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Orientierungen als ‚Patchwork'

Der Leiter der Sozialen Dienste WLJB des westdeutschen Jugendamtes WLJ definiert die bestehende Beziehung als eine Auftraggeber-AuftragnehmerBeziehung. Die Handlungspraxis sei derzeit insgesamt geprägt durch das Motto:

‚Wer das Geld hat, hat die Macht' (WLJB_96). Das hierarchische Verhältnis spiegelt sich in seiner Beschreibung der fallbezogenen Hilfeplanung wider (WLJB_16), aber auch in seiner Schilderung der Jugendhilfeplanung im Rahmen der AG nach § 78 SGB VIII, in der er das Jugendamt als aktive und bestimmende Instanz und die freien Träger als passive, hinnehmende Akteure konstruiert (WLJB_45). Die derzeitige Praxis lehnt er jedoch ab, steht sie doch seinem normativen Beziehungsverständnis entgegen. Sein Ziel ist, „zu einem guten WirWir-Gefühl [zu] kommen zwischen öffentlichen und freien Trägern und somit auch der gesetzlichen Intention wieder mehr Rechnung tragen, äh die da heißt: partnerschaftliches Zusammenwirken“ (WLJB_118). Denn nur gemeinsam und auf Augenhöhe könne man die gesellschaftlichen Herausforderungen meistern. Hier überlagern sich eigener normativer Anspruch und die im derzeitigen System angelegte Norm und prägen vermutlich beide seine Handlungspraxis.

Die westdeutsche Jugendamtsvertreterin WSJB bedient sich semantisch einer Partnerschafts-Rhetorik („wir sind Partner in der Sache“ (WSJB_16), „Das ist sehr partnerschaftlich“ (WSJB_28)). Doch das sich in ihren Bewertungen der Beziehung und ihrer Handlungspraxis dokumentierende Beziehungsverständnis ist deutlich geprägt durch das Selbstverständnis eines hierarchisch dominierenden Auftraggebers. Dass sie sich der Partnerschafts-Semantik bedient, deutet jedoch auf ein Bewusstsein um die bestehende Norm der partnerschaftlichen Zusammenarbeit hin.

Es gehört zum Beziehungsverständnis der ostdeutschen Jugendamtsvertreterin OSJBsehr kooperativ“ mit den Trägern zusammenzuarbeiten. Und in diesem Sinne betont sie mir gegenüber auch die regelmäßige formelle und informelle Einbindung der Träger in die Jugendhilfeplanung über die AG nach § 78 SGB VIII, gemeinsame Fachtage und „verschiedene alltägliche Zusammenkünfte“ als Beispiele für ein „partnerschaftliches Verhältnis“ (OSJB_18). In ihrer Hervorhebung von Nähe zwischen Jugendamt und Trägern durch den Verweis auf die

kleine Stadt“, „alles überschaubar“, „einer kennt den anderen“ dokumentiert sich außerdem persönliche Nähe und Vertrautheit. Gleichzeitig dokumentiert sich in ihrer Beschreibung der eigenen Handlungspraxis das Selbstverständnis eines Auftraggebers, der Angebote anhand finanzieller und fachlicher Kriterien vergleicht und konkurrierende Träger anhand ihrer Leistungen beurteilt und auswählt (OSJB_64) und dessen Sozialarbeiter „‚Manager' [sind, die] alles in der Hand“ haben (OSJB_118). Ihr hierarchischer Steuerungsanspruch gegenüber den Trägern zeigt sich ebenso in ihrem Anliegen, die Satzung der AG nach § 78 SGB VIII so verändern zu wollen, dass das Jugendamt die Träger überstimmen kann (OSJB_36). Die Satzungsänderung bewertet sie allerdings als „kompliziert“ (OSJB_36) und sie betont, dass – auch wenn die Träger „schon in so einer gewissen Abhängigkeitsposition“ seien – man dies nicht so hervorhebe (OSJB_94). Dies deutet auf eine gewisse Unsicherheit dabei hin, den eigenen hierarchischen Steuerungsanspruch in die Praxis umzusetzen, was wiederum die Norm der partnerschaftlichen Zusammenarbeit unterstreicht. Im Gegensatz zu den beiden westdeutschen Jugendamtsvertretern WLJA und WLJB, die Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung und Partnerschaft als sich konträr gegenüberstehende, sich gegenseitig ausschließende Beziehungsmodelle verstehen, ist es für OSJB jedoch selbstverständlich, sich zugleich als Auftraggeber und Partner der Träger zu definieren. Dementsprechend ist auch ihre Handlungspraxis gegenüber den Trägern durch beide Normen geprägt, wobei das AuftraggeberSelbstverständnis dominiert.

Auf eine ähnliche Weise ist das Beziehungsverständnis der in Westdeutschland sozialisierten, mittlerweile in Ostdeutschland arbeitenden Trägervertreterin OST1A ein vielschichtiges Patchwork. So kombiniert sie in ihrer Definition der Beziehung zum Jugendamt als „partnerschaftlich abhängig“ (OST1A_24) zwei Gegensätze miteinander. Das Abhängigkeitsverhältnis von den örtlichen Jugendämtern als Auftraggeber sieht sie dabei als „natürlich“ gegeben an (OST1A_24). Doch auf der anderen Seite bewertet sie die Zusammenarbeit auch als eine

partnerschaftliche“ (OST1A_24), beansprucht für ihren Träger in der konkreten Zusammenarbeit weitgehende Autonomie und positioniert sich als unverzichtbaren, weil dem Jugendamt fachlich überlegenen Akteur. Gleichzeitig dokumentiert sich in ihren Beschreibungen der Handlungspraxis die Wahrnehmung einer hierarchischen Beziehung zum „potentiellen Beleger“ (OST1A_58), dem man immer „sehr diplomatisch“ (OST1A_24) gegenüber agieren muss. Ihr Selbstverständnis und die eigene Handlungspraxis sind durch beide Normen gleichermaßen geprägt.

Die beiden westdeutschen Trägervertreter WLT1A und WLT2A sehen es als faktisch gegeben an, dass sie letztendlich abhängige Auftragnehmer sind. Das Jugendamt sitze als Beleger immer „am längeren Hebel“, weswegen man zwar versuchen könne „dieses Verhältnis zu optimieren und zu sagen, soweit es geht partnerschaftlich zu arbeiten […]. Aber im Zweifelsfall [sei] der freie Träger immer abhängig vom öffentlichen“ (WLT1A_165). Dem stellen sie die Selbstdefinition entgegen als ‚freie Träger' Interessenvertreter der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien zu sein (WLT1A_121) und als solche auch in Konflikte mit dem Jugendamt zu gehen. In dem Selbstverständnis, den gesammelten Fachverstand zu repräsentieren, positionieren sie sich außerdem als gleichberechtigte Mitgestalter der Jugendhilfe. Hier scheinen beide Normen das Selbstverständnis und die Handlungspraxis zu prägen.

 
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