Ein Erklärungsmodell für die Beziehung: Jugendämter und freie Träger mit (un-)geteilten Verständnissen und damit verbundene Beziehungsmuster

Die Beziehung zwischen Jugendamt und Trägern ist asymmetrisch. Bei allen Trägern wurde eine ‚Orientierung am Jugendamt' als übergreifende habitualisierte Orientierung rekonstruiert. Ihre Handlungs-, Argumentationsund Legitimationsmuster lassen sich als relational zu denen des Jugendamtes interpretieren. Wie stark die Handlungspraxis der Träger durch diese übergreifende Orientierungsfigur geprägt ist, steht dabei in einem engen Zusammenhang mit ihrem Selbstverständnis und ihrer Wahrnehmung finanzieller Abhängigkeit vom Gegenüber.

Die Beziehung hängt konkret davon ab,

Ÿ durch welchen Ausschnitt des Diskurs-Kontextes die Jugendämter und Träger geprägt sind und welche Rolle dieser spezifische Diskurs-Ausschnitt den beiden Seiten zuschreibt

Ÿ ob es sich bei diesem Ausschnitt um einen mehr oder weniger geteilten Diskurs-Kontext handelt und damit verbunden, ob das eigene und von außen herangetragene normative System-, Beziehungsund Zielverständnis und die damit einhergehenden Vorstellungen und Ansprüche kongruent oder dissonant sind.

Geteilte normative Systemund Beziehungsverständnisse

Ist das normative Verständnis kongruent, ist es z.B. für beide selbstverständlich, dass sie als Auftraggeber und Auftragnehmer in einer primär hierarchisch geprägten Beziehung zusammenarbeiten und Wettbewerb dabei den Handlungsrahmen darstellt, dann akzeptieren die Träger ihre vom Jugendamt zugewiesene Rolle. Die Beziehungskultur ist in der Tendenz konsensual.

Ungeteilte normative Verständnisse …

Ist das normative Verständnis vom System und von der Beziehung dissonant, bietet der ambivalente Diskurs-Rahmen ein Reservoir an Argumentationsund Legitimationsmustern, um – je nach eigenem Anspruch auf Macht – das eigene Verständnis zu legitimieren und/oder die Position und das der Gegenseite zu hinterfragen. Die Beziehung ist in der Tendenz antagonistisch. Denn die Träger versuchen ihr Systemund Beziehungsverständnis über Rhetorik und/oder Handeln gegenüber dem Jugendamt durchzusetzen, wenn sie sich davon Vorteile erwarten und die Risiken negativer Folgen für ihre Organisation begrenzt sind. Ob es ihnen gelingt, ihr Beziehungsverständnis durchzusetzen, hängt davon ab, durch welches normative Systemund Beziehungsverständnis andere relevante Akteure, sprich die Politik und die anderen Träger, geprägt sind.

a) mit Blick auf das System

Ist ein Jugendamt durch einen wettbewerbsorientierten Orientierungsrahmen geprägt, versuchen die Träger, die sich durch Wettbewerb in einer nachteiligen Situation sehen, ihre Position über Argumentationsmuster gegen Wettbewerb und/oder wettbewerbsfeindliche Handlungsmuster in Form von Allianzen (Preis-, Gebiets-, Mengenkartelle) gegenüber dem Jugendamt zu stärken. Wenn das Jugendamt dagegen durch ein korporatistisches Systemverständnis geprägt ist, nach dem ein geschlossener Markt mit komplementären Angeboten den ‚richtigen' Rahmen bildet, dann argumentieren und agieren die in diesem Arrangement nicht berücksichtigten Träger mit einem ordoliberalen Systemverständnis für die Öffnung des Marktes und einen gleichberechtigten Zugang aller Wettbewerber.

b) mit Blick auf die Beziehung

Versteht das Jugendamt die Beziehung als eine zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer, während für den Träger auch die Norm der partnerschaftlichen Zusammenarbeit eine Rolle spielt, dann versucht der Träger mit Verweis auf diese Norm die hierarchisch markierte Beziehung so weit wie möglich zu egalisieren. Dies trifft insbesondere für westdeutsche Träger zu.

Finanzielle und fachliche Argumentationsmuster

Das eigene Systemund Beziehungsverständnis wird dabei häufig damit legitimiert, dass es Fachlichkeit bzw. eine hohe Qualität der Angebote bzw. ein optimales Verhältnis zwischen eingesetzten Finanzen und Qualität oder auch eine Kostensenkung gewährleistet. Diese Argumentationsmuster nutzen sowohl Jugendämter als auch Träger, um ihr ‚richtiges' Verständnis gegenüber dem ‚falschen' der Gegenseite abzugrenzen.

Die Selbstpositionierung über Fachlichkeit zur Legitimierung eigener Ansprüche Zudem ist die Selbstpositionierung als ‚der' Repräsentant der Fachlichkeit, während man der Gegenseite die Position zuweist, primär kostenorientiert zu agieren, ein gängiges Argumentationsmuster auf beiden Seiten. Indem Jugendämter für sich in Anspruch nehmen Fachlichkeit zu gewährleisten, während sie den Trägern zuschreiben primär profitorientiert zu agieren, legitimieren sie ihre Machtund Steuerungsansprüche. Die freien Träger legitimieren ihrerseits mit der Selbstpositionierung, Fachlichkeit gegenüber primär kostenorientierten Jugendämtern zu vertreten, Ansprüche auf mehr Einfluss und Ressourcen. Die Zieldimension steht also gewissermaßen quer zu den anderen beiden Dimensionen, weil in der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit darüber, wie das System und die Beziehung auszugestalten sind, immer auch fachliche und finanzielle Argumente eingesetzt werden.

Die Beziehung von Jugendamt und Politik zwischen Finanzen und Fachlichkeit Die Beziehung zwischen Jugendamt und Politik stand nicht im Fokus dieser Arbeit. Doch da sie teilweise die Beziehung zwischen Jugendamt und freien Trägern erklärt, soll kurz darauf hingewiesen werden, dass dieses soeben skizzierte übergreifende Muster der Selbstund Fremdpositionierung sich auch in der Beziehung des Jugendamtes zur Politik zeigt. Das Jugendamt nimmt scheinbar im Sinne einer funktionalen Symbiose jeweils die Gegenposition zur Politik ein. Nimmt das Jugendamt die Politik als primär kostenorientiert wahr, bildet sich eine dominierende fachliche Orientierung heraus und es positioniert sich als Fachamt. Erfährt das Jugendamt von Seiten der Politik keinen Kostendruck, ist es ihm wichtig, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln sparsam umzugehen, und es positioniert sich als Hüter der öffentlichen Finanzen.

 
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