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8.3 Ein Erklärungsmodell: Kollektive Orientierungen und die Beziehung in ihrer Bezüglichkeit

Die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern ist vor dem Hintergrund eines ambivalenten Diskurs-Kontextes zu sehen, der sich durch widersprüchliche Normen auszeichnet. Dieser bildet den ‚Möglichkeitsraum', in dem die Jugendamtsund Trägervertreter sich mit ihrem Beziehungsverständnis und dem damit verbundenen Verständnis von der eigenen Rolle bewegen. Die Beziehung hängt konkret davon ab,

Ÿ durch welchen Ausschnitt des Diskurs-Kontextes die Jugendämter und Träger geprägt sind und welche Rolle dieser spezifische Diskurs-Ausschnitt den beiden Seiten zuschreibt,

Ÿ ob es sich bei diesem Ausschnitt um einen mehr oder weniger geteilten Diskurs-Kontext handelt und damit verbunden, ob das eigene und das von außen herangetragene normative System-, Beziehungsund Zielverständnis und die damit einhergehenden Vorstellungen und Ansprüche kongruent oder dissonant sind.

Abbildung 6: Orientierungen als unterschiedliche Variationen des Diskurses

Quelle: eigene Darstellung

Ist das normative Systemund Beziehungsverständnis dissonant, bietet der ambivalente Diskurs-Rahmen ein Reservoir an Argumentationsund Legitimationsmustern, um – je nach eigenem Anspruch auf Macht – das eigene Verständnis zu legitimieren und die Position und das zugrundeliegende Verständnis der anderen Seite zu hinterfragen. Ob es gelingt, das eigene Verständnis durchzusetzen, hängt davon ab, durch welches normative Systemund Beziehungsverständnis andere relevante Akteure, sprich die Politik und die anderen Träger, geprägt sind.

Sind die normativen Systemund Beziehungsverständnisse kongruent, ist die Beziehung in der Tendenz konsensual. Sind sie dissonant und der freie Träger versucht sein normatives Verständnis gegenüber dem Jugendamt durchzusetzen, ist die Beziehung in der Tendenz antagonistisch.

Dabei ist zu beachten, dass die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern per se asymmetrisch ist. Dies spiegelt sich in den Interviews insofern wider, als bei allen Trägervertretern eine ‚Orientierung am Jugendamt' als übergreifende habitualisierte Orientierung rekonstruiert wurde. Auch wenn die Träger sich unterschiedlich verhalten – während die einen z.B. die Systemund Beziehungsdefinition der Jugendämter akzeptieren, weil sie durch einen ähnlichen DiskursAusschnitt geprägt sind, lehnen andere sie ab und stellen der Fremddefinition eine eigene entgegen – sie verhalten sich immer zu den Jugendämtern. Die Jugendämter stellen gewissermaßen Drehund Angelpunkt und damit Orientierungspunkte für das Denken, Handeln und Argumentieren der Träger dar. Sie passen – geprägt durch eine unternehmerische Orientierung – nicht nur ihre Angebote, Strukturen und insgesamt ihr Agieren den Jugendämtern an, sondern sie versetzen sich zum Zwecke der eigenen Existenzsicherung auch immer wieder in die Rolle der Jugendämter, übernehmen deren Perspektive und antizipieren ihr Verhalten. Schließlich verhalten sie sich auch in der Kommunikation relational gegenüber den Jugendämtern. Dies zeigt sich bei den Inhalten, aber auch der Art und Weise, wie sie kommunizieren, d.h. ob sie mit Blick auf ihre Erfolgschancen überhaupt ihr Systembzw. Beziehungsverständnis offensiv vertreten und wenn ja, welcher Argumentationsfiguren sie sich bedienen, um sich als Anbieter zu positionieren und ihre eigenen Ansprüche zu legitimieren.

Wie stark die Handlungspraxis der Träger durch diese übergreifende Orientierungsfigur geprägt ist, hängt wiederum von ihrer wahrgenommenen Abhängigkeit von den Jugendämtern ab. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel des Trägers OLT2. Er stellt eine Ausnahme dar und positioniert sich als überlegener Akteur, an dem das Jugendamt sich auszurichten hat. Seine Handlungspraxis ist durch das Selbstverständnis eines unverzichtbaren Anbieters, aber auch unentbehrlichen fachlichen Experten und wichtigen politischen Unterstützers des Jugendamtes OLJ geprägt. Dieses Selbstverständnis trifft auf ein Jugendamt, das durch ein egalitäres Beziehungsverständnis geprägt ist und die freien Träger als fachliche Mitstreiter und ‚Schützenhilfe' gegenüber einer einseitig finanzorientierten Politik sieht.

In den habitualisierten Handlungs-, Argumentationsund Legitimationsmustern der Jugendämter dokumentiert sich eine weitgehende Autonomie. Die Rekonstruktion der Orientierungen unterstreicht damit die per se asymmetrische Beziehung, in der das Jugendamt als Inhaber der ‚Kompetenz-Kompetenz' und Geldgeber über mehr Gestaltungsmacht verfügt als die Träger. Die Träger haben zwar ihrerseits die Möglichkeit, die Beziehung und ihre Rolle darin zu definieren und auch abweichend zu definieren, doch sie müssen sich dabei immer zur Rahmensetzung des Jugendamtes verhalten.

Die Autonomie des Jugendamtes wird allerdings durch die Politik beschränkt. Ihre habitualisierten Handlungsund Argumentationsmuster lassen sich in vergleichbarer Weise als relational zur Politik interpretieren, wenn sie die Politik als dominierenden Drehund Angelpunkt wahrnehmen, an der sie sich in ihrem Handeln aufgrund politischer oder finanzieller Vorgaben ausrichten müssen. Diese spezifische Bezüglichkeit wird in Kapitel 8.3.2 anhand von Beispielen erläutert, weil sie wiederum die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern teilweise erklärt.

 
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