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8 Ergebnisse: Jugendämter und freie Träger mit (un-)geteilten Orientierungen

Nachdem im vorangegangenen Kapitel die individuellen Orientierungen Schritt für Schritt rekonstruiert und in den Zusammenfassungen für die vier Interviewten in jeder Kommune komprimiert dargestellt wurden, wird dieses Ergebniskapitel in einem ersten Schritt die Basistypologie im Sinne eines typologischen Musters vorstellen. Sie wurde auf Basis eines Vergleichs der individuellen Orientierungen entwickelt und erklärt die verschiedenen Orientierungen in ihrer Variationsbreite. Die Basistypologie zeigt: Der Jugendhilfe-Diskurs gibt den Jugendämtern und freien Trägern bei der Gestaltung der Beziehung einen ambivalenten Rahmen vor. Mit der Ambivalenz des Rahmens geht eine Vielfalt möglicher Vorstellungen von der Normalität der Beziehung und der eigenen Rolle darin einher. Die individuellen Orientierungen als komplexe Variationen des kollektiv geteilten Sinns – sprich der Basistypologie – werden deshalb in einem ersten Schritt aus der Perspektive der befragten Individuen vorgestellt. Dass die Sensibilität für diese Ambiguität der Beziehung dabei unterschiedlich ausgeprägt ist und auch der Umgang damit sich unterscheidet, wird anschließend aufgezeigt. Darauf aufbauend wird eine abstrahierte Kollektiv-Perspektive eingenommen, d.h. die kollektiv geteilten Orientierungen der Organisationen Jugendamt und Träger rücken ins Zentrum. Sie werden je Kommune zusammengeführt, um die Beziehung zwischen den Organisationen Jugendamt und Träger in den analysierten vier Kommunen in den Blick zu nehmen und in ihrer Bezüglichkeit zu erklären. Ein kurzer Exkurs wird auch auf die Beziehung zwischen Jugendamt und Politik eingehen.

Die zentralen Forschungsergebnisse werden jeweils im Anschluss an die einzelnen Unterkapitel zusammengefasst, bevor sie im Schlusskapitel 9 noch einmal in ihrem Zusammenhang verdichtet dargestellt und diskutiert werden.

8.1 Die Basistypologie: Die individuellen Orientierungen in ihrer Variationsbreite

Die empirische Untersuchung zeigt, dass der Jugendhilfe-Diskurs den Jugendämtern und Trägern bei der Gestaltung der Beziehung einen ambivalenten normativen Rahmen vorgibt. Das gemeinsame Bezugsproblem aller Interviewten, das die verschiedenen habitualisierten Denk-, Wahrnehmungs-, Handlungs-, Argumentationsund Legitimationsmuster erklärt, ist die Selbstverortung innerhalb dieses ambivalenten Rahmens.

Dieser ambivalente Rahmen bezieht sich auf drei Dimensionen mit folgenden Polen:

Ÿ das System: Wettbewerb – komplementäre Angebotslandschaft

Ÿ die Beziehung: Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis (hierarchisches Beziehungsverständnis) – Partnerschaft (egalitäres Beziehungsverständnis)

Ÿ das Steuerungsziel: Finanzen – Fachlichkeit.

Abbildung 5: Basistypologie: Die Orientierungen in ihrer Variationsbreite

Quelle: eigene Darstellung

Der ambivalente normative Rahmen ist zu sehen vor dem Hintergrund

Ÿ eines sozialhistorischen Kontextes, der sich durch eine Veränderung normativer Erwartungen an Jugendämter und freie Träger auszeichnet und

Ÿ einer sich durch Ambiguität auszeichnenden, d.h. mehrdeutigen Gesetzeslage.

In der Folge haben sich verschiedene z.T. einander diametral gegenüberstehende Normalitätsvorstellungen darüber entwickelt, wie das System der Jugendhilfe sowie die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern zu gestalten sind und die Steuerungsziele Finanzen und Fachlichkeit dabei zueinander stehen.

Die auf Basis der Interviews rekonstruierten habitualisierten Orientierungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie in unterschiedlicher Art und Weise Anschluss zu einem oder beiden Polen der drei Dimensionen herstellen. Die verschiedenen Kombinationen und Variationen können dabei möglicherweise auch auf unterschiedliche individuelle, organisationsbezogene und kommunalpolitische Erfahrungsräume zurückgeführt werden. Doch aufgrund der Vielfalt sich überlagernder Erfahrungsräume und Dimensionen konnten angesichts des begrenzten Samples von insgesamt 16 Interviewten – vier Jugendämter und acht freie Träger – im Rahmen dieser Arbeit individuelle, organisationsbezogene oder auch kommunalpolitische Erfahrungsräume nicht als erklärende Variablen für die identifizierten individuellen und kollektiven Orientierungen rekonstruiert werden. Es gibt jedoch erste Hinweise dafür, dass die sozial-räumliche und damit verbundene kulturelle Dimension der Westbzw. Ostsozialisation eine erklärende Variable für die rekonstruierten normativen Beziehungsverständnisse darstellen könnte (siehe hierzu Kap. 8.3.1.2). Für diese Dimension gab es mit neun in Westund sieben in Ostdeutschland sozialisierten Interviewpartnern eine vergleichsweise hohe Fallanzahl. Diese Arbeit hat jedoch nicht das Ziel, die rekonstruierten Orientierungen in ihrer sozialen Genese zu erklären und damit die Grundlage für eine soziogenetische Typenbildung zu legen. Hierfür hätte es eines größeren Samples bedurft, was im Rahmen dieser Studie nicht geleistet werden konnte.

Die empirische Untersuchung hat allerdings gezeigt, dass die habitualisierten Orientierungen und damit verbundenen Denk-, Handlungs-, Argumentationsund Legitimationsmuster der Beziehungspartner Jugendamt und freier Träger in einer Kommune sich auch in ihrer Relation zueinander erklären lassen. Sie stehen in einem Verhältnis zueinander und erklären sich gewissermaßen gegenseitig. Diese Bezüglichkeit der Orientierungen ermöglichte eine relationale Typenbildung, wie Kapitel 8.3 inhaltlich und Kapitel 9.2 methodisch-konzeptionell aufzeigen wird.

Doch zunächst sollen die individuellen Orientierungen und damit verbundenen Denk-, Handlungs-, Argumentationssowie Legitimationsmuster im Fokus stehen, die verschiedenartige Variationen innerhalb der oben skizzierten Basistypologie darstellen.

Mit Blick auf die Dimensionen System und Beziehung bestehen folgende

Variationen:

Ÿ Es gibt auf der einen Seite Jugendamtsund Trägervertreter, deren normatives Systembzw. Beziehungsverständnis und deren Handlungspraxis sich primär bei einem Pol verorten lassen.

Ÿ Es gibt aber auch Akteure, deren Handlungsbzw. Kommunikationspraxis durch beide Pole geprägt ist.

Bei der Zieldimension treten unterschiedliche Variationen bei der Frage auf, in welche Beziehung Finanzen und Fachlichkeit zueinander gesetzt werden, ob in ein

Ÿ relationales oder

Ÿ antagonistisches Verhältnis.

Auf den folgenden Seiten werden ausgewählte Beispiele individueller Orientierungen entlang der drei Dimensionen der Basistypologie beschrieben:

 
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