Methodische Reflexion: Rekonstruktion individueller Orientierungen, des kollektiven Sinns der Organisationen sowie der Beziehungsmuster

Wie bereits im vorausgehenden Kapitel dargestellt, steht diese Arbeit vor der Herausforderung, die Beziehung von Jugendämtern und freien Trägern zu rekonstruieren, ohne dass diese direkt und unmittelbar beforscht werden kann. Beziehungen zwischen Organisationen lassen sich nur über die Organisationen erschließen und die Organisationen wiederum nur über ihre Repräsentanten und deren subjektive Wahrnehmungen und Deutungen. Die mir empirisch zugänglichen Untersuchungseinheiten sind damit – neben den Dokumenten, die Spuren und Ausdruck organisationalen Handelns darstellen – die einzelnen interviewten Trägerund Jugendamtsvertreter und ihr ‚subjektiver Sinn'. Dabei ist zu beachten, dass „aus (wissens-)soziologischer Perspektive […] subjektiver Sinn niemals subjektiv, sondern stets sozial, […] – unterschiedlich – kollektiv geteilter Sinn“ (Kruse/Wagensommer 2012, 1, Hervorhebung im Original) ist. Die Dokumentarische Methode wurde mit dem Ziel angewandt, diesen subjektiven, sozial konstruierten Sinn aus den einzelnen Interview-Transkripten herauszuarbeiten.

Das Interview-Sample bot dabei viele Chancen: Bereits für sich genommen informieren die rekonstruierten individuellen Orientierungen der Interviewten über den kollektiven Sinn derjenigen Organisationen, die sie repräsentieren. Da die Interviewten zentrale Vertreter und Entscheidungsträger ihrer Organisationen sind, ist davon auszugehen, dass ihre individuellen Orientierungen in besonderem Maße die offizielle Politik und die kollektive Orientierung ihrer Organisation widerspiegeln. Die Befragung von zwei Vertretern pro Jugendamt ermöglichte zudem zusätzliche Erkenntnisse über die Zusammenführung beider Perspektiven. Pro Träger wurde nur ein Interview geführt, d.h. hier wurde die kollektive Orientierung des Trägers auf Basis einer einzelnen individuellen Orientierung sowie vorliegender Dokumente rekonstruiert. Doch dies erschien angesichts der zentralen Funktion der Befragten zum einen legitim und zudem auch forschungspraktisch sinnvoll, da so mehr Träger pro Jugendamt in den Blick genommen werden konnten. Dies bot den Vorteil, die im Fokus der Arbeit stehende Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern eingehender und differenzierter betrachten zu können. Durch die Zusammenführung der zwei Träger-Perspektiven mit den Perspektiven der beiden Jugendamtsvertreter auf den Untersuchungsgegenstand ‚Beziehung' wurde der kommunikative Kontext und damit auch der Sinngehalt der einzelnen Äußerungen deutlich(er).

Die empirische Analyse bezieht sich also auf die folgenden Ebenen (siehe hierzu auch Kap. 6.4.3):

Ÿ Individuelle Orientierungen der Jugendamtsund Trägervertreter: Im Rahmen der Analyse wurden zunächst immer die individuellen Orientierungen der beiden Vertreter eines Jugendamtes und der zwei interviewten Trägervertreter rekonstruiert (Mikroebene).

Ÿ Kollektive Orientierungen der Organisationen: Auf Basis der individuellen Orientierungen wurden die handlungsleitenden Grundorientierungen der Organisationen rekonstruiert (Mesoebene).

Ÿ Beziehungsmuster zwischen Jugendämtern und Trägern: Darauf aufbauend setzte ein Reflexionsprozess über die acht Beziehungen (Fallebene) in ihrer Bezüglichkeit ein.

Abbildung 4: Erkenntnisinteresse, Analyseebene und Kapitelangabe

Quelle: eigene Darstellung

Auf den nun folgenden Seiten des Kapitels 7 werden zunächst nur die individuellen Orientierungen Schritt für Schritt rekonstruiert. Die darauf aufbauenden Erkenntnisse über die kollektiven Orientierungen der Organisationen und typische Beziehungsmuster fließen in das dann folgende Ergebniskapitel 8 ein.

 
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