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2.1.4 Korporatismus-Ansatz

Nachdem lange Zeit das Verhältnis von Staat und Verbänden aus Sicht der USamerikanischen Pluralismustheorie als Versuch einer einseitigen Einflussnahme der Verbände auf die staatliche Politik interpretiert wurde, folgte mit der Etablierung des Korporatismus-Ansatzes ein Perspektivwechsel (vgl. Backhaus-Maul 2000). An die Stelle der Vorstellung von einer unrechtmäßigen Herrschaft der Verbände trat die Vorstellung von einer erwünschten Form politischer Steuerung. Der Staat wurde nun nicht mehr als hierarchisch übergeordneter Akteur angesehen, sondern als ein Akteur, der von anderen Akteuren im eigenen Interesse beeinflusst wird (vgl. Backhaus-Maul 1992, 366). Korporatismus wurde dabei definiert als ein

„System der Interessenvermittlung, dessen wesentliche Bestandteile organisiert sind in einer begrenzten Anzahl singulärer Zwangsverbände, die nicht miteinander im Wettbewerb stehen, über eine hierarchische Struktur verfügen und nach funktionalen Aspekten voneinander abgegrenzt sind. Sie verfügen über staatliche Anerkennung und Lizenz, wenn sie nicht sogar auf ein Betreiben des Staates hin gebildet worden sind. Innerhalb der von ihnen vertretenen Bereiche wird ihnen ausdrücklich ein Repräsentationsmonopol zugestanden, wofür sie als Gegenleistung bestimmte Auflagen bei der Auswahl des Führungspersonals und bei der Artikulation von Ansprüchen oder Unterstützung zu beachten haben“ (Schmitter 1979, 94 f., zitiert nach von Alemann/Heinze 1981, 51).

Verbände-Staat-Beziehungen wurden in der Folge nicht mehr als Einbahnstraßen angesehen, die der Politik abverlangen, auf Verbändedruck zu reagieren, sondern als geordnete, dauerhafte Beziehungen, in denen der Staat die Verbände ganz bewusst beteiligt. Dieses neue Verständnis ging auf die Beobachtung zurück, dass Verbände in starkem Maße unmittelbar in Entscheidungsprozesse eingebunden wurden und sie den Staat mit der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben entlasteten (vgl. Weßels 2000). Damit entstand eine neue Perspektive auf die Verbandsspitzen, die in mehr oder weniger institutionalisierte, wenig einsehbare Verhandlungssysteme durch staatliche Institutionen eingebunden wurden (vgl. Möhring-Hesse 2008, 153).

In der wissenschaftlichen Literatur findet man verhältnismäßig oft die Begriffe Korporatismusdiskussion oder -debatte und selten ‚Korporatimustheorie'. Laut Backhaus-Maul vertritt die Mehrzahl der Wissenschaftler die Auffassung, dass es sich beim Korporatismus-Ansatz [1] nicht um eine Theorie, sondern um eine Forschungsstrategie mit heuristischem Nutzen handelt (vgl. Backhaus-Maul 2000), eine Einschätzung, die auch Streeck vertritt (vgl. Streeck 1994, 8). Von heuristischem Nutzen war der Korporatismusansatz insbesondere für die Wohlfahrtsverbändeforschung in Deutschland. Lange Zeit hatte die Politikwissenschaft die Wohlfahrtsverbände als relevante Akteure in der Wohlfahrtsproduktion vernachlässigt (siehe hierzu Backhaus-Maul 1992; Schmid 1996; Backhaus Maul 2000). Auch für die Verbändeforschung war die Wohlfahrtspflege bis weit in die siebziger Jahre hinein kein Thema. Nur klassische Interessenverbände wie Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände fanden wissenschaftliches Interesse. Erst Anfang der 1980er Jahre erlebten die Wohlfahrtsverbände dann ihr sozialwissenschaftliches Debüt mit der Übertragung des Korporatismus-Ansatzes auf die noch junge Wohlfahrtsverbändeforschung durch Heinze und Olk (vgl. Heinze/Olk 1981). In der Folge wurde analysiert, wie Wohlfahrtsverbände als korporative Akteure in der Gesetzgebung privilegiert und von Politik und Verwaltung in den deutschen Politikund Gesetzgebungsprozess einbezogen werden. In den Vordergrund des Interesses traten außerdem Aspekte der institutionellen Einbindung und der strategischen Interaktion, zu der insbesondere auf kommunaler Ebene und Landesebene enge Verbindungen von Mandatsträgern und Verbandsspitzen gehörten.

Das als Korporatismus bezeichnete Verhältnis zwischen Politik und Verwaltung einerseits und den Wohlfahrtsverbänden andererseits veränderte sich jedoch. Mit Blick auf die neuen Bundesländer meint Backhaus-Maul (vgl. Backhaus-Maul 1992, 376), dass hier aufgrund der anderen Historie von einem Korporatismus zwischen Wohlfahrtsverbänden und politisch-administrativen Akteuren nur bedingt gesprochen werden könne. Und angesichts der sozialrechtlichen Reformen in den 1990er Jahren fragt Backhaus-Maul außerdem, ob nicht an die Stelle korporatistischer Verhandlungen ein freier Wettbewerb getreten und der Anfang vom Ende des Korporatismus längst eingeleitet sei (vgl. BackhausMaul 2000). Auch von Boetticher und Münder diagnostizieren eine Auflösung des korporatistischen Geflechts aufgrund der Einführung von Wettbewerb (vgl. von Boetticher/Münder 2011, 221). Als weiterer Auslöser einer Erosion der korporatistischen Strukturen wird schließlich die Pluralisierung der Trägerlandschaft gesehen (vgl. Beher 2002, 568). Denn neben etablierten Wohlfahrtsverbänden und Kirchen werden z.B. in der Jugendhilfe seit 1991 auch Initiativund Selbsthilfeprojekte sowie seit 1999 privat-gewerbliche Träger zum Kreis der Leistungserbringer gerechnet. Zimmer et al. diagnostizieren, dass die enge sozial-funktionale Einbindung des Nonprofit-Sektors in Deutschland inzwischen der Vergangenheit angehört, gewissermaßen ‚Schnee von gestern' ist (vgl. Zimmer et al. 2013, 21). Es gibt jedoch auch andere Stimmen. Dahme et al. betonen, der Korporatismus im Sozialsektor sei noch lange nicht tot, verliere nur an Bedeutung, wodurch es für die Verbände schwieriger werde, „korporatistische Arrangements für das sozialpolitische wie das sozialanwaltschaftliche Lobbying zu nutzen“ (Dahme et al. 2005, 63). Holtkamp und Bogumil wiederum widersprechen für den Bereich der Jugendhilfe vehement der Diagnose, dass der Korporatismus schwindet (vgl. Holtkamp/Bogumil 2007, 553 f.) (siehe hierzu auch die Ergebnisse empirischer Studien in Kap. 5). Der Korporatismus-Ansatz ist damit nicht nur eine analytische Perspektive auf eine spezifische Form wechselseitiger Organisationsbeziehungen im gegenseitigen Interesse, die für das Verständnis der Beziehung zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Jugendhilfe hilfreich ist, sondern auch eine mehr oder weniger zutreffende Gegenwartsdiagnose. Im Rahmen dieser Arbeit können möglicherweise auch Erkenntnisse darüber gewonnen werden, ob der Korporatismus-Ansatz zur Beschreibung der Beziehung zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Jugendhilfe heute noch trägt oder aber als überholt gelten muss.

  • [1] Neokorporatismus ist nach Sebaldt und Straßner eine Begriffsalternative (vgl. Sebaldt/Straßner 2004, 41). Die Vorsilbe ‚Neo' wurde u.a. in dem Bemühen um eine begriffliche Abgrenzung zum autoritären Korporatismus der Zwischenkriegsphase gewählt. In dieser Arbeit ist von Korporatismus die Rede, weil sich dieser Begriff weitgehend durchgesetzt hat.
 
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