dass die Gruppe ihre Bildanalysen wieder aufnehmen, sofern sie keine vertiefenden Fragen habe. Die Frage signalisiert eine Orientierung an der Interviewenden, da die Frage aufzeigt, dass die Gruppe über das allgemein Scherzhafte hinaus auch über spezielles Wissen verfügt, das von Interesse sein kann. Die Rolle der „Beobachterin“ wird maßgeblich durch die Erwartungen der Gruppe (being observed) hergestellt. Die Trennung zwischen Beobachter/Beobachtende wird an keiner Stelle aufgehoben, auch wenn die Offiziere die Interviewerin regelmäßig in die Diskussion integrieren, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die Interviewerin stets als Forscherin wahrgenommen wird.

 
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