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2.1.2 Wohlfahrtspluralismus-Ansatz

Nach einer einseitigen Fokussierung auf eine Markt-Staat-Dichotomie besteht heute ein Konsens darüber, dass Wohlfahrt im Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure, Sektoren und Instanzen (Markt, Staat, Dritter Sektor, informeller Sektor/Gemeinschaft) entsteht. ‚Wohlfahrtspluralismus' steht als Begriff für diese Vorstellung der Wohlfahrtsproduktion durch viele Akteure (vgl. Evers 1993; Evers/Olk 1996b). Anfang der 1990er Jahre erläuterte Evers erstmals die Grundzüge einer Theorie der ‚mixed economy of welfare'. Dem Wohlfahrtspluralismus-Ansatz ist zum einen zu verdanken, dass die idealtypischen Handlungslogiken (Markt: Wettbewerb, Staat: Hierarchie, Dritter Sektor: Freiwilligkeit; informeller Sektor: Persönliche Verpflichtung) und Aufgaben aller vier Sektoren in ihrer Gesamtheit und auch die Interaktionszusammenhänge zwischen den Sektoren erstmals in den Blick kamen (vgl. Evers 1998, 15). Außerdem wurde nun auch den „fragilen Institutionalisierungsformen gesellschaftlichen Handels, die sich in der Entwicklung und im Übergang zwischen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft befinden“ (Backhaus-Maul/Olk 1992, 101) erstmals Aufmerksamkeit geschenkt. Damit verbunden nahm auch eine neue theoretische Vorstellung von den Akteuren des Dritten Sektors Formen an: die tripolare Anordnung von Markt, Staat und informellem Bereich und zwischen diesen reinen Polen ein intermediärer Bereich in dem unterschiedliche Vermittlungsinstitutionen angesiedelt sind und verschiedenartige gesellschaftliche Systeme zueinander in Beziehung gebracht werden. Die in diesem Bereich angesiedelten Vermittlungsinstitutionen versteht der Wohlfahrtspluralismus-Ansatz als intermediäre Organisationen, als ‚Mix in the Mix', geprägt durch eine Mischung von Merkmalen und Logiken aller drei gesellschaftlichen Sphären bezüglich der organisatorischen Zielsetzungen, Steuerungsformen, Funktionen und Handlungsmotive (vgl. Zauner 1997, 112 f.). Wenn diese Vorstellungen auch weitgehend verbreitet sind, eine verbindliche Theorie des intermediären Bereichs oder der intermediären Organisationen existiert nicht.

Das Konzept einer Interaktion der vier Sektoren bei der Wohlfahrtsproduktion ist für die im Fokus dieser Arbeit stehende Beziehung zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Jugendhilfe in folgender Hinsicht hilfreich:

Dies ist auf Makroebene die Frage nach den jeweiligen Beiträgen des Staates und des Dritten Sektors. Welchen Anteil haben sie an der Wohlfahrtsproduktion in diesem Bereich und wie interagieren sie? Dabei geht es auch um die Frage, wie sich das Gewicht und die spezifische Rolle der Sektoren, aber auch ihre Interaktion, im Zeitverlauf verschoben bzw. verändert haben. Diese Fragen stellen sich ganz besonders in der Jugendhilfe.

Eine weitere hilfreiche analytische Perspektive betrifft die Mesoebene und hier konkret die intermediären oder auch als ‚hybrid' bezeichneten Organisationen des Dritten Sektors. Hier richtet sich der Blick auf die vielen sozialen Dienstleistungsorganisationen, die nicht „eindeutig im herkömmlichen Organisationsrepertoire von 'Privatunternehmen', 'Verwaltungseinheit' und 'freiem Träger' aufgehen“ (Evers 2011, 268). Denn gerade auch die Wohlfahrtsverbände in der Jugendhilfe sind Akteure, in denen sich unternehmerisches Agieren und gemeinnütziges Handeln überlagern.

Schließlich ist die politikwissenschaftliche Analyse der vorliegenden Steuerungsformen eine weitere interessante Perspektive des WohlfahrtspluralismusAnsatzes. Hier gibt es Überschneidungen zum Governance-Ansatz insofern, als der Blick auf die Art der Verknüpfung der Beiträge der verschiedenen Sektoren und die damit verbundene politische Steuerung, also Governance, gerichtet ist. Evers und Olk werfen in ihrer ersten ausführlichen Darstellung des Wohlfahrtspluralismus-Konzeptes nur kurz die Frage nach der spezifischen Rolle des Staates auf, liefern auf sie jedoch letztlich keine Antwort und lassen offen, „ob, und wenn ja, mit welchen Zielen die politische Ebene den Auftrag für sich wahrnimmt, die wohlfahrtspluralistischen Arrangements zu regulieren“ (Evers/Olk 1996b, 33). Leisering et al. vermissen deshalb in diesem ersten Aufschlag des Wohlfahrtspluralismus-Konzeptes die Zuweisung einer „besonderen Rolle“ an den Staat und meinen, das Konzept unterschätze aus steuerungstheoretischer Perspektive den entstehenden Regulierungsbedarf (vgl. Leisering et al. 2002, 6). Doch in späteren Schriften artikuliert auch Evers, dass dem Staat eine besondere Rolle zukommt, denn

„der von ih[m] geschaffene und garantierte politische Raum einer Gesellschaft [schließt] alle anderen Sektoren ein […]; Familien, Gemeinschaften und Dritte-Sektor-Organisationen agieren im Rahmen einer bestimmten (demokratischen, rechtlich verfassten) Staatlichkeit“ (Evers 2011, 272).

Auch Olk stellt fest, der Staat habe die zentrale ‚Kompetenz-Kompetenz', denn

„er kann den Wohlfahrtsmix selbst gestalten, z.B. durch Gesetzgebung und Finanzierungsstrategien“ (Olk 2009, 3). In einem gemischten System der Wohlfahrtsproduktion wie dem Bereich der Jugendhilfe gibt es ein Nebeneinander und eine Verschachtelung verschiedener Steuerungsformen, die eine übergreifende Steuerung durch den Staat erfordern. Die hier skizzierte politikwissenschaftliche Perspektive des Wohlfahrtspluralismus kann dabei helfen, dieses Nebeneinander der verschiedenen Steuerungsformen ebenso wie die spezifische Rolle des Staates analytisch zu fassen.

 
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