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Die Domestizierung des Feuers als Zivilisationsprozeß

Das Thema Feuerbeherrschung eignet sich sehr gut, den Gegenstand, den die oben gestellten Fragen aufgeworfen haben, zu durchleuchten, denn sie ist ganz offensichtlich ein Element der Kultur und ist als solches schon seit vielen tausend Generationen ein integraler Bestandteil des menschlichen Lebens. Der Übergang von einem Leben ohne Feuer zu einem Leben mit Feuer hat das Leben in vieler Hinsicht bequemer und sicherer gemacht, es hat aber selbstverständlich auch neue Zwänge und Risiken mit sich gebracht. Die immerwährende Anwesenheit von Feuer in einer Gruppe von Menschen ist ein erschwerender Faktor; mit dieser Komplikation umgehen zu lernen, ist ein gutes Beispiel für die Art von Verhaltens"mutation", die einen neuen Impuls zu Zivilisationsprozessen geben kann.

Nachdem solche soziokulturellen Mutationen entstanden sind, werden sie nicht – wie in der biologischen Evolution – automatisch reproduziert. Jedes menschliche Wesen muß daher durch einen Lernprozeß gehen, um die Fertigkeiten zu erwerben, die für den Umgang mit Feuer notwendig sind. Allgemein gesprochen:

Um ganz menschlich zu werden, müssen alle Menschen einen eigenen Zivilisationsprozeß durchlaufen, in dem sie, meistens von anderen, lernen, wie man die eigenen Sinneswahrnehmungen und Impulse reguliert, wie man sich benimmt und wie man denkt. Dieses könnte man den Zivilisationsprozeß auf individueller Ebene nennen.

Nun haben die Standards des Verhaltens, die in einer Gesellschaft zu einer gegebenen Zeit vorherrschen, jedoch nicht den Status unwandelbarer Normen. Kinder in einer modernen Industriegesellschaft haben andere Erfahrungen mit Feuer und müssen andere Fertigkeiten und Gewohnheiten im Hinblick auf Feuer einüben als Kinder, die in einer Gesellschaft ohne Streichhölzer und Feuerzeuge aufgewachsen sind, in denen Feuer vergleichsweise weniger gefährlich war. Wie dieses Beispiel zeigt, sind die sozialen Normen, die in einer bestimmten Gruppe zu einer bestimmten Zeit vorherrschen, selbst auch das Ergebnis historischer Prozesse. Diese historischen Prozesse stellen eine zweite Ebene von Zivilisationsprozessen dar: die soziokulturellen Prozesse, die in jeder Gesellschaft ablaufen, durch die Verhaltensstandards von einer Generation auf die nächste übertragen werden und in deren Verlauf diese Standards sich auch, langsam oder schnell, verändern können. Elias' Untersuchungen über den Zivilisationsprozeß im Westeuropa der frühen Neuzeit konzentrierten sich auf diese zweite Ebene.

Aber in diesem Fall, wie Elias selbst ausdrücklich betonte, fing auch der Zivilisationsprozeß in Westeuropa nicht bei Null an. Ganz gleichgültig, wie weit wir ins frühe Mittelalter zurückgehen, wir finden niemals einen ursprünglichen Zustand, in dem Menschen gänzlich ohne Verhaltensstandards zusammenlebten, die sie selbst als Kinder von ihren Vorfahren gelernt hatten und die von ihren Nachkommen wiederum übernommen wurden. Der europäische Zivilisationsprozeß bildete auf seine Weise eindeutig die Fortsetzung früherer Zivilisationsprozesse – der Griechen, Römer, Kelten, der germanischen Völker usw. Aber auch keine dieser Gesellschaften begann bei Null. Alle nahmen (auch hier gilt wieder: jede auf ihre eigene einzigartige Weise) ältere Traditionen auf, die in vorhergehenden Phasen geformt worden waren. Die menschliche Geschichte (oder auch Vorgeschichte) kennt kein einziges Beispiel einer völlig normenlosen Gruppe, einer Gesellschaft, die noch vollständig unzivilisiert gewesen wäre.

Auf diese Weise ist es möglich, eine dritte Ebene von Zivilisationsprozessen zu unterscheiden: die Ebene der Menschheitsgeschichte. Diese dritte Ebene bildet gewissermaßen den größeren Kontext, in dem die Zivilisationsprozesse auf der zweiten Ebene (der gesellschaftlichen) und der ersten Ebene (der individuellen) stattfinden. Auf den ersten Blick erscheint dies vielleicht als eine zu große und komplexe Aufgabe. Indem ich der Entwicklung der Kontrolle über das Feuer nachgehe, hoffe ich jedoch nachweisen zu können, daß es gerade auf der allgemeinsten Ebene möglich ist, einige allgemeingültige Entwicklungslinien und aufeinanderfolgende Phasen darzustellen, die den Hintergrund für spezifische historische Episoden und individuelle Lebensgeschichten bilden.

 
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