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8.1.3 Ziel: Finanzen – Fachlichkeit

Die rekonstruierten individuellen habitualisierten Handlungs-, Denkund Kommunikationsmuster stellen außerdem Variationen innerhalb der oben skizzierten Ziel-Dimension Finanzen – Fachlichkeit dar. Die Jugendamtsund Trägervertreter sind durch unterschiedliche normative Zielverständnisse geprägt und setzen Finanzen und Fachlichkeit in ein

Ÿ antagonistisches Verhältnis oder

Ÿ relationales Verhältnis.

Es gibt auf der einen Seite Jugendamtsund Trägervertreter, für die Finanzen und Fachlichkeit per se konfligierende Ziele darstellen und die durch ein normatives Verständnis geprägt sind, nach dem Fachlichkeit losgelöst von finanziellen Fragestellungen betrachtet werden muss. Auf der anderen Seite stehen Jugendamtsvertreter mit der Haltung, dass es bei der Steuerung der Jugendhilfe darum geht, das Verhältnis zwischen Kosten und Qualität optimal zu gestalten, sowie Trägervertreter, die ihre Angebote innerhalb einer Kosten-Qualitäts-Relation verorten. Für diese stellen Finanzen und Fachlichkeit nicht zwei per se konträre Pole dar, sondern sie sehen Finanzen und Fachlichkeit in Relation zueinander.

Finanzen und Fachlichkeit: ein antagonistisches Verhältnis

In den Äußerungen des westdeutschen Jugendamtsleiters WLJA dokumentiert sich eine Orientierung, nach der „fachliche Qualität“ (WLJA_14) an erster Stelle stehen muss, wobei aus seiner Sicht über fachliche Qualität grundsätzlich auch Kosten reduziert werden können. So berichtet er, dass wirksame „Strukturen der Grundversorgung für Familien und Kinder […] in der Tat dazu geführt [haben], dass wir mächtig viel Geld eingespart haben“ (WLJA_98). Äußerungen über vom Jugendamt eingeführte Prozesse der Zielplanung, -dokumentation und

-kontrolle, um die freien Träger so zu steuern, dass das „beste Ergebnis“ (WLJA_14) erzielt wird, nehmen dementsprechend einen großen Raum ein. Mit dieser normativen Haltung grenzt er sich explizit von der Politik ab, der es mit der geplanten Sozialraumorientierung eben nicht darum gehe,

„dass man das sehr sauber beobachtet und auch an Zielund Ergebniskontrollen letztlich dann auch fest macht. Sondern das Ergebnis ist, Hauptsache das Geld explodiert nicht und es wird auf dem Niveau bleiben, wie es jetzt ist“ (WLJA_34).

Weil für die Politik nicht fachliche Ziele, sondern finanzielle Ziele Priorität haben, sieht er beide Dimensionen in einem Zielkonflikt.

Der Fachdienstleiter WLJB desselben Landkreises WL konstruiert einen generellen Gegensatz zwischen Finanzen und Fachlichkeit und betont, „die Finanzierungsformen und die Umsteuerung im Bereich des Geldes [haben] dazu geführt, dass auch ehm die fachlichen Verhältnisse sich verändert haben“ (WLJB_124). Die derzeitige Handlungspraxis sieht er zu stark durch die finanzielle Steuerungsdimension geprägt, auf Kosten von Fachlichkeit. Er favorisiert eine Beziehung, in der die Träger als gleichberechtigte Partner des Jugendamtes finanzielle Sicherheit genießen, „um den sozialpädagogisch handelnden Akteuren wieder mehr Raum, mehr Luft für ihre eigentliche Tätigkeit geben zu können“ (WLJB_126). Für ihn steht Fachlichkeit damit an erster Stelle, während finanzielle Fragen aus fachlichen Entscheidungen herausgehalten werden sollten.

Die Jugendamtsleiterin OLJA des ostdeutschen Landkreises OL versteht das Jugendamt als „Fachamt“ (OLJA_62) und sie beschreibt die Handlungspraxis ihres Jugendamtes als eine ausschließlich fachlich geprägte. Die vom Jugendamt eingeführten Strukturen der Sozialraumorientierung, die auf eine Vernetzung unterschiedlicher Akteure und Disziplinen, die Bereitstellung präventiver und niederschwelliger Angebote sowie gemeinsames Lernen mit den freien Trägern auf Augenhöhe abzielen, sind aus ihrer Sicht Garanten für Fachlichkeit. In ihrer Darstellung der individuellen Hilfeplanung lässt sie keinen Zweifel daran aufkommen, dass „Fachkräfte“ im Rahmen der Hilfeplanung „die geeignete und notwendige Hilfe“ (OLJA_84) gewähren. Für OLJA ist damit Fachlichkeit die bestimmende Zieldimension. Die Realität stellt sich aus ihrer Sicht jedoch anders dar. Dies zeigt sich u.a. in ihrer Feststellung von „Diskrepanzen“ zwischen den finanziellen Rahmenbedingungen, die „landesoder bundesseitig gegeben“ sind, und den fachlich orientierten „gesetzlichen Vorgaben“ (OLJA_146). Die Budgetierung der eigenen Sozialarbeiter und den damit angelegten Widerstreit von Budgetorientierung und Fachlichkeit in der fallbezogenen Entscheidungspraxis erwähnt sie interessanter Weise im Interview mit keinem Wort. Es ist denkbar, dass sie dieses Thema meidet, weil sie sich dann (selbst-)kritisch über den Konflikt zwischen eigenem normativen fachlichen Anspruch und zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen hätte äußern müssen, es diesbezüglich jedoch ein Thematisierungstabu gibt.

Der westdeutsche Trägervertreter WST1A positioniert sich als „Sozialpädagoge“, der „nur die Funktion eines Leiters“ innehat, und er betont, er „[h]abe natürlich für eine entsprechende Auslastung und Sicherheit der Arbeitsplätze zu sorgen. Aber im Einzelfall steht das Interesse des jungen Menschen und der Familie“ (WST1A_58) an vorderer Stelle. WST1A verweist damit auf ein Spannungsfeld seiner Tätigkeit, das in einem Verständnis von Finanzen und Fachlichkeit als Gegenpole seinen Ursprung hat. In der Folge positioniert er sich als jemand, dessen eigene Handlungspraxis primär durch Fachlichkeit geprägt ist. In der von ihm beschriebenen Handlungspraxis dokumentiert sich allerdings eine ausgeprägte unternehmerische Orientierung, bei der die Überlebensfähigkeit seines Trägers, die Wirtschaftlichkeit der Angebote und personalpolitische Erwägungen zentrale Maßstäbe seines Handelns darstellen.

Eine ähnliche Selbstpositionierung zeigt sich beim westdeutschen Trägervertreter WLT1A. Er spricht seinen Träger von Vorwürfen, nur an die Finanzen, nur an Arbeitsplätze und Gewinn zu denken, frei und positioniert ihn als Akteur, dem es um „die Menschen vor Ort“ und „qualitativ gute Arbeit“ geht (WLT1A_67) und „erst zweitoder drittrangig [um] die Auslastung hier“ (WLT1A_181). Gleichzeitig dokumentiert sich in den Beschreibungen der Handlungspraxis eine ausgeprägte unternehmerische Orientierung und er bemisst den Erfolg seiner Einrichtung an der Auftragslage und Expansion (WLT1A_183).

 
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