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8.3.1.2 Beziehung: Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung – Partnerschaft

Das übergreifende Muster kann mit Blick auf die Beziehungs-Dimension wie folgt beschrieben werden: Es handelt sich bei der Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern – wie bereits eingangs beschrieben – um eine grundsätzlich asymmetrische Beziehung. Allerdings zeigt sich auch: Ist das Jugendamt durch eine partnerschaftliche Orientierung geprägt, definiert auch der Träger die Beziehung als Partnerschaft. Ist es sowohl für das Jugendamt als auch den Träger selbstverständliche und unhinterfragte Norm, dass es sich um eine AuftraggeberAuftragnehmer-Beziehung und damit verbunden eine hierarchische Beziehung handelt, dann akzeptiert der Träger diesen vom Jugendamt gesetzten Rahmen. Beinhaltet der Diskurs-Ausschnitt des Trägers aber ein Wissen um beide Pole und damit verbundene Normen, versucht er das bestehende Ungleichgewicht über eine Betonung der Partnerschafts-Norm und z.T. auch Allianzen mit anderen Trägern zu egalisieren. Die in Westdeutschland sozialisierten Trägervertreter zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich im Gegensatz zu den in Ostdeutschland sozialisierten darauf berufen, als ‚freie Träger' per se Mitgestaltungsrechte zu haben. Sie bringen das Selbstverständnis mit, ein gleichberechtigter Partner zu sein. Dieses Selbstverständnis beruht insbesondere auf der Selbstdefinition, Interessenvertreter benachteiligter Kinder und Jugendlicher zu sein und Fachlichkeit zu repräsentieren.

Dieses Muster wird im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele verdeutlicht.

Jugendamt WSJ – Träger WST2

Das Jugendamt WSJ ist durch ein hierarchisches Beziehungsverständnis geprägt und sieht die Träger als abhängige Auftraggeber. Im Selbstverständnis einer zentralistisch aufgestellten Behörde konzentriert das Jugendamt viele Kompetenzen auf sich und steuert die freien Träger u.a. bei der individuellen Hilfeplanung sehr engmaschig. Dem hierarchischen Steuerungsanspruch entsprechend ist eine Einbindung der Träger in eine übergreifende Jugendhilfeplanung kein Thema. Eine AG nach § 78 SGB VIII für eine gemeinsame Jugendhilfeplanung mit den Trägern gibt es nicht.

Dieser Situation steht der Träger WST2 gegenüber, der in dem Selbstverständnis eines ‚anerkannten freien Trägers' durch ein normatives Beziehungsverständnis geprägt ist, nach dem die Jugendämter „freie Träger wirklich als Partner […] begreifen“ (WST2A_19). Den Anspruch, in die Jugendhilfeplanung sowie individuelle Hilfeplanung kontinuierlich und intensiv eingebunden zu werden, legitimiert WST2A mit der eigenen fachlichen Überlegenheit gegenüber dem Jugendamt. Ein wiederkehrendes Argumentationsmuster ist, dass Jugendämter nur Qualität gewährleisten können, wenn sie gemeinsam mit den Trägern die Bedarfe in den ‚Qualitätszirkeln' der AG nach § 78 SGB VIII erörtern und sie intensiv in die Hilfeplanung einbinden (WST2A_19).

Jugendamt WLJ – Träger WLT1 und WLT2

Die Handlungspraxis des Jugendamtes in WLJ ist durch einen hierarchischen Steuerungsanspruch gegenüber den Trägern geprägt. Die Jugendamtsvertreter teilen die Einschätzung, dass die derzeitige Beziehung eine zwischen Auftraggeber und Auftragnehmern ist. In der individuellen Hilfeplanung werden die Träger über vom Jugendamt vorgegebene Ziele mit Hilfe von Zieldokumentationen und -controlling engmaschig gesteuert. Treffen der AG nach § 78 SGB VIII gibt es nur selten und in den Sitzungen gibt das Jugendamt Inhalte und Agenda vor, während es selbst die Träger als passive, hinnehmende Akteure wahrnimmt (WLJB_45). Es gibt keine Hinweise dafür, dass das Jugendamt die freien Träger überhaupt als aktive Mitgestalter der Jugendhilfeplanung versteht.

Die beiden Träger WLT1 und WLT2 beschreiben die Beziehung als eine, in der das Jugendamt als Geldgeber dominiert: „hier sitzt Auftraggeber, da ist Auftragnehmer, auch in der Reihenfolge“ (WLT2A_228). Als ‚freie Träger' sind jedoch beide durch ein normatives Beziehungsverständnis geprägt, nach dem sie gemeinsam mit dem Jugendamt die Jugendhilfe gestalten sollten. Eng damit verbunden ist die Selbstpositionierung als Advokat für das Kindeswohl und Repräsentant der Fachlichkeit gegenüber einem kostenorientierten Jugendamt (WLT1A_137, WLT1A_121, WLT2A_72). Ihr eigenes Beziehungsverständnis verteidigen sie im Schulterschluss mit anderen freien Trägern sowohl verbal als auch handlungspraktisch.

Der Trägervertreter WLT2A beschreibt es als erprobte Handlungspraxis, sich mit anderen Trägern gegen das Jugendamt zu verbünden, um eigene Ansprüche durchzusetzen. Der aus freien Trägern zusammengesetzte Fachausschuss versuche etwa, so berichtet WLT2A, die Jugendhilfe über den Jugendhilfeausschuss in WL mitzugestalten (WLT2A_82), gemeinsam boykottiere bzw. kippe man auch Beschlüsse (WLT2A_72). Er berichtet außerdem, dieser Fachausschuss habe sich im Zusammenhang mit der geplanten Sozialraumorientierung an die politischen Fraktionen gewandt, um – in diesem Punkt erfolgreich – durchzusetzen, dass das Sozialraumbudget nicht gedeckelt wird (WLT2A_210).

Die bestehende hierarchische Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung sehen beide Trägervertreter jedoch als unabänderliches Faktum an. Die explizite Selbstdefinition als ‚freie Träger' und damit Mitgestalter der Jugendhilfe auf Augenhöhe sind insofern als Bemühungen zu werten, die tradierte und über lange Zeit anerkannte Norm einer gleichwertigen Beziehung zu verteidigen, damit etwas „mehr gleiche Augenhöhe“ (WLT2A_228) erzielt wird. Es geht ihnen damit um eine Angleichung, nicht Nivellierung der als ungleich wahrgenommenen Beziehung.

Jugendamt OSJ – Träger OST1 und OST2

Das Jugendamt OSJ versteht die freien Träger als Auftragnehmer und Partner. Letzteres zeigt sich u.a. an der regelmäßigen Einbindung der freien Träger in die Jugendhilfeplanung und dem intensiven fachlichen Austausch, was auf eine partnerschaftliche Orientierung verweist. Diese wird allerdings überlagert von dem Anspruch, den Planungsprozess in der eigenen Hand zu behalten und z.B. in der AG nach § 78 SGB VIII – wenn es um Beschlussvorlagen für den Jugendhilfeausschuss geht – die Entscheidungen zu dominieren. Auch in der individuellen Hilfeplanung sieht sich das Jugendamt in einer Führungsrolle gegenüber den Trägern. Damit steht neben der partnerschaftlichen Orientierungsfigur ein hierarchisch-autoritärer Führungsund Steuerungsanspruch gegenüber den freien Trägern.

Die in Westdeutschland bei einem freien Träger sozialisierte Trägervertreterin OST1A definiert die Beziehung als „partnerschaftlich abhängig“ (OST1A_24). Sie sieht ihren Träger einerseits als abhängigen Auftragnehmer. Gleichzeitig ist sie durch ein Selbstverständnis als ‚freier Träger' geprägt. Damit verbunden formuliert sie den Anspruch als Partner eingebunden zu werden und fordert Autonomie bei der Leistungserbringung. Diesen Anspruch sieht sie als erfüllt an, weil es zum einen regelmäßige Sitzungen des Jugendhilfeausschusses gibt und auch die AG nach § 78 SGB VIII häufig tagt. Zum anderen wird ihr Träger oft vom Jugendamt zur fachlichen Beratung herangezogen (OST1A_24). Sie legitimiert den Anspruch mit der fachlichen Überlegenheit des Trägers sowie der spezifischen Kenntnis der Praxis vor Ort (OST1A_44_154).

Die in Ostdeutschland sozialisierte Trägervertreterin OST2A definiert die Beziehung als Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung und ihren Träger als

„Anhängsel“ (OST2A_36) des Jugendamtes. Für sie ist diese Art der Beziehung ein selbstverständlicher Rahmen. Dass das Jugendamt versucht Kosten einzusparen ist für sie normal und wird deshalb auch nicht von ihr kritisiert (OST2A_250). In ihren Darstellungen der Handlungspraxis dokumentiert sich ein defensiver Habitus. ‚Aushalten' ist die zugrundeliegende Orientierungsfigur.

Jugendamt OLJ – Träger OLT2

Die Jugendamtsvertreterinnen OLJA und OLJB teilen das Selbstverständnis, dass das Jugendamt gemeinsam mit den Trägern die Jugendhilfelandschaft fachlich weiterentwickelt. In dem Verständnis, dass inhaltliche Konzepte, hinter denen auch die Träger stehen, besser in die Praxis umgesetzt werden, wird den Trägern nichts „aufgestülpt“ (OLJB_147), sondern alles gemeinsam erarbeitet. Eine dominierende Rolle bzw. „dieses Machtgehabe eines öffentlichen Trägers“ (OLJA_70) will das Jugendamt explizit nicht ausüben. Das Jugendamt versucht stattdessen die Träger über Fortbildungsveranstaltungen, vierteljährliche Trägerveranstaltungen und jährliche Zielvereinbarungen zu überzeugen und ‚mitzunehmen' und schätzt dabei eine offene Diskussionskultur, in deren Rahmen nicht nur das Jugendamt, sondern auch die Träger Forderungen stellen und Kritik üben können. Denn die Träger geben mit ihren Forderungen dem Jugendamt „viel Schützenhilfe“ gegenüber der kostenorientierten Politik und ermöglichen damit dem Jugendamt seiner Rolle als „Fachamt“ (OLJA_62) gerecht zu werden.

Der Trägervertreter OLT2A beschreibt die Beziehung als sehr gut, weil die Zusammenarbeit „wirklich auf Augenhöhe“ (OLT2A_58) erfolgt. Partnerschaftliche Zusammenarbeit bedeutet für ihn vom Jugendamt eingebunden zu werden und dass „[u]nsere Meinung als [Träger] zu bestimmten Verhältnissen zum Beispiel […] ausdrücklich erwünscht“ ist (OLT2A_58). Sein Selbstverständnis als gleichberechtigter Partner gründet dabei auf dem Wissen, für das Jugendamt ein unverzichtbarer Anbieter zu sein (OLT2A_115), auf dessen politische Schützenhilfe es angewiesen ist (OLT2A_94).

 
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