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Zivilisation

Zu lernen, wie man Feuer kontrolliert, war und ist eine Form der Zivilisation. Weil Menschen das Feuer gezähmt und es zu einem Teil ihrer eigenen Gesellschaften gemacht haben, sind diese Gesellschaften komplexer und die Menschen selbst zivilisierter geworden.

Dies ist die Grundidee, die ich in den nächsten Kapiteln ausarbeiten werde. Diesem Vorhaben liegt eine Konzeption von Zivilisation zugrunde, die sich sowohl von der Art und Weise unterscheidet, in der das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch, in Politik und Presse heute meistens benutzt wird, als auch von der mehr technischen Bedeutung, die ihm in den Spezialgebieten der Anthropologie und Archäologie unterlegt wird.

Die generelle Funktion des Begriffs Zivilisation, wie es in der heutigen Zeit am häufigsten verwendet wird, ist von dem Soziologen Norbert Elias auf den ersten Seiten seines Buches Über den Prozeß der Zivilisation treffend zusammengefaßt worden:

Es faßt alles zusammen, was die abendländische Gesellschaft der letzten zwei oder drei Jahrhunderte vor früheren oder vor – primitiveren – zeitgenössischen Gesellschaften voraus zu haben glaubt. Durch ihn sucht die abendländische Gesellschaft zu charakterisieren, was ihre Eigenart ausmacht und worauf sie stolz ist: den Stand ihrer Technik, die Art ihrer Manieren, die Entwicklung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis oder ihrer Weltanschauung und vieles andere mehr. [1]

Dieses Zitat besagt, daß der Begriff Zivilisation in seinem allgemeinen Gebrauch – ebenso wie der verwandte Begriff Kultur – einen eindeutig bewertenden, ethnozentrischen Unterton enthält. Es ist jedoch möglich, diese Konzepte weiter zu entwickeln und sie in einen distanzierteren wissenschaftlichen Diskurs einzubinden. Das Wort Kultur wird in den Sozialwissenschaften allgemein als der technische Begriff anerkannt, der alle jene Aspekte des Verhaltens, die "gelernt, geteilt und weitergegeben werden"[2], umfaßt. Es ist meine Absicht, das Wort Zivilisation in einer ähnlichen, nicht bewertenden Art und Weise zu verwenden.

Als technischer Begriff wird "Zivilisation" heute häufig von Anthropologen und Archäologen gebraucht, jedoch in einer ziemlich eingeschränkten Bedeutung. Insbesondere Archäologen tendieren dazu, den Begriff Zivilisation ausschließlich auf Gesellschaften mit Städten und einem Schriftsystem anzuwenden. Dieser Gesellschaftstyp entwickelte sich ungefähr vor fünftausend Jahren, einige Zeit nach der Entstehung der Landwirtschaft. Diese eingeschränkte Bedeutung kommt eindeutig in den Titeln solcher bekannten und ausgezeichneten Bücher wie The Emergence of Civilization und Before Civilization des britischen Archäologen Colin Renfrew zum Ausdruck. [3]

Mir ist bewußt, daß man generell nicht vom Standardgebrauch eines Konzeptes abweichen sollte, das als technischer Terminus eingeführt ist. In diesem Fall gibt es gute Gründe, es dennoch zu tun. Der erste Grund sind die unterschwellig bewertenden Konnotationen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Eine Definition, die den Begriff der Zivilisation auf Völker mit Städten und einer Schriftkultur beschränkt, gelangt notwendigerweise zu der Schlußfolgerung, daß die Menschen während des größten Teils ihrer Geschichte und "Vorgeschichte" unzivilisiert waren. Die meisten Archäologen vermeiden eine deutliche Benennung dieser Schlußfolgerung, aber sie ergibt sich logischerweise aus ihrer Definition.

Eine weitere Konsequenz der scharfen Unterscheidung zwischen Völkern, die "zivilisiert" sind, und solchen, die es (noch) nicht sind, ist, daß wir damit keinen Begriff mehr haben, der durchgängig auf die Prozesse der soziokulturellen und soziopsychologischen Entwicklung der Menschen in jeder gegebenen Gesellschaft angewendet werden kann. Dagegen ließe sich einwenden, daß wir einen solchen allgemeinen Begriff schon haben – nämlich "Kultur". Unglücklicherweise ist dieser Begriff jedoch stark statisch geprägt. Er bezieht sich eher auf Errungenschaften als auf die Prozesse, in deren Verlauf diese Errungenschaften entstanden sind oder sich geändert haben. [4] So beschrieb die amerikanische Anthropologin Ruth Benedict auf bewundernswerte Weise in ihrem einflußreichen Buch Urformen der Kultur drei verschiedene Kulturen und den großen Einfluß, den diese Kulturen auf die Individuen ausübten, die in ihnen aufwuchsen. Doch sie überging vollständig das Problem, wie diese Kulturen zu dem wurden, was sie waren; bezeichnenderweise wählte sie als Motto für ihr Buch die Worte eines Häuptlings der Digger-Indianer, der sagte: "Zu Anbeginn gab Gott jedem Volk eine Schale, eine tönerne Trinkschale, und aus dieser Schale tranken sie ihr Leben." [5]

Um zu betonen, daß wir es eher mit Prozessen als mit unveränderbaren Bedingungen zu tun haben, habe ich den Begriff Zivilisation als dynamisches Gegengewicht zu dem höchst statischen Konzept der Kultur gewählt. Im Gegensatz zu der Idee von "Kultur" und "Kulturen" als gegebenen Strukturen, von denen stillschweigend angenommen wird, daß sie keine Geschichte hätten oder zumindest daß ihre Geschichte irrelevant sei, beginne ich mit einern Konzept von "Zivilisation" als Prozeß. Ebensowenig wie das Konzept der Kultur für die sogenannten Hochkulturen reserviert bleiben kann, werde ich den Begriff Zivilisation auf Völker mit Städten und Schrift beschränken.

Das Konzept der Zivilisation auf die ganze Menschheit und auf die ganze Menschheitsgeschichte anzuwenden ist keine radikale Innovation. Im Gegenteil, damit reihe ich mich in eine lange und ehrwürdige Tradition soziologischer und anthropologischer Literatur ein. Diese Tradition ist jedoch in jüngster Zeit heftig kritisiert worden, weil sie ursprünglich mit der Vorstellung einherging, daß die abendländische Kultur den Höhepunkt der menschlichen Zivilisation verkörpere, den zu erreichen jeder Mensch notwendigerweise anstreben solle. Auch wenn man den Ethnozentrismus in der Arbeit unserer Vorgänger erkennt, muß man deswegen nicht die Aufgabe, die sie sich gestellt haben, insgesamt unkritisch ad acta legen: die Untersuchung der Entwicklung der menschlichen Kultur und Kulturen als einen zusammenhängenden Prozeß. Eine kleine, aber wachsende Zahl Gelehrter verschiedener Disziplinen hält dies heute in der Tat für eine bedeutende und lohnende Aufgabe. [6]

Der am weitesten führende Versuch, das Konzept der Zivilisation von seinem ideologischen und europazentrierten Beigeschmack zu reinigen, ist in der Soziologie immer noch Norbert Elias' Untersuchung Über den Prozeß der Zivilisation. Das Buch befaßt sich in erster Linie mit Verhaltensänderungen in den Oberschichten in Westeuropa zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert. Elias weist nach, daß es während dieser Epoche zu tiefgreifenden Veränderungen in den Verhaltensstandards kam. Diese Wandlungen waren keineswegs zufällig, sondern spiegelten einen gründlichen Wandlungsprozeß in der Struktur der Gesellschaft wider. Um eine wichtige Passage sinngemäß zu zitieren: Die Wandlungen vollzogen sich in den sozialen Beziehungen zwischen den Menschen; folglich wandelten sich auch die Zwänge, die die Menschen gegenseitig ausübten, und dies beeinflußte ihr Verhalten sowie ihre Gefühle und damit ihre ganze Persönlichkeitsstruktur. [7] An anderer Stelle merkt Elias an, daß es unmöglich sei, einen Nullpunkt für den Zivilisationsprozeß anzugeben. [8] In der Tat:

Auf welche historische Epoche sollten wir schauen, um die Generation zu finden, die den Übergang von einer unzivilisierten zu einer zivilisierten Lebensweise vollzog? Wie weit müßten wir zurückgehen, um Ahnen zu treffen, von denen wir mit gutem Recht sagen könnten, daß sie in jeder Hinsicht unzivilisiert waren, da sie völlig ohne Selbstzwänge, die durch Außenzwang erlernt wurden, lebten?

  • [1] Alle Werke von Norbert Elias sind im Suhrkamp Verlag als Gesammelte Schriften (GS) in 19 Bände erschienen. Im Folgenden wird nach den Gesammelten Schriften zitiert, wobei auch das Jahr der Ersterscheinung des jeweiligen Titels genannt wird. Elias 1997a, GS 3.1, S. 89 f. [1939a S. 1 f.].
  • [2] Vgl. Goudsblom 1980, S. 51–74.
  • [3] Renfrew 1972; 1976.
  • [4] Vgl. Goudsblom 1980, S. 51–83. Während in unseren modernen Sprachen das Substantiv "Zivilisation" von einem Verb abgeleitet wird, ist dies bei dem Substantiv "Kultur" nicht der Fall. Wir können sagen, daß Menschen sich gegenseitig und selbst zivilisieren, aber diese Vorstellung kann nicht auf das Wort Kultur übertragen werden.
  • [5] Benedict 1955.
  • [6] Siehe z. B. Festinger 1983; Hallpike 1986; Hillel 1991; Lenski u. a. 1991; Stavrianos 1990.
  • [7] Elias 1997b, GS 3.2, S. 389 [1939b. S. 377]
  • [8] Elias 1997a, GS 3.1, S. 311 [1939a, S. 218]
 
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