Das Wählerpotenzial der AfD

Bundestagswahl 2013

Bei der Bundestagswahl 2013 erreichte die AfD 4,7 Prozent der Wählerstimmen. Damit verfehlte die Partei ihr Ziel knapp, die 5-Prozent-Hürde zu überspringen. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bislang noch keiner Partei außer der AfD gelungen ist, innerhalb weniger Monate nach der Parteigründung bei einer Bundestagswahl einen solchen Achtungserfolg zu erzielen.

Die meisten Wähler gewann die AfD von der FDP – laut Infratest dimap rund 430 000 Stimmen. [1] 340 000 kamen demnach von der Partei Die Linke, 290 000 von CDU und CSU, 180 000 von der SPD und 90 000 von den Grünen. 210 000 Wähler hatten zuvor nicht gewählt. Zwischen diesen rund 1,54 Millionen Wählern und den knapp 2,06 Millionen Zweitstimmen, die die AfD auf sich vereinigen konnte, klafft eine Lücke von rund einer halben Million. Sie kamen laut Infratest dimap vor allem aus dem Bereich der Erstwähler (100 000) und von früheren Wählern von Kleinparteien (410 000); hinzu kommen 10 000 aus dem Ausland Zugezogene. Bei den 430 000 früheren FDP-Wählern, die für die AfD votierten, dürfte es sich laut Vorwahlumfragen vor allem um Bürger gehandelt haben, die sich am rechten Flügel der FDP orientiert hatten. "Überproportional viele" AfD-Anhänger "kommen vom rechten Flügel der FDP", wurde der Leiter des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, in der Woche vor der Wahl zitiert. Güllner konstatierte darüber hinaus signifikante Übereinstimmungen zwischen der AfD-Anhängerschaft und dem Milieu der "Schönhuber-Republikaner in den 90er Jahren" (Lachmann 2013).

Ihre besten Ergebnisse erzielte die AfD bei den letzten Bundestagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern. In Sachsen erreichte sie mit 6,8 Prozent ihr stärkstes Resultat; darauf folgten Thüringen (6,2 Prozent) und Brandenburg (6,0 Prozent). 5,6 Prozent erzielte die AfD in Mecklenburg-Vorpommern und in Hessen, ihrem stärksten westdeutschen Bundesland. Unter vier Prozent blieb die Partei nur in Nordrhein-Westfalen (3,9 Prozent), Niedersachsen (3,7 Prozent) und Bremen (3,7 Prozent). Die Spitzenergebnisse wurden in Bundesländern erzielt, in denen die Partei stärker als im Westen mit dem Thema Einwanderung geworben hat: Slogans wie "Einwanderung ja. Aber nicht in unsere Sozialsysteme!" kamen dort auf Plakaten besonders häufig zum Einsatz. Die Tatsache, dass die NPD ebenfalls mit dem Thema Einwanderung in vielen ostdeutschen Bundesländern zwischen zwei und drei Prozent an Wählerzustimmung erreichen konnte, verweist auf die Unterschiedlichkeit der Wählermilieus beider Parteien. Anders hingegen verhält es sich mit den Republikanern, die augenscheinlich ihr Wählerpotenzial an die AfD verloren haben.

Über das soziologische Profil der AFD-Wähler bei der Bundestagswahl gibt es kein einheitliches Urteil in der Wahlund Sozialforschung. Nach Peter Matuschek, Forsa-Bereichsleiter für Politikund Sozialforschung, sei der "typische" AfD-Wähler "selbstständig, männlich, mit eher überdurchschnittlichem sozialen Status und Einkommen" ausgestattet: ein "Vertreter der gehobenen Mittelschicht", der sich

"zwischen unten und oben zerrieben fühlt" (Euractiv 2013). Zu einem ganz anderen Resultat kommt Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest dimap, dem zufolge die AfD-Wähler "aus allen Richtungen" kämen; die stärkste Zustimmung erhalte die "Professorenpartei" tatsächlich unter Arbeiterinnen und Arbeitern. [2] Gesichert scheint hingegen zu sein, dass die AfD vorwiegend von jüngeren Menschen gewählt wurde; bei Seniorinnen und Senioren brachte sie es nur auf drei Prozent. Männer votierten zu einem größeren Anteil für sie als Frauen. Entsprechend hatte die AfD ihre stärkste Wählergruppe bei Männern bis zu 45 Jahren (Tagesschau.de 2013).

Europawahl und Landtagswahlen 2014

Trotz einer – verglichen mit der Bundestagswahl – deutlich niedrigeren Wahlbeteiligung gewann die AfD bei der Europawahl am 25. Mai 2014 noch einmal rund 8 000 Stimmen hinzu. 2 065 162 Bürger votierten bundesweit für die Partei. [3] Das entsprach einem Anteil von 7,0 Prozent. In Vergleich der Bundesländer [4] schnitt die AfD mit 10,1 Prozent erneut in Sachsen am besten ab. Deutlich überdurchschnittliche Ergebnisse erzielte sie auch in Hessen (9,1 %), Brandenburg (8,5 %), Bayern (8,0 %), Baden-Württemberg und Berlin (jeweils 7,9 %). Ergebnisse, die sich etwa in der Höhe des Bundesergebnisses bewegten, erreichte die AfD in Thüringen (7,4 %), Mecklenburg-Vorpommern (7,0 %), dem Saarland (6,8 %), in Schleswig-Holstein (6,8 %) und Rheinland-Pfalz (6,6 Prozent). Schwächer schnitt die Partei in Sachsen-Anhalt (6,3 %), Hamburg (6,0 %), Bremen (5,8 %), Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (jeweils 5,4 %) ab. Einer von der Forschungsgruppe Wahlen vorgelegten Analyse [5] zufolge unterschieden sich AfD-Wähler vor allem in zwei politischen Themenbereichen vom Rest der Wählerschaft: Von den AfD-Wählern würden 47 Prozent (alle: 15 Prozent) die EU-Mitgliedschaft negativ sehen sowie 57 Prozent (alle: 35 Prozent) im Euro Nachteile erkennen; "weit überproportional viele" sähen zudem im Bereich Ausländer und Zuwanderung ein großes Problem.

60 Prozent hätten die AfD vor allem wegen der Inhalte gewählt, 39 Prozent sprachen der Analyse der Forschungsgruppe Wahlen zufolge von einem "Denkzettel". Wie bei der Bundestagswahl schnitt die AfD bei Männern stärker als bei Frauen ab (neun bzw. fünf Prozent). Zwischen Berufstätigen und Arbeitslosen (acht bzw. neun Prozent) gab es kaum, zwischen den Altersgruppen nur geringe Unterschiede.

Auch wenn die Ergebnisse von jeweils etwa 2,06 Millionen Stimmen bei Bundestagsund Europawahl den Schluss nahe legen könnte, dass die AfD bereits über einen stabilen Stimmenpool oder gar eine Stammwählerschaft in annähernd dieser Größenordnung verfügen würde, deutet eine Untersuchung von Infratest dimap über die Wählerwanderungen [6] darauf hin, dass noch manches im Fluss ist. Verglichen mit der Bundestagswahl gewann die AfD von der Union unterm Strich 510 000 Wähler hinzu, von der SPD 180 000, von Die Linke 110 000, von der FDP 60 000 und den Grünen 30 000. Etwa in der gleichen Größenordnung gab die AfD aber auch Wähler ab, offenbar vor allem ins Lager der Nichtwähler. Bei den Ansichten über die von ihnen präferierte Partei dominierten laut Infratest dimap bei den Wählern der AfD zwei Aussagen [7]: 97 Prozent der Befragten erklärten, die AfD "löst zwar keine Probleme, nennt die Dinge aber beim Namen". 91 Prozent unterstützten die Aussage, die AfD

"achtet darauf, dass deutsche Interessen nicht zu kurz kommen". 60 Prozent sagten, sie hätten die AfD "aus Enttäuschung über andere Parteien" gewählt. [8]

Bei der Frage, was bei ihrem Votum die größte Rolle gespielt habe entschieden sich jeweils 41 Prozent für die Antworten "Stabile Währungen" und "Soziale Sicherheit", gefolgt von "Zuwanderung" mit 40 Prozent. [9] Deutlich weniger AfD-Wähler hielten "Friedenssicherung" (23 %), "Wirtschaftswachstum" (22 %) oder "Umweltschutz" (17 %) für die wichtigsten Themen. Unter den Wählern aller Parteien spielten die Währungsstabilität nur für 29 Prozent und das Thema Zuwanderung nur für 13 Prozent die größte Rolle. Auffällig auch die Unterschiede in der Frage, ob die Länder der EU mehr oder weniger gemeinsam handeln sollten: Unter den Wählern aller Parteien entschieden sich 70 Prozent für mehr und 26 Prozent für weniger Gemeinsamkeit. [10] Bei den Wählern der AfD war es fast genau umgekehrt: 31 Prozent für mehr und 67 Prozent für weniger Gemeinsamkeit. 52 Prozent aller Befragten erklärten, Deutschland solle "andere EU-Länder in der Krise unterstützen". Unter den AfD-Wählern entschieden sich lediglich 18 Prozent für diese Aussage. Während die Wähler von Grünen, Union, SPD und Linken in der EU-Mitgliedschaft Deutschlands in weit überwiegender Zahl eher Vorteile erkennen, meinen 44 Prozent der AfDWähler die Mitgliedschaft bringe eher Nachteile. Nur 21 Prozent der AfD-Wähler erkennen eher Vorteile. Auch in der Frage der Zuwanderung unterscheiden sich die Bürger, die pro AfD votierten, deutlich von den Wählern anderer Parteien: 52 Prozent der AfD-Anhänger unterstützten die Aussage: "Die offenen Grenzen in Europa bedrohen unseren Wohlstand." Bei den Anhängern von Die Linke (34 %), SPD (30 %), Union (27 %) und Grünen (12 %) waren es deutlich weniger.

Laut Infratest dimap wählten neun Prozent der Männer, aber nur fünf Prozent der Frauen AfD, bei den Arbeitslosen waren es fünf Prozent, bei Arbeitern zehn Prozent. [11]

Das Berliner Forsa-Instituts verortet die AfD-Anhängerschaft in ihrer bisherigen Zusammensetzung in Oberund Mittelschicht (26 und 53 %). [12] 55 Prozent hätten Abitur und/oder würden studieren und die Wirtschaftserwartungen pessimistisch beurteilen. 44 Prozent verfügen Forsa zufolge über ein Haushaltsnettoeinkommen von 3 000 Euro oder mehr. Vor allem Angestellte (62 %) und Rentner (34 %) fänden Gefallen am eurokritischen Kurs der Partei, Selbstständige (20 %), Beamte (10 %) und Arbeiter (8 %) eher nicht. Männer stellen demnach über zwei Drittel (69 %) der AfDAnhängerschaft, Frauen nur 31 Prozent. 24 Prozent seien Katholiken, 29 Prozent Protestanten und 47 Prozent konfessionslos. Meist sind sie verheiratet (57 %) und leben in Orten mit einer Einwohnerzahl von unter 20 000 (42 %). Unterschiede machte Forsa in den Anhängerschaften rechtsextremer Parteien einerseits und der AfD andererseits aus. Die Sympathisanten der rechtsextremen Gruppierungen wie der NPD fänden sich überdurchschnittlich häufig in Ostdeutschland, während sich die AfDAnhänger im Verhältnis der Gesamtbevölkerung auf Ost und West verteilen würden.

"Anhänger der rechtsextremen Parteien sind jünger, eher Geringverdiener, überwiegend Hauptschulabsolventen oder haben mittleren Schulabschluss und gehören in überdurchschnittlichem Maß den unteren sozialen Schichten an", erklärte Forsa-Leiter Manfred Güllner. Arbeiter und Arbeitslose seien im rechtsextremen Lager häufiger vertreten als unter den AfD-Anhängern. Die " Radikalen" würden sich zudem, anders als AfD-Anhänger (28 %), mit großer Mehrheit (61 %) dazu bekennen, politisch rechts zu stehen. Gemeinsam sei beiden Gruppen die pessimistische Wirtschaftserwartung, der überdurchschnittliche Anteil der Konfessionslosen und die überproportionale Vertretung von Männern. Bei den einen wie bei den anderen werde den Parteien im Bundestag kaum politische Kompetenz zugetraut. Güllner macht die Trennungslinie zwischen beiden Lagern in der sozialen Schichtzugehörigkeit aus:

"Anhänger der AfD stammen eher aus der Oberund Mittelschicht mit relativ hohem Einkommen und entsprechend hoher Schulbildung, während Sympathisanten der rechtsextremen Parteien dagegen überwiegend aus den unteren sozialen Schichten mit geringem Einkommen und geringer Schulbildung kommen." Allerdings erwartet Forsa, dass nach der Europawahl und der öffentlichen Debatte über das gute Abschneiden der AfD die Partei nun offenbar auch Zulauf von Angehörigen der unteren Schichten bekomme, die bislang eher zur Wahlenthaltung tendiert hätten.

Bei den Landtagswahlen 2014 erzielte die AfD in Sachsen 9,7 Prozent, in Thüringen und Brandenburg führ die Partei sogar zweistellige Ergebnisse (10,8 und 12,2 Prozent) ein. Einher mit diesen Wahlerfolgen geht die politisch-programmatische Erweiterung der AfD, die sich mehr und mehr als kompatible Partei zu den Thesen von Thilo Sarrazin entwickelt: Die Einwanderung und das angebliche Aussterben der Deutschen, die Muslime und der so genannte Tugendterror der politischen Korrektheit – all diese Reizthemen aus der rechtspopulistischen Propagandakiste gewinnen in der AfD an Bedeutung. Zudem hatte die AfD keine Skrupel, sich im ostdeutschen Wahlkampf als Anwalt der Entrechteten und Benachteiligten zu inszenieren, indem sie der unzufriedenen Wählerschaft sowohl ein Protestventil wie zugleich auch die entsprechenden Feindbilder anbot: die "Altparteien" und die Zuwanderer. Das Ganze wurde zudem populistisch angereichert mit regressiv-nostalgischen Rückgriffen auf den angeblichen Segen der DDR-Sicherheitspolitik und Parolen wie "Sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität."

  • [1] Analysen Wählerwanderung. wahl.tagesschau.de/wahlen/2013-09-22-BT-DE/analyse-wande- rung.shtml, abgerufen am 02. 10. 2013.
  • [2] Ebd.
  • [3] bundeswahlleiter.de/de/europawahlen/EU_BUND_14/ergebnisse/bundesergebnisse/, abgerufen 29. 5. 2014.
  • [4] bundeswahlleiter.de/de/europawahlen/EU_BUND_14/ergebnisse/landesergebnisse/in- dex.html, abgerufen 29. 5. 2014.
  • [5] forschungsgruppe.de/Aktuelles/Europawahl/, abgerufen 31. 5. 2014 (31. 10. 2014 nicht mehr erreichbar).
  • [6] wahl.tagesschau.de/wahlen/2014-05-25-EP-DE/analyse-wanderung.shtml,abgerufen 31. 5. 2014.
  • [7] wahl.tagesschau.de/wahlen/2014-05-25-EP-DE/aktuelle-themen.shtml, abgerufen 3. 6. 2014.
  • [8] wahl.tagesschau.de/wahlen/2014-05-25-EP-DE/wahlentscheidende-themen.shtml, abgerufen 3. 6. 2014.
  • [9] wahl.tagesschau.de/wahlen/2014-05-25-EP-DE/afd-im-europaparlament.shtml, abgerufen 3. 6. 2014.
  • [10] wahl.tagesschau.de/wahlen/2014-05-25-EP-DE/ansichten-eu.shtml, abgerufen 3. 6. 2014.
  • [11] wahl.tagesschau.de/wahlen/2014-05-25-EP-DE/wer-waehlte-was.shtml, abgerufen 3. 6. 2014.
  • [12] stern.de/politik/deutschland/forsa-analyse-wer-die-afd-waehlt-2115316.html, abgerufen 4. 6. 2014.
 
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