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7.4.1 Jugendhilfelandschaft Das Jugendamt

Die Wiedervereinigung und der damit verbundene Wandel der Jugendhilfeund Trägerlandschaft ist auch mehr als 20 Jahre nach Mauerfall noch immer ein Bezugspunkt. Dies zeigt die Antwort der Abteilungsleiterin des Jugendamtes OSJB auf meine Bitte, die Beziehung des Jugendamtes zu den Trägern zu beschreiben:

„Äh, also wir arbeiten ja seit 1990 mit den freien Trägern, das hat's ja vorher so nicht gegeben. Äh, wir haben versucht eine sehr breite Landschaft aufzubauen. Das ist auch gewachsen und deshalb können wir heute immer noch sagen, wir haben so viele freie Träger auf dem Gebiet, gerade der Hilfen zur Erziehung, äh, das haben andere Kommunen oder Landkreise in dieser Form nicht unbedingt. Aber bei uns ist das einfach so gewachsen, wir haben damals ganz breit gefächert, wir hatten Ausschreibungen und es haben sich viele gemeldet und so sind wir dort, haben wir den Einstieg bekommen. Wir haben mal angefangen mit 13 freien Trägern äh bei den Hilfen zur Erziehung, ganz breit gefächert was ambulant, stationär und teilstationär betrifft. Äh wir haben, heute haben wir noch, jetzt weiß ich nicht genau, ob zehn oder elf freie Träger. Also es ist ein kleines bisschen zurückgegangen, aber nicht, nicht sehr stark. Jetzt mal überlegen ... oder sind es sogar nur noch neun. Ne. Also wenn Sie da eine genaue Zahl haben möchten, dann müsste ich noch mal nachgucken. Äh oder mir das noch mal an den Fingern abzählen. Also, jedenfalls es sind jetzt weniger, aber die sind auch sehr stabil, die Träger. Mn, wir haben von Anfang an mit den Trägern sehr koop.. – die mit uns, wir mit ihnen – sehr kooperativ zusammengearbeitet. Es gab immer, aus meiner Sicht, einen, einen sehr offenen Umgang miteinander. Man muss auch sagen, wir sind ne verhältnismäßig kleine Stadt. Also manchmal sage ich so, wir sind noch wie Provinz. Also, ne, es ist alles überschaubar, einer kennt den anderen. Wir haben selbstverständlich auch eine Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfeplanung, äh da sind die Träger allesamt vertreten. Äh. Es gibt regelmäßige Treffen, es gibt seit Jahren, ich glaube jetzt seit sechs oder sieben Jahren immer einen, einen gemeinsamen Fachtag. Also wir haben so verschiedene alltägliche Zusammenkünfte. Wir haben bestimmte äh Arbeitskreise und Arbeitsgemeinschaften und das ganze mündet dann einmal jährlich in einem Fachtag. Ich möchte sagen, wir haben eigentlich ein partnerschaftliches Verhältnis.“ #00:06:338# (OSJB_18)

In ihrer Antwort verweist OSJB zunächst darauf, dass es in der Jugendhilfe erst seit 1990 eine Zusammenarbeit mit freien Trägern gibt, bevor sie mit einer Erzählung über den aktiven Aufbau einer „sehr breiten Landschaft“ mittels Ausschreibungen fortfährt. Sprachlich fällt dabei die Wahl des Pronomens „wir“ („wir haben versucht“, „wir haben damals ganz breit gefächert“, „wir haben mal angefangen“, „wir haben von Anfang an“) in Kombination mit Aktivwerben auf, was auf ein gemeinsames Grundverständnis im Jugendamt hinweist und auf die Selbstwahrnehmung der eigenen Organisation als handelnden Akteur schließen lässt. Daneben stehen Formulierungen wie „Das ist auch gewachsen“ und „Aber bei uns ist das einfach so gewachsen“, die darauf hindeuten, dass diese Entwicklung zur breiten Trägerlandschaft als ‚natürlich' wahrgenommen wird. In der detaillierten Beschreibung der Trägervielfalt wie auch der Abgrenzung von anderen Kommunen dokumentiert sich eine positive Sicht auf Trägervielfalt („wir haben so viele freie Träger auf dem Gebiet, gerade der Hilfen zur Erziehung, äh, das haben andere Kommunen oder Landkreise in dieser Form nicht unbedingt“). Der Beschreibung und Bewertung der Trägervielfalt, die mit dem Hinweis „die sind auch sehr stabil, die Träger“ endet, folgt eine Einschätzung der Beziehung. Dabei hebt sie hervor, dass das Jugendamt von Anfang an „sehr kooperativ“ mit den Trägern zusammengearbeitet habe. Sprachlich fällt neben der häufigen Wahl des Modalpartikels „sehr“ („sehr kooperativ“, „sehr offenen Umgang miteinander“) die Hervorhebung von Nähe zwischen Jugendamt und Trägern auf durch den Verweis auf die „kleine Stadt“, „alles überschaubar“, „einer kennt den anderen“ sowie „Also manchmal sage ich so, wir sind noch wie Provinz“. In der Kombination des Verweises auf die „sehr gute Beziehung“ mit Metaphern der räumlichen Nähe dokumentiert sich ein Gefühl der Gemeinsamkeit und Vertrautheit. Wie gut die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern in der Praxis ist, untermauert sie dann mit der Aufzählung regelmäßiger Zusammenkünfte und der Benennung von Formen des ‚gemeinsamen Zusammenarbeitens'. Zu den Zusammenkünften gehöre „selbstverständlich“ eine Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfeplanung, in der alle Träger vertreten seien. Es gebe ferner „seit Jahren

immer“ – was für Kontinuität spricht – einen „gemeinsamen Fachtag“ und daneben „verschiedene alltägliche Zusammenkünfte“, womit sie auf einen engen formalen wie auch informellen Austausch zwischen Jugendamt und freien Trägern verweist. Mit „Ich möchte sagen, wir haben eigentlich ein partnerschaftliches Verhältnis“ schließt sie ihre Bewertung ab. Die Formulierung ‚Ich möchte sagen' könnte ein Hinweis dafür sein, dass sie mir diese Botschaft unbedingt mitgeben möchte. Es dokumentiert sich hier, dass ein partnerschaftliches Verhältnis von ihr als wichtige Norm gesehen wird.

Dass sie in der Interviewsequenz die Trägervielfalt nicht begründet, sondern ein natürliches Wachsen der Trägerlandschaft skizziert, zeigt, dass OSJB sie als selbstverständlich wahrnimmt. Erst auf meine Bitte, Vorund Nachteile der Trägervielfalt zu benennen, beginnt sie sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Ihre Antwort deutet allerdings darauf hin, dass sie das Prinzip der Trägervielfalt nicht hinterfragt. Denn sie braucht recht lange, um Vorund Nachteile zu versprachlichen, bleibt vage in ihrer Formulierung. Man bekommt sogar den Eindruck, dass sie völlig neue Überlegungen anstellt und erstmalig in Worte fasst:

I: „Ehm, Sie haben ja beschrieben, Sie haben mehrere Anbieter hier vor Ort. Ehm, gibt es Vorteile und Nachteile bezüglich dieser Vielfalt von Anbietern?“ #01:05:462# (OSJB_134)

OSJB: „Hmmm, kommt ja dann auch immer darauf an, wie viele Mitarbeiter der Träger hat. Also, ehm, ich kann, so mehr Mitarbeiter ich habe, könnte ja auch einen Träger, der hat zwölf und wir haben hier sechs freie Träger und die haben auch zwölf also, ehm, insofern meine ich nur, wenn man ne, wenn man mehrere Fachkräfte zur Auswahl hat, kann ich immer gucke, welche Fachkraft passt jetzt ganz speziell in die Familie, äh, das ist natürlich ein Vorteil. Das andere ist, ich habe natürlich, wenn ich alleine die Kostenvereinbarungen und Entgeltverhandlungen äh äh betrachte, muss ich natürlich mehrere Träger dann sozusagen bedienen. Aber auf der anderen Seite finde ich das insofern auch gut, …na, wenn wir ein son Großmonopol haben, ne, das schmort da so im eigenen Saft und macht da so sein Ding. Also, ich finde das schon gut, dass das breit gefächert ist, dass so son gesundes Konkurrenzverhalten, Konkurrenzverhalten gehört ja auch dazu. Sehe ich dann, also ich sehe da keine Nachteile.“ #01:07:00-3# (OSJB_135)

In ihrer argumentierenden Antwort hebt sie die fachlichen Auswahlmöglichkeiten bei der Fallzuweisung als Vorteil hervor. Mit der Trägervielfalt gehe allerdings auch einher, so OSJB, dass das Jugendamt „natürlich mehrere Träger dann sozusagen bedienen“ (OSJB_135) muss. Das heißt, sie verbindet mit Trägervielfalt auch Aufwand. In der Formulierung „bedienen“ in Kombination mit „muss“ dokumentiert sich außerdem ein gewisses Pflichtgefühl gegenüber den Trägern. Diesem ‚Nachteil' setzt sie entgegen, dass durch Trägervielfalt ein„gesundes Konkurrenzverhalten“ entsteht und dies hebt sie vom „Großmonopol“ (OSJB_135), welches 'im eigenen Saft schmort' und 'sein Ding' macht, als negativem Gegenhorizont ab. Damit unterstreicht sie noch einmal ihre eigene positive Haltung zu Trägervielfalt.

Beim Amtsleiter OSJA und seiner Mitarbeiterin OSJB gibt es Parallelen bei der Beschreibung der Beziehung. Auch OSJA hebt die „sehr“ positive Zusammenarbeit hervor und belegt dies mit dem engen inhaltlichen Austausch und der gemeinsamen Jugendhilfeplanung:

„Ja, also, wir haben im Bereich Hilfen zur Erziehung, ja diese, diese Zusammenarbeit mit den Trägern also in unterschiedlichen Bereichen. Aus meiner Sicht ehm läuft die Zusammenarbeit im Bereich HzE mit den freien Trägern in unserer Stadt am besten. Ehm, wir haben also frühzeitig angefangen ehm Kooperationen zu machen, Leistungsvereinbarungen auch mit Trägern abzuschließen noch ehm bevor äh diese Regelung ehm der, der Leistungsvereinbarung überhaupt im SGB VIII ehm also wirksam geworden sind. Wir haben also im Rahmen von, von Ausnahmegenehmigungen schon im Vorfeld also versucht mit Trägern Leistungsvereinbarungen durchzuführen. Wir haben verschiedene vertragliche, ehm, vertragliche Dinge versucht zu experimentieren. Und ich sehe die Zusammenarbeit sehr, sehr gut. Ehm. Wir haben also regelmäßig Arbeitsgemeinschaften mit Trägern. Äh, die Jugendhilfeplanung wird gemeinsam mit den Trägern durchgeführt. Mn, wir organisieren gemeinsame Fachtage, also regelmäßig ehm mit den freien Trägern. Wir haben jetzt beispielsweise einen, einen Fachtag vor sechs Wochen auch noch mal zum Kinderschutz gehabt.“ (OSJA_14)

Auch er stellt also neben Leistungsvereinbarungen – die im folgenden Kapitel

7.4.2 behandelt werden – die gemeinsame Jugendhilfeplanung im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften als Merkmal guter Zusammenarbeit und Kooperation dar. Wie auch OSJB betont er die Regelmäßigkeit des inhaltlichen Austausches („regelmäßig Arbeitsgemeinschaften“, „regelmäßige“ Fachtage), was darauf hindeutet, dass es im Jugendamt OSJ eine geteilte Norm der regelmäßigen Einbindung der Träger gibt.

Eine Besonderheit beim Amtsleiter OSJA ist, dass er den Bereich der Hilfen zur Erziehung immer wieder von dem Kindertagesstätten-Bereich abgrenzt.

Dabei bildet letzterer eine negative Kontrastfolie und verdeutlicht, welche Vorstellungen OSJA von einer ‚idealen' Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern hat und welche Rolle Trägervielfalt in diesem Zusammenhang spielt:

„Also im Kindertagesstättenbereich hatten wir jetzt eine schwierige Situation, gerade die, in den letzten vier, fünf Monaten. Mn. Es gibt ja eine Qualitätsoffensive [in unserem Bundesland] für die Kindertagesstätten im Zusammenhang mit der Neunovellierung oder mit Novellierung des KiföGs. Und das hat hier einige Träger gegeben, die also ehm in diesem Bereich tätig sind, ehm die versucht haben aus ner Position der Stärke heraus, also auch ehm ja Möglichkeiten zu nutzen, um ihre Position zu verbessern. Sage ich jetzt mal ganz vorsichtig. Das heißt jetzt im Rahmen von Leistungsvereinbarungen, ehm, also sich Zuwächse zu verschaffen, wo wir gesagt haben: ‚Kindertageseinrichtungen oder die Kindertagesbetreuung soll in [OS] betreu… bezahlbar sein.' Wir wollen ne gute Qualität. Aber es ist natürlich auch dieser, dieser Mehrklang, also sprich jetzt, ehm Kosten, sprich jetzt Qualität, äh das sind Sachen die, die natürlich auch vernünftig geregelt werden müssen. Und das hat, war ein Prozess, der schmerzhaft war, ehm der aber jetzt soweit gediegen ist, dass wir mit allen Trägern wieder neue Leistungsvereinbarungen abgeschlossen haben, wie wir es wollten und das jetzt auch so bisschen also Ruhe wieder eingekehrt ist. Aber das war ein sehr konfliktreicher Prozess.“ #00:11:00-2# (OSJA_18)

Die Beziehung zu den Trägern im Kita-Bereich bewertet er aus folgenden Gründen als schwierig: Die Träger haben versucht „aus ner Position der Stärke heraus, also auch ehm ja Möglichkeiten zu nutzen, um ihre Position zu verbessern“ und sich „Zuwächse zu verschaffen“. Das Jugendamt habe interveniert und nach einem schmerzhaften und konfliktreichen Prozess, in dessen Verlauf das Jugendamt „mit allen Trägern wieder neue Leistungsvereinbarungen abgeschlossen [hat], wie wir es wollten“, sei „so bisschen also Ruhe wieder eingekehrt“. Seine Äußerungen verdeutlichen, dass er einem fordernden Verhalten von Seiten der Träger sehr kritisch gegenübersteht und Konflikten nicht aus dem Weg geht, wenn es darum geht, den „Mehrklang“ von „Kosten“ und „Qualität“ „vernünftig“ zu regeln. Zugleich dokumentiert sich hier der Anspruch als öffentlicher Träger diesen Mehrklang sicherzustellen.

Er entfaltet über seine Erzählung implizit auch seine Vorstellung von einem guten Gleichgewicht in der Beziehung, die er auf meine Frage, welche Hilfen das Jugendamt und welche die Träger im Bereich der Hilfen zur Erziehung erbringen, auch expliziert:

„Ja, also, wir haben in [OS], äh, wir haben auch private Pflegedienste, ne. Das ist also ne Geschichte, ehm, dass wir – ich glaub, ich glaub der Vorteil vielleicht auch noch mal was [OS] betrifft – wir haben immer versucht, also eine Trägervielfalt zu haben. Dass wir also nicht zwei oder drei großen bekannten Trägern gegenüberstehen, äh die dann auch, ich sage mal ihren Einfluss über politischen Raum geltend machen. Ich weiß das also beispielsweise von Kollegen, dass in kreisfreien Städten durchaus ehm die Tendenz gab, dass insbesondere solche Träger sich im Jugendhilfeausschuss dort etabliert haben und dann versucht haben, äh massiv ihre Interessen im, im Ausschuss dort auch durchzusetzen. Das ist ne Geschichte – gut wir stehen jetzt vor der Kommunalwahl – ich weiß jetzt nicht also, was zukünftig im Jugendhilfeausschuss dort dann an Mitgliedern auch sein wird. Aber das haben wir bislang, äh diese Situation haben wir bislang nicht gehabt.“ (OSJA_20)

OSJA stellt zunächst positiv heraus, dass es in OS „private Pflegedienste“ gibt. Er führt dann die dem Handeln des Jugendamtes zugrundeliegenden Gestaltungsprinzipien aus und betont: „wir haben immer versucht, also eine Trägervielfalt zu haben“. Dies begründet er mit dem Motiv, dafür sorgen zu wollen, dass dem Jugendamt „nicht zwei oder drei große[.] bekannte[.] Träger[.] gegenüberstehen, äh die dann auch, ich sage mal ihren Einfluss über politischen Raum geltend machen“. Dies zu verhindern sei bislang auch gelungen.

Dass die eigeninteressierten Träger nicht in der Lage sein dürfen ihre Interessen gegenüber dem Jugendamt durchzusetzen, ist für ihn eine zentrale Grundlage von Kooperation und Zusammenarbeit, wie auch folgendes Zitat deutlich macht:

„Und ehm, ja, also für mich is wichtig, dass man hier, ich sag mal, nicht einige wenige Träger hat, die dann das Handeln des Amtes bestimmen, sondern also gerade in diesem Bereich ist es für mir wichtig, dass äh Kooperation und Zusammenarbeit funktioniert und dass nicht aus der Politik der Stärke heraus, Dinge von Trägern gestaltet werden, äh die dann natürlich finanzielle Aspekte im Hintergrund haben.“ #00:17:28-4# (OSJA_26)

Neben der mir gegenüber zuvor proklamierten Norm der Einbindung steht damit ein ausgeprägter Führungsanspruch gegenüber den Trägern. Zugleich weist er in dieser Passage den Trägern die Position zu, finanzielle Einzelinteressen zu verfolgen.

Die Träger

Der Träger OST1 wird von ca. sieben Jugendämtern aus der Region belegt, darunter das Jugendamt OSJ und das Jugendamt OLJ. Über die Beziehung zu den beiden örtlichen Jugendämtern äußert sich die Trägervertreterin OST1A folgendermaßen:

„Ja. Ehm, partnerschaftlich abhängig (lacht). Wir sind natürlich abhängig … zum… in erster Linie von den örtlichen Jugendämtern, von unseren Hauptbelegern. Aber ich würde schon sagen, das ist auf jeden Fall eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Ehm .. und ich glaube, dass da auch, nicht glaube, sondern da liegt auch sehr viel Wertschätzung drin, weil bei beiden Träger, wie gesagt, hier, die eben vor der Insolvenz standen, sind wir direkt angesprochen worden: ‚Wollt ihr nicht, wir fänden das gut, wenn ihr das macht.' Das ist ja auch eine Aussage. Zu vielen anderen Dingen, denn wir sind ja auch in den Gremien sehr vernetzt, ehm, Fachgremien und, und, und. Bei vielen Dingen äh, äh, wo es drum geht, da sollte ein freier Träger mit einbezogen werden, werden wir angesprochen und werden ganz viel ehm in Beratung herangezogen und, und, und. Also ich denke, das ist schon ne sehr partnerschaftliche Zusammenarbeit, ehm wobei man natürlich nie verkennen darf, äh..., das sind unsere Auftraggeber, so. Und da gibt's auch manche die, also manches muss man sehr diplomatisch dann auch ehm, äh… angehen, ehm denn mit manchem ist man natürlich unzufrieden und denkt, das geht aber so gar nicht äh... und da muss man schon gucken, und das ist dann auch zum großen Teil mit meine Aufgabe, wie bringt man das an den Mann, an die Frau. Wie kann man das kommunizieren, ohne dass das verschreckt oder irgendwie so.“ #00:11:09-6# (OST1A_24)

In ihrer Formulierung „partnerschaftlich abhängig (lacht)“ kombiniert sie zwei Gegensätze und scheint sich der Absurdität dabei bewusst zu sein, zumindest deutet ihr Lachen darauf hin. Das Abhängigkeitsverhältnis von den örtlichen Jugendämtern als Auftraggeber sieht sie als „natürlich“ gegeben an. Die Zusammenarbeit bewertet sie gleichzeitig als eine „partnerschaftliche“. Nachdem sie zunächst für sich selbst spricht („Aber ich würde schon sagen […]“, „und ich glaube, dass da auch“), verobjektiviert sie ihre Bewertung und stellt fest: „nicht glaube, sondern da liegt auch sehr viel Wertschätzung drin“. Die dann folgende Aufzählung hat eine argumentative und absichernde Funktion. Zum einen sei der eigene Träger vom Jugendamt zweimal „direkt“ angesprochen worden, als es darum ging, die Angebote von Akteuren, die vor der Insolvenz standen, zu übernehmen. Auch würde der Träger „[b]ei vielen Dingen äh, äh, wo es drum geht, da sollte ein freier Träger mit einbezogen werden“ eingebunden. Die Formulierungen „Zu vielen anderen Dingen“ und „Bei vielen Dingen“ unterstreichen dabei die Häufigkeit der Einbindung. Dass der Träger partnerschaftlich eingebunden wird, führt OST1A dabei auf die Fachexpertise des Trägers zurück, womit sie gleichzeitig ihren Träger als fachliche Kapazität positioniert. Die Aufzählung mündet schließlich in der erneuten Feststellung „Also ich denke, das ist schon ne sehr partnerschaftliche Zusammenarbeit“, wobei sie diese Einschätzung umrahmt mit der generellen Feststellung: „ehm wobei man natürlich nie verkennen darf, äh..., das sind unsere Auftraggeber, so“. Und aus dieser Tatsache ergebe sich für den Träger die Handlungskonsequenz, dass „man sehr diplomatisch“ gegenüber dem Jugendamt agieren müsse. Denn dass man als Träger mit dem Jugendamt unzufrieden ist und es Meinungsdifferenzen gibt, sieht sie als selbstverständliche Gegebenheit an („denn mit manchem ist man natürlich unzufrieden“). Dass die Unzufriedenheit dabei durchaus erheblich sein kann, darauf deutet die Formulierung „und denkt, das geht aber so gar nicht äh...“ hin. Mit ihrer abschließenden Beschreibung der eigenen Handlungspraxis unterstreicht sie noch einmal das aus ihrer Sicht bestehende Abhängigkeitsgefüge („und das ist dann auch zum großen Teil mit meine Aufgabe, wie bringt man das an den Mann, an die Frau. Wie kann man das kommunizieren, ohne dass das verschreckt […].“), d.h. die eigene Handlungspraxis ist durch Vorsicht und Diplomatie gegenüber dem Jugendamt geprägt. Die Formulierungen „manches muss man“, „da muss man schon“, „Wie kann man das kommunizieren“ dokumentieren, dass es sich aus Sicht von OST1A dabei um eine kollektiv anerkannte Gesetzmäßigkeit handelt.

Dass Fachlichkeit bei der Selbstdefinition und -positionierung eine große Rolle spielt, zeigt auch diese Interviewpassage:

„Ehm... das hängt eben damit zusammen, dass ehm.... äh äh die Ämter zum großen Teil wirklich Mitarbeiter übernehmen mussten, unabhängig von der Qualifikation, weil da eben äh äh Bestandsschutz.. #01:04:17-8#, hätte ich jetzt fast gesagt. Also die mussten halt übernommen werden. Äh da wächst jetzt nach und nach eine neue Generation rein und das ist gut so und das merkt man ganz doll. Die freien Träger hatten das nicht. Die konnten äh von vornherein, die hatten natürlich auch einen Teil alter Mitarbeiter, äh die noch unter ganz anderen Bedingungen ausgebildet und sich beruflich sozialisiert haben, haben dann aber sehr schnell neue und innovativ ausgebildete Mitarbeiter einstellen können. Das konnten die Jugendämter nicht.

#01:04:52-4# Ehm daraus hat sich so ein Stück ehm ja dieses Ungleichgewicht entwickelt. Und die freien Träger sind aber einfach fachlich, haben die sehr schnell die öffentlichen Träger überholt, teilweise. Und das hat zu soner, zu som mehr Miteinander geführt. Weil die freien Träger da ein ganz anderes Selbstbewusstsein entwickeln konnten. Ich glaube, das war ursächlich mit.“ #01:05:18-0# (OST1A_154)

Sie berichtet, die Fachexpertise der Träger habe zu mehr „Miteinander“ mit dem Jugendamt geführt. Die Träger seien „selbstbewusster geworden“, weil sie sich „fachlich teilweise schneller entwickelt [haben] als die Jugendämter, das wissen die Amtsleiter auch“. Indem sie anführt, die Jugendämter wüssten dies auch, verobjektiviert sie ihre Aussage. Denn während die Jugendämter ihre alten Mitarbeiter behalten mussten, konnten die freien Träger „sehr schnell neue und innovativ ausgebildete Mitarbeiter einstellen“. Die freien Träger hätten die öffentlichen Träger einfach fachlich überholt und es habe sich dadurch ein fachliches „Ungleichgewicht“ entwickelt. Sie positioniert die freien Träger damit als fachlich dominierend, während sie den Jugendämtern die Position zuweist, fachlich unterlegen und deshalb auf die Träger angewiesen zu sein.

Dass sie ihren Träger als einen Wirtschaftsakteur versteht und Marktorientierung ihr Handeln prägt, zeigt sich gleich zu Beginn des Interviews als sie ihre eigene Aufgabe beschreibt. Neben der konzeptionellen Weiterentwicklung der ganzen Einrichtung sei es nämlich ihre Aufgabe

„[d]en Markt zu beobachten, heißt, äh, ehm … wenn wir äh die ganzen Anfragen laufen bei mir zusammen und dann zu gucken, da und da scheint sich neuer Bedarf zu entwickeln, da müssen wir darauf reagieren oder eben nicht – tun wir nicht – äh und dann eben entsprechende Angebote äh, ja einfach zu äh recherchieren auch, wie machen das andere, was gibt es da, was gibt es da nicht äh und da neue Angebote eben zu entwickeln.“ #00:01:19-8# (OST1A_2)

Auf meine Frage, welche Angebote der Träger im Bereich Hilfen zur Erziehung macht, antwortet sie „Alles“ (OST1A_18, 20) und zählt die Hilfeangebote auf. Dabei positioniert sie ihren Träger bzw. sich selbst mit einem am Klienten ausgerichteten fachlichen Anspruch an Jugendhilfe, denn sie betont:

„Und uns ist es immer ganz wichtig, das ist so mein Anspruch, ich finde Jugendhilfe darf keine Kommode sein, da habe ich ganz viele Schubladen drin und alles muss irgendwo rein passen, sondern wenn ich einen Fall kriege, muss ich gucken, habe ich die passende Schublade, dann ist das ok. Und wenn ich die passende Schublade nicht habe, muss ich irgendwie die Kommode verändern. Da muss ich da eine passende Schublade anbauen, einbauen, integrieren.“ (OST1A_20)

Dass die eigene Fachlichkeit für die Selbstpositionierung von besonderer Bedeutung ist, zeigt sich auch in ihrer Abgrenzung von den privat-gewerblichen Trägern. Auf meine Frage, wie viele Träger in der Region Hilfen zur Erziehung erbringen, führt sie aus, dass es drei große Träger gebe, „wobei wir schon die größte, der größte Träger sind, aber die anderen [zwei großen] sind nicht weit hinterher“. Und sie beschreibt weiter: „Und dann gibt es eben eine Vielzahl an wirklich kleinen Trägern, Kleinsteinrichtungen, privaten Einrichtungen, […] die eben kommen und gehen, entstehen und vergehen, so“ (OST1A_30). Von diesen Kleinsteinrichtungen grenzt sie ihren eigenen Träger bzw. die ‚freien Träger' als Gruppe ab:

„Das sind eben, das sind diese kleinen privaten Träger, das sind die gewinnorientierten Träger, äh die uns, nicht nur uns [OST1], sondern uns freien Trägern äh das Leben sehr schwer machen, muss ich ganz klar sagen. Ehm, weil sie natürlich Dum ping-Preise anbieten, eine entsprechende Arbeit leisten, auch nur leisten können. Wenn ich zehn Jugendliche in einem Haus habe mit zwei Mitarbeitern rund um die Uhr, kann da nicht viel bei rauskommen. Äh, wir merken es daran, dass äh.., sehr häufig irgendwann wir die Jugendlichen kriegen, weil es nicht mehr geht. Äh, sind da auch immer mit den Jugendämtern im Gespräch. Die wissen auch, dass wir da ehm unglücklich mit sind, dass sie einerseits eben mit ihren Dumping-Preisen natür lich äh, äh Aufnahmen den freien Trägern, die auch vernünftig bezahlen, auch das muss man dazu sagen, und eine vernünftige Arbeit leisten. Und hinterher wenn alles zu Bruch ist, dann dürfen wir weiterarbeiten. Aber das ist klar, das ist die Marktwirtschaft, das ist so. Und wir können und wollen keinen Kostensatz zu 55,00 Euro am Tag anbieten, weil das kann man ehrlich nicht machen.“ #00:15:08-5# (OST1A_32)

Sie argumentiert dabei, die privaten, gewinnorientierten Träger würden „uns freien Trägern äh das Leben sehr schwer machen […], weil sie natürlich Dumping-Preise anbieten“, aber auch nur „eine entsprechende Arbeit leisten“. Die mangelnde Qualität der privat-gewerblichen Träger unterstreicht sie mit Hilfe eines Beispiels („Wenn ich zehn Jugendliche in einem Haus habe mit zwei Mitarbeitern rund um die Uhr, kann da nicht viel bei rauskommen“) und ihrem Erfahrungswissen, dass „sehr häufig irgendwann wir die Jugendlichen kriegen, weil es nicht mehr geht“, weil „alles“ zu „Bruch“ gegangen ist. Die freien Träger grenzt sie davon ab. Die würden ihre Mitarbeiter „vernünftig bezahlen“ und in der Folge auch „vernünftige Arbeit“ leisten. Sie positioniert sich dabei mir, aber auch den Jugendämtern gegenüber – mit denen ist sie darüber nämlich „immer“

„im Gespräch“ – als Anbieter mit einem hohen bzw. höheren fachlichen Anspruch und legitimiert so auch die eigenen höheren Preise. Indirekt stellt sie damit heraus, dass die ‚freien Träger' einen höheren Qualitätsanspruch haben als die Jugendämter, die die privat-gewerblichen Träger belegen. Sie betont, die Jugendämter dafür nicht kritisieren zu wollen, tut es implizit aber doch und führt deren Handeln auf die Bedingungen der Marktwirtschaft zurück: „Aber das ist klar, das ist die Marktwirtschaft, das ist so.“ Das Jugendhilfesystem konstruiert sie insgesamt als einen Markt, der aufgrund seiner Ausrichtung an niedrigen Kosten zwangsläufig auch niedrige Qualität zur Folge hat.

Die zweite interviewte Trägervertreterin OST2A berichtet, ihr Träger habe sich mit seinen Jugendhilfestationen an verschiedenen Standorten „immer so orientiert, wie eigentlich der öffentliche Träger uns brauchte, ne, immer so vor Ort“ (OST2A_32). Die Ausrichtung der eigenen Handlungspraxis an den Jugendämtern expliziert sie damit als eine zentrale Orientierungsfigur. Die Entwicklung ihres Trägers beschreibt sie mir gegenüber dabei als „ne harte Sache“ (OST2A_6), womit sie gleich zu Beginn des Interviews die mühevolle und schwere Entwicklungsgeschichte ihres Trägers andeutet.

Auf meine Bitte, die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern generell zu beschreiben, antwortet OST2A zunächst nur zögerlich:

OST2A: „ …………Ich finde, dass wir uns relativ gut auf fachlichem Niveau begegnen und dass wir Inhalte auch aushandeln können. Sicherlich man kriegt nicht alles, (lacht) ne, so ein Stückchen, denke ich als freier Träger ist man immer so ein kleines bisschen Anhängsel und äh gerade jetzt habe ich das auch doll gemerkt. Wir haben viele Anfragen auf Hilfe vom Jugendamt auch gehabt, denk ich auch gerade durch den § 8a, wo jetzt alle doch etwas eh, hellhöriger geworden sind. Dann guckt die andere Seite, also der öffentliche Träger wieder auf die Kosten und sagt: ‚Ne, und könnt ihr nicht?' Und dann hält man wieder gegen und sagt: ‚Ja ich kann jetzt aber nicht hier alle Fälle für zehn Stunden hier managen, da gibt es ganz andere problematischen Geschichten hinter, ne, die vielleicht auch intensiver sein müssen, wo die Betreuung intensiver ist.' Aber ich muss sagen, wir haben auch ein Niveau, da können wir uns gut verständigen. Wir kommen nicht immer mit dem durch, umgekehrt wahrscheinlich auch nicht, ne, aber, ich denke, das ist ein Aushandlungsprozess und ich muss auch sagen, auch die Mitarbeiter selber vor Ort sind da auch ein bisschen, also auch meine Mitarbeiter hier als Träger sind auch ein bisschen geschult und wie gesagt, nehmen dann auch Partei für den Klienten, das ist einfach ihre Arbeit und versuchen ihr bestmöglichstes.“ (OST2A_36)

I: „Was heißt das, sie sind geschult?“ (OST2A_37)

OST2A: „Ja, diese Aushandlungsprozesse dann auch auszuhalten. […]“ (OST2A_38)

Bei ihrer Antwort fällt neben der Tatsache, dass sie erst nach einer längeren Pause antwortet, auf, dass sie nur für sich selbst spricht („ich finde“, „denke ich“) und mit Relativierungen („relativ“, so ein kleines bisschen“, „sind da auch ein bisschen“) ihre Aussagen abschwächt. Ihre Sätze beendet sie zudem oft mit dem Rückversicherungspartikel „ne“ im Sinne von ‚nicht wahr', der der Rezeptionssteuerung dient. Diese semantischen Phänomene ziehen sich durch das gesamte Interview und deuten auf Unsicherheit und Vorsicht mir gegenüber hin. Diese Vorsicht dokumentiert sich auch in ihrer Antwort, in der sie zunächst betont, dass Jugendamt und Träger sich „relativ gut auf fachlichem Niveau begegnen“, wobei sie mit „relativ“ ihre Aussage zugleich relativiert. Der positiven Einleitung folgt dann eine Beschreibung der Beziehung als ein Aushandlungsprozess („aushandeln“, zweimal „Aushandlungsprozess“) zwischen zwei ‚Gegnern' („begegnen“, „dann hält man wieder gegen“), bei dem sie den Träger als schwächere Partei konstruiert. Sehr deutlich wird dies in ihrer Feststellung der Abhängigkeit vom Jugendamt und der Selbstpositionierung als „Anhängsel“, also Appendix des Jugendamtes. Sie beschreibt dann das Verhandlungsspiel als ein sich wiederholendes Muster. So hätte der Träger „viele Anfragen auf Hilfe vom Jugendamt auch gehabt“. Doch dann gucke „die andere Seite, also der öffentliche Träger wieder auf die Kosten und sagt:Ne, und könnt ihr nicht?' und dann halte

man wieder gegen“. Sie bringt den sich wiederholenden Prozess („dann“, „und dann“, „wieder“) mit folgender Aussage schließlich auf den Punkt: „Wir kommen nicht immer mit dem durch, umgekehrt wahrscheinlich auch nicht, ne, aber, ich denke, das ist ein Aushandlungsprozess.“ Welche Bedeutung das Thema

‚Aushandlung' hat, zeigt sich auch daran, dass OST2A ausführt, ihre Mitarbeiter seien darin geschult. Ihre Mitarbeiter seien Anwälte, die „ihr bestmöglichstes“ für die Klienten „versuchen“, womit sie ihren Träger als Dienstleister und Advokaten von Klienteninteressen positioniert. Ihre Wortwahl hinterlässt dabei den Eindruck enger Verhandlungsgrenzen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch ihre Antwort auf meine Nachfrage, was denn ‚Sie sind geschult' bedeute. Denn sie antwortet, es gehe darum „diese Aushandlungsprozesse dann auch auszuhalten“, womit sie den Träger indirekt als hinnehmende und damit schwächere Partei konstruiert.

OST2A berichtet dann, dass die von ihr vertretene Jugendhilfestation vorrangig vom Jugendamt OSJ belegt wird, aber auch vom Jugendamt OLJ und zwei weiteren Jugendämtern aus der Region. In OS habe sich der Standort mit Betreutem Wohnen, einer Tagesgruppe und offener Jugendhilfe „Schritt für Schritt“ entwickelt. Wie sie ausführt, seien allerdings „alle Mittel, die im offenen Bereich waren, […] dann auch wieder weg [gewesen], [weshalb] wir […] Personal dann auch wieder entlassen“ (OST2A_22) mussten. Man habe sich deshalb dafür entschlossen, nur noch HzE-Angebote zu erbringen. Aufschlussreich ist dabei die neutrale, emotionslose Darstellung des Personalabbaus, den OST2A erst an späterer Stelle mit „das war schon so ne Hängepartie und auch eine unangenehme, muss ich wirklich auch sagen“ (OST2A_146) bewertet. Als ich versuche mehr über die Hintergründe zu erfahren, berichtet sie, dass es insgesamt „einfach weniger Anfragen“ (OST2A_148) gegeben habe und sie infolge dessen zum Jugendamt gegangen sei, denn:

„selbst wenn wir uns im Verein einig sind, ne, dass wir sagen können diese Personalstruktur kann ich nicht aufrecht erhalten, bin ich immer so fair und bin dann auch zum Jugendamt gegangen und habe gesagt, so und so wird es sein (räuspern), und das und das müssen wir ändern, ne“ (OST2A_154).

Sie habe damit „Gerede und so was ein bisschen vor[..]beugen“ (OST2A_156) wollen. In ihren Äußerungen, aber auch ihrer Beschreibung der Handlungspraxis dokumentiert sich erneut eine defensive Haltung und große Vorsicht. Es gehört offensichtlich nicht zu ihrem Handlungsrepertoire, das Jugendamt für finanzielle Kürzungen zu kritisieren – weder direkt noch mir gegenüber. Stattdessen ergreift sie angesichts finanzieller Engpässe und der damit verbundenen Kündigungen zu Maßnahmen, um Gerede beim Jugendamt vorzubeugen und den Ruf ihres Trägers zu schützen.

Dass OST2A sich mir gegenüber im Interview vorsichtig verhält, zeigt sich auch daran, dass sie im Gegensatz zu OST1A nur sehr verklausuliert das Kompetenzgefälle zwischen Jugendamt und Trägern andeutet. So meint sie zum Beispiel an einer Stelle sehr generell, die „öffentliche Hand ist auch etwas … organisierter vorbereitet auf alles“ (OST2A_86) und erst auf meine Nachfrage, was sie mit „organisierter“ meine, antwortet sie, das Jugendamt habe „auch fachlich, muss ich sagen, ah, nen großen Schritt nach vorne“ (OST2A_92) gemacht, sprich, es lag zuvor zurück. Sie führt dann aus, das Jugendamt sei „strukturierter geworden“ und es sei „sehr beruhigend [, dass], jetzt, also diese Aushandlungsprozesse, die dort gerade auch so stattfinden vor Ort, wir son qualifiziertes Personal haben“ (OST2A_94). Statt sich jedoch mit der Fachkompetenz des eigenen Personals zu positionieren, dokumentiert sich in der Wahl des Wortes „beruhigend“ erneut eine defensive Haltung.

Auf meine Frage, wie viele Träger Hilfen zur Erziehung erbringen, antwortet OST2A, es gebe „fünf, die richtig aktiv sind“ (OST2A_50). Dass diese in Konkurrenz zueinander stehen, scheint für sie dabei selbstverständlich zu sein. Die Träger beschreibt sie als zurzeit „gut, äh, ausgelastet hier vor Ort“ (OST2A_138). Es habe allerdings auch Zeiten gegeben, da „hatten wir auch eine große Trägerkonkurrenz untereinander gehabt“ (OST2A_142). In der Folge seien einige Träger ganz aus den Hilfen zur Erziehung ausgestiegen (OST2A_152). Sie betont für ihren Träger, dass „man dann auch versucht [habe] so ein bisschen da zu kämpfen“ (OST2A_144), wobei sich in ihrer Wortwahl („man“ statt ‚wir', „versucht“, „so ein bisschen“) erneut das Selbstverständnis eines schwachen Akteurs und eine gewisse Machtlosigkeit dokumentiert.

 
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