Erkenntnisinteresse der empirischen Untersuchung

In den vorangegangenen Kapiteln wurde festgehalten, wie sich die Beziehung der öffentlichen zu den freien Trägern in der Jugendhilfe von der Kaiserzeit bis heute gewandelt hat (siehe Kap. 3) und welche Rolle das Gesetz dem Jugendamt und den freien Trägern zuschreibt (siehe Kap. 4). Im Folgenden soll erarbeitet werden, wie die Beziehung zwischen Jugendämtern und freien Trägern in der Praxis aussieht. Da dies nur aus der Binnenperspektive der handelnden Akteure erschlossen bzw. rekonstruiert werden kann, lautet die übergreifende Frage:

Ÿ Wie sehen Jugendämter und freie Träger ihre Beziehung zueinander und welches Rollenverständnis haben sie?

Da die Beziehung letztlich über das Agieren beider Seiten geprägt wird und sich das Beziehungsverständnis in der Handlungspraxis widerspiegelt, ist das Ziel der empirischen Studie, folgende Fragen zu beantworten:

Ÿ Wie agieren die Jugendämter, um die Beziehung zu freien Trägern zu gestalten, und welche habitualisierten handlungsleitenden Orientierungen liegen ihrem Handeln und Kommunizieren zugrunde?

Ÿ Wie agieren die freien Träger, um die Beziehung zu den Jugendämtern zu gestalten, und welche habitualisierten handlungsleitenden Orientierungen liegen ihrem Handeln und Kommunizieren zugrunde?

Dabei zielt die empirische Untersuchung im Kern darauf, Beziehungsmuster zwischen Jugendämtern und Trägern zu rekonstruieren.

Qualitative Einzelfallstudie

Die Beziehung zwischen der öffentlichen Hand und den freien Trägern in der Jugendhilfe ist ein vielschichtiges Phänomen und kann in ihrer Komplexität nicht unabhängig von den spezifischen Rahmenbedingungen vor Ort betrachtet werden. Die Einzelfallstudie ist in besonderem Maße geeignet die Beziehung in ihrer Komplexität ganzheitlich in den Blick zu nehmen, gerade weil sie die Analyseeinheit im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt betrachtet (vgl. Häder 2006, 349) und die Forschungsergebnisse damit in größere soziale Zusammenhänge einbettet. Dabei ermöglicht sie in besonderem Maße tiefer gehende Einsichten, weil sie

„sich während des gesamten Analyseprozesses den Rückgriff auf den Fall in seiner Ganzheit und Komplexität erhalten [will], um so zu genaueren und tief greifenden Ergebnissen zu gelangen“ (Mayring 2002, 42).

Darüber hinaus beinhaltet die Einzelfallstudie eine intensive Beschäftigung mit dem Untersuchungsmaterial, was zu umfangreicheren Ergebnissen führt. Einzelfallstudien werden deshalb oft – wie auch hier intendiert – in explorativer Absicht unternommen mit dem Ziel, die konstituierenden Prinzipien (Strukturen, Mechanismen, Gesetzlichkeiten) des einzelnen Falles zu verstehen und damit allgemeine Erkenntnisse über Prozesse der sozialen Praxis zu erhalten (vgl. Bude 2003, 60f.).

Bei der Einzelfallstudie handelt es sich um einen sog. approach, d.h. einen Forschungsansatz, der sich dadurch auszeichnet, ein ganzheitliches Bild der sozialen Welt zeichnen zu wollen (vgl. Lamnek 1995, 5). Der Ansatz beinhaltet in der Regel eine vielschichtige methodische Vorgehensweise, wie die Analyse von Dokumenten oder Berichten sowie Interviews, Gruppendiskussionen und die teilnehmende Beobachtung. Im Rahmen dieser Arbeit wurden zum einen Interviews durchgeführt. Sie stehen im Zentrum der empirischen Studie und wurden mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet. Zum anderen wurden Daten durch die Erhebung von Dokumenten über die Beziehung zwischen Jugendamt und freien Trägern gewonnen. Diese stellen jedoch nur eine zweite Front dar. Sie wurden aus forschungspraktischen Gründen nicht mit der Dokumentarischen Methode, sondern inhaltsanalytisch ausgewertet (siehe ausführlich hierzu Kap. 6.6.2). Von einer teilnehmenden Beobachtung wurde aus zwei Gründen abgesehen. Die interviewten Akteure zeigten an einer Beobachtung von Zusammenkünften zwischen öffentlichen und freien Trägern durch mich als Promovendin wenig Interesse. Es zeigte sich bereits als unmöglich, z.B. Protokolle von gemeinsamen Sitzungen der AG nach § 78 SGB VIII zu bekommen. Teilnehmende Beobachtung setzt jedoch immer die Akzeptanz der zu Beobachtenden voraus. Zum anderen ist teilnehmende Beobachtung mit einem sehr hohen Aufwand verbunden. Angesichts begrenzter Zeitressourcen und geringer Chancen durch teilnehmende Beobachtung an authentisches Datenmaterial zu kommen, habe ich mich dafür entschieden, die Erhebungen auf Interviewdurchführung und Dokumentensammlung zu beschränken.

 
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