Analytische Perspektiven des Organisationstheoretikers Karl E. Weick

Weick versteht Organisationen nicht als feste Strukturen, sondern als Prozesse. Er fordert explizit dazu auf, „Substantive einzustampfen“ und stattdessen den Verben, dem ‚Organisieren' und damit den Prozessen, die permanent neu verwirklicht werden, mehr Aufmerksamkeit zu schenken (vgl. Weick 1985, 67). Die Umwelt versteht er dabei als „Rohmaterialien, welche durch geistige Prozesse so ausgearbeitet oder vereinfacht werden, daß sich verschiedene Aktionsmuster ergeben“ (Weick 1985, 71) sowie als „Ergebnisse des Organisierens und als Schöpfungen der in der Organisation Handelnden“ (Weick 1985, 40). Die Umwelt besteht also aus Rohmaterialien, die viele alternative Deutungsmöglichkeiten zulassen. Was für die in einer Organisation Handelnden konkret Umwelt ist, hängt damit davon ab, was sie in sie hineinlesen. Dabei messen Organisationen

„ihren Inputs wie sich selbst ständig verschiedene Arten von Sinn zu. Diese kontinuierlichen Eingriffe verarbeiten einige Mehrdeutigkeiten erfolgreich, ignorieren andere und schaffen noch andere. Immer wieder finden sich Organisationen in einer Situation, in der sie versuchen, den Fluß des Erlebens, der durch sie hindurchfließt und die Ströme von Handlungen, die sich auf jenen Fluss richten, zu stabilisieren“ (Weick 1985, 40).

Mit diesem Verständnis, dass Organisationen vor allem Mehrdeutigkeiten prozessieren und dabei einerseits Mehrdeutiges in Eindeutiges überführen, aber gleichzeitig auch die Mehrdeutigkeiten im Gedächtnis mitlaufen lassen, können nach Vogd die komplexen Reflexionsprozesse innerhalb von Organisationen als Anpassungen an unterschiedliche Kontexturen, z.B. rechtliche, fachliche und ökonomische Kontexturen begriffen werden (vgl. Vogd 2009, 28 ff.). Und vor diesem Hintergrund gelte es nach Vogd bei der Analyse von Organisationen

„genau hinzuschauen, welche Rahmen in welcher Weise im Vordergrund zu stehen scheinen und welche Kontexturen […] im Hintergrund mitbearbeitet werden“ (Vogd 2009, 31). Diese Sichtweise regt dazu an, bei den Jugendämtern und freien Trägern danach zu schauen, wie sie konkret die parallelen rechtlichen, fachlichen und finanziellen Kontexturen prozessieren und welche Art von Sinn oder welche Kontextur bei ihnen im Vordergrund steht und welche zusätzlich im Hintergrund mitbedient werden.

Eine weitere hilfreiche analytische Perspektive Weicks ist die auf Interdependenzen. Seinem Verständnis nach ist Organisieren eine kollektive Aktivität und ein Ineinandergreifen verschiedener Handlungen (vgl. Weick 1985, 11, 71). Dabei gibt es Interdependenzen, die er mithilfe einer grafischen Methode veranschaulicht (vgl. Weick 1985, 97 ff.). Er verweist dabei auf einen Laborapparat, bei dem drei Leute an drei Ecken eines gleichseitigen Dreiecks sitzen und durch Heben und Senken ihrer Ecke eine vor ihnen liegende Wasserwaage in ein Gleichgewicht bringen können. Jeder ist beim Zentrieren der Wasserwaage dabei abhängig von den beiden anderen Beteiligten. Nach Messmer zeigt Weick mit dieser grafischen Methode, dass „jede Form des Organisierens mit verschiedenen Akteuren zu tun hat, die nach Maßgabe eigensinniger Rationalitäten mitunter diskrepante Gleichgewichtsvorstellungen präferieren“ (Messmer 2004, 172). Mit Blick auf die hier im Fokus stehende Beziehung zwischen Jugendämtern und freien Trägern kann es sich dabei z.B. um diskrepante Beziehungsoder Zielverständnisse handeln, die zur Folge haben, dass – sobald ein Akteur seinem Verständnis entsprechend handelt – sich dies auch auf die anderen Akteure auswirkt. Die anderen Akteure müssen dann, um ihr Verständnis umzusetzen, gegensteuern und Korrekturanstrengungen unternehmen (vgl. Messmer 2004, 173 f.). Diese analytische Perspektive schärft damit den Blick für die Interdependenzen der Handlungen der Akteure, die an der Wohlfahrtsproduktion in der Jugendhilfe beteiligt sind.

 
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