Die Dokumentarische Methode als Methodologie

Die Dokumentarische Methode ist von Bohnsack als ein forschungspraktisches und methodologisch fundiertes Erhebungsund Auswertungsverfahren der qualitativen Sozialforschung entwickelt worden. Sie basiert auf der Wissenssoziologie von Karl Mannheim (vgl. Nohl 2009, 8 f.), die zwei Sinnebenen unterscheidet:

Ÿ den immanenten Sinn, der den subjektiv gemeinten ‚intentionalen Ausdruckssinn' beinhaltet sowie den ‚Objektsinn', welcher für die sachlich verstehbaren und nachvollziehbaren Inhalte eines Textes steht

Ÿ den ‚Dokumentsinn', der auf das zugrundeliegende Alltagswissen bzw. die handlungsleitenden Orientierungen verweist (vgl. Kleemann et al. 2009, 8).

Eine Grundannahme der Dokumentarischen Methode ist, dass institutionalisierte normative Vorgaben der Gesellschaft und konkrete durch individuelle Sozialisationserfahrungen erworbene Denkund Handlungsmuster im wechselseitigen Bezug aufeinander das Alltagswissen und auch Alltagshandeln der Menschen prägen (vgl. Kleemann et al. 2009, 156). Die Dokumentarische Methode wurde entwickelt, um dem Forscher einen Zugang nicht nur zum immanenten Sinn, sondern auch zum ‚Dokumentsinn', d.h. handlungsleitenden – dem Individuum jedoch reflexiv nicht ohne weiteres zugänglichen – Wissen zu erschließen, welches sich in der Handlungspraxis ‚dokumentiert' (vgl. Bohnsack et al. 2007, 9).

In diesem Zusammenhang unterscheidet die Dokumentarische Methode

Ÿ ‚konjunktives Wissen' als habitualisiertes, implizites und im Rahmen der Sozialisation erworbenes Wissen (Orientierungsrahmen) von

Ÿ ‚kommunikativ-generalisierendem Wissen' (Orientierungsschemata), welches die in einer Gesellschaft öffentlichen, allgemeingültigen und anerkannten Wissensbestände sowie institutionalisierten normativen Vorgaben der Gesellschaft darstellt.

Da das konjunktive Wissen nicht offen abfragbar ist – eben weil es dem Einzelnen so selbstverständlich ist – kann es nur mit einer spezifischen Analyseeinstellung rekonstruiert werden. Eben diese spezifische Analyseeinstellung hat Bohnsack in seinen Veröffentlichungen ausgearbeitet (vgl. Bohnsack 2000; Bohnsack 2007).

Der Ausgangspunkt ist dabei, dass sich das konjunktive Wissen (Orientierungsrahmen) über die sprachlichen Darstellungen der Beforschten ihrer eigenen alltäglichen Handlungen analysieren lässt, denn „in diesen Äußerungen manifestieren sich kollektive Routinen und Orientierungen, […] deren soziale Grundlagen den Akteuren selbst für gewöhnlich nicht präsent sind“ (Kleemann et al. 2009, 156). Die geschilderte Erfahrung wird als ‚Dokument' einer Orientierung rekonstruiert. Möglich wird diese Rekonstruktion der Orientierungsrahmen (Orientierungen, Haltungen, des Habitus) durch

Ÿ einen Wechsel „von der Frage, was die gesellschaftliche Realität in der Perspektive der Akteure ist, zur Frage danach, wie diese in der Praxis hergestellt wird“ (Bohnsack et al. 2007, 12, Hervorhebung im Original), die im Übrigen konstitutiv für die konstruktivistische Analyseeinstellung ist (vgl. Bohnsack et al. 2007, 13) sowie

Ÿ die konsequente komparative Analyse, welche meine eigene Standortgebundenheit als Forscher kontrolliert, wenn auch nicht abstellt (vgl. Nohl 2009, 12), und die Voraussetzung dafür bildet, dass sich Orientierungsrahmen in konturierter und empirisch überprüfbarer Weise herauskristallisieren (vgl. Bohnsack et al. 2007, 15).

Die Dokumentarische Methode zielt dabei auf die Generierung mehrdimensionaler Typologien. Konkret geht es im Rahmen der sinngenetischen Typenbildung darum, die unterschiedlichen Orientierungsrahmen, in denen das Forschungsthema von den erforschten Personen bzw. Organisationen behandelt wird, zu rekonstruieren. Die sinngenetischen Orientierungen werden typologisch verdichtet zu einer Basistypologie, die die verschiedenen Orientierungen in ihrer Variationsbreite erklärt. Diese können nur „durch Übersteigerung und Vernachlässigung von einzelnen Aspekten der beobachteten Wirklichkeit“ entstehen und dienen vorrangig der „Veranschaulichung und Erklärung komplexer sozialer und kultureller Phänomene“ (Nentwig-Gesemann 2007, 282).

Im Rahmen der soziogenetischen Typenbildung geht es darum, die Variationen als Produkte verschiedener standort-, milieuund organisationsspezifischer Erfahrungsräume zu erklären. Für den Fall, dass sich typisierte Orientierungsrahmen nicht auf bestimmte Erfahrungsräume sinnvoll zurückführen lassen, skizziert Nohl auf Basis erster Forschungserfahrungen einen neuen Weg der Typenbildung, den er als relationale Typenbildung bezeichnet. Dieser zielt darauf ab zu analysieren, „in welchen Zusammenhängen typische handlungsleitende Orientierungen zueinander stehen“ (vgl. Nohl 2013, 132) (siehe hierzu auch Kap. 9.2).

Die Dokumentarische Methode als Erhebungsund Auswertungsverfahren erschien mir für die vorliegende Studie aus folgenden Gründen geeignet:

1. Die Dokumentarische Methode unterstützt den Forscher dabei, methodisch kontrolliert die Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit durch die Beforschten zu rekonstruieren. Denn sie verlangsamt die Datenauswertung durch eine feste Folge von Auswertungsschritten (siehe hierzu Kap. 6.7.1). Auf diese Weise stellt sie sicher, dass mit spontanen Deutungsimpulsen auf der Basis des eigenen Relevanzsystems vorsichtig und reflexiv umgegangen wird. Über die konsequente Anwendung des Vergleichs hilft die Dokumentarische Methode zudem dabei, das eigene Referenzsystem zu kontrollieren bzw. das eigene Vorwissen zu relativieren.

2. Die Dokumentarische Methode gestattet einen Zugang zum bewussten, reflexiven Wissen der befragten Akteure über ihre Organisation sowie die Beziehung zwischen Organisationen. Vor allem aber ist es mit ihrer Hilfe möglich zu rekonstruieren, in welchem Orientierungsrahmen sich die handelnden Akteure bewegen und wie dies ihr Verhalten und Handeln prägt, d.h. sie unterstützt die Rekonstruktion des konjunktiven Wissens der Befragten. Im Ergebnis hilft sie also nicht nur zu verstehen, wie Vertreter der Jugendämter und der freien Träger in ihren gesellschaftlichen Kontexten agieren, sondern auch wie es dazu kommt, dass sie so agieren. Und über die individuellen Orientierungsrahmen der einzelnen Interviewten lassen sich auch die kollektiven Orientierungen der von ihnen repräsentierten Organisationen erschließen.

3. Nach Vogd erfüllt die Dokumentarische Methode aufgrund ihrer metatheoretischen Konzeption außerdem die Voraussetzung, Organisationen als sich wechselseitig bedingendes Interdependenzmuster zu rekonstruieren (vgl. Vogd 2009, 53). Sie ist damit ideal für die Rekonstruktion der hier im Fokus stehenden Beziehung zwischen Jugendamt und freien Trägern.

4. Für die Dokumentarische Methode spricht grundsätzlich auch ihr Anspruch „Typologien zu erstellen, die die Variationsbreite der rekonstruierten Orientierungen von Akteuren widerspiegeln, und so zu Verallgemeinerungen zu gelangen“ (Kleemann et al. 2009, 164 f.). Sie zielt dabei auf eine Mehrdimensionalität der Typologie, in der die zu untersuchenden Fälle nicht nur in einer Dimension, sondern in verschiedenen Dimensionen verortet werden[1] und orientiert sich an dem Analysekonstrukt des ‚Idealtypus' von Max Weber, der einerseits die Deskription nicht vernachlässigt, andererseits aber konkrete heuristische und theoretische Zielsetzungen verfolgt und Idealtypen als ‚Gedankenbilder' versteht (vgl. Nentwig-Gesemann 2007, 280 f.).

  • [1] Eine ausführliche Darstellung der Vorzüge der Dokumentarischen Methode als einem typenbildenden Verfahren gegenüber anderen findet sich in Nentwig-Gesemann (2007): Sie betont, dass die Dokumentarische Methode bei der Typenbildung konsequent abzielt auf „die Rekonstruktion der existentiellen Erlebnisund Erfahrungszusammenhänge, der 'konjunktiven Erfahrungsräume' im Sinne von Mannheim (1980, 271 f.), aus denen heraus sich habituelle Übereinstimmungen und handlungsleitende, atheoretische Wissensbestände entwickeln“ (Nentwig-Gesemann 2007, 278) und sich damit positiv von anderen Verfahren abhebt.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >