Die relationale Typenbildung: Ein neuer Weg der dokumentarischen Methode

Die Dokumentarische Methode zielt auf die Generierung mehrdimensionaler Typologien. Der sinngenetischen Typenbildung, die anstrebt die unterschiedlichen Orientierungen zu rekonstruieren, folgt in der Regel eine soziogenetische Typenbildung, der es darum geht, die Variationen als Produkte verschiedener standort-, milieuund organisationsspezifischer Erfahrungsräume zu erklären. Für den Fall, dass sich typisierte Orientierungen nicht auf bestimmte Erfahrungsräume sinnvoll zurückführen lassen, skizziert Nohl auf Basis erster Forschungserfahrungen einen neuen Weg der Typenbildung, den er als relationale Typenbildung bezeichnet (vgl. Nohl 2013). Dieser Weg wurde mit dieser Arbeit erstmals für den Untersuchungsgegenstand der Beziehung zwischen Organisationen beschritten und sie betritt damit methodisch Neuland.

Es wurden Hinweise dafür gefunden, dass die Sozialisation in Westbzw. Ostdeutschland einen Einfluss auf die Sensibilität für die Ambiguität der Beziehung und damit auch das Selbstverständnis der Akteure hat. Ein weiterer Hinweis für die Ost-West-Sozialisation als erklärende Variable ist das Ergebnis, dass alle analysierten westdeutschen Träger das Selbstverständnis und – damit verbunden – den Anspruch teilen, als Advokaten des Kindeswohls sowie ‚die' Repräsentanten von Fachlichkeit die Jugendhilfe entscheidend mitzugestalten. Ein entsprechendes Selbstverständnis ist bei den ostdeutschen Trägern weniger erkennbar. Sie verstehen sich primär als abhängige Auftragnehmer, bzw. wenn sie sich zusätzlich auch als Partner des Jugendamtes verstehen, dann legitimieren sie diesen Anspruch damit, als Anbieter unverzichtbar zu sein.

Aufgrund der Vielfalt von Akteuren und Beziehungen, die wiederum in unterschiedlichste Kontexte eingebettet sind, hat diese Arbeit nicht das Ziel verfolgt, die rekonstruierten Orientierungen in ihrer sozialen Genese im Sinne einer soziogenetischen Typenbildung zu erklären. Die Festlegung auf spezifische Erfahrungshintergründe erschien vor dem Hintergrund der Vielzahl sich überlagernder Erfahrungsräume als eine zu starke Verengung und damit Reduktion der Wirklichkeit. Eine systematische Erweiterung und Kontrolle der verschiedenen Beziehungskontexte in Verbindung mit einer erheblichen Ausweitung des Samples stellt hier eine von mehreren Möglichkeiten für Anschlussforschung dar. Es könnten so Erkenntnisse darüber gewonnen werden, ob und wie die verschiedenen Beziehungen mit klar abgrenzbaren Erfahrungsräumen erklärt werden können.

Im Prozess der Datenauswertung zeigte sich jedoch sehr früh, dass die habitualisierten Orientierungen und damit verbundenen Denk-, Handlungs-, Argumentationsund Legitimationsmuster der Beziehungspartner Jugendamt und freier Träger sich in ihrer Relation zueinander erklären lassen. Sie stehen in einem Verhältnis zueinander und erklären sich gewissermaßen gegenseitig. In diesem Zusammenhang war die 2013 veröffentliche Schrift von Arnd-Michael Nohl mit dem Titel ‚Relationale Typenbildung und Mehrebenenvergleiche. Neue Wege der dokumentarischen Methode' eine wichtige Inspiration. Sie wirft nämlich die Idee auf, dass es neben der soziogenetischen Erklärung von Orientierungen auch das Konzept einer relationalen Typenbildung geben könnte. Nohls Überlegungen zur relationalen Typenbildung beziehen sich allerdings ausschließlich auf eine tiefere Durchdringung individueller Orientierungen (vgl. Nohl 2013). Und auch in der praktischen Forschung wurde diese neue Form der Typenbildung bislang nur angewandt, um verschiedene Dimensionen individueller Orientierungen in ihrem Zusammenhang besser erklären zu können. Nohls Konzept ermutigte mich jedoch die im Rahmen der Datenanalyse entstandene Vermutung, dass kollektive Orientierungen von Organisationen auch in ihrer Relation zueinander erklärt werden können, weiter zu verfolgen. Die hier vorliegende Studie zeigt damit erstmalig, dass die von Nohl entwickelte Idee der relationalen Typenbildung als neuer Weg der dokumentarischen Methode auch für die Erklärung der Beziehung zwischen Organisationen sinnvoll angewandt werden kann.

 
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