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Aufbau des Buches

Entsprechend den oben ausgeführten Ideen habe ich dieses Buch von einer Entwicklungsperspektive her geschrieben. Der Bezugsrahmen ist die ganze Menschheitsgeschichte, die sich aus der Geschichte zahlloser spezifischer Gesellschaften zusammensetzt. Der Aufbau des Buches ist chronologisch, aber in einigen Fällen, in denen charakteristische Merkmale einer bestimmten Phase der soziokulturellen Entwicklung auch in anderen Perioden sichtbar werden, bin ich vom streng chronologischen Ablauf abgewichen. Der Ausgangspunkt meiner Untersuchung liegt weit in der Vorgeschichte zurück. Wie haben unsere frühesten menschlichen (oder auch hominiden) Vorfahren auf Feuer reagiert, bevor sie irgendeine gezielte Kontrolle über das Feuer ausüben konnten? Was befähigte sie, sich ein gewisses Maß an Kontrolle anzueignen? Wie wurde die Kontrolle über das Feuer, nachdem sie einmal erreicht war, zu einem "Monopol der Spezies Mensch", mit keiner anderen Fähigkeit bei anderen lebenden Spezies vergleichbar? Ich werde diese Fragen ausführlich im ersten Kapitel "Die ursprüngliche Domestizierung des Feuers" erörtern. Ich habe diesen Titel in Anlehnung an Karl Marx' "Die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals" gewählt, um anzudeuten, daß wir es mit der entscheidenden ersten Stufe in einem Prozeß, der immer noch andauert, zu tun haben.

Die ursprüngliche Domestizierung des Feuers brachte, so mein Argument, den ersten großen ökologischen Umbau hervor, den Menschen geschaffen haben. In den darauffolgenden Kapiteln werde ich untersuchen, wie sich die Beziehungen der Menschen zu Feuer und durch Feuer zueinander und zu anderen Tieren entwickelten.

Diese Entwicklung erlebte mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht eine radikale Wende und bewirkte den zweiten von Menschen entfesselten ökologischen Umbau. Der Prozeß der Agrarisierung wäre ohne die Kontrolle über das Feuer unvorstellbar. Einmal in Gang gesetzt, gab sie dem Zivilisationsprozeß neue Impulse. Aus meiner Sicht war die bemerkenswerteste neue Entwicklung die fortschreitende Differenzierung der Lebenslagen der verschiedenen Menschengruppen. Eine größer werdende kulturelle Vielfalt ist paradoxerweise der gemeinsame Nenner der pluriformen Entwicklung von Agrargesellschaften. Der Einsatz von Feuer zeigte eindeutig Spuren kultureller Vielfalt zwischen und innerhalb von Gesellschaften, aber er wies auch auf fortdauernde Konvergenzen hin.

Das Bild von Konvergenzen und Divergenzen in der Entwicklung agrarischer Gesellschaften ist so mannigfaltig, daß ich es nur umreißen kann. Um diese Umrisse mit einigen Details zu füllen, müssen ein paar Beispiele genügen. Bei ihrer Auswahl bin ich einem bekannten Pfad gefolgt, der von Mesopotamien (heute Irak, wo die ersten Stadtstaaten entstanden) nach Westen und in der Zeit weiterführt: über das alte Israel, das alte Griechenland und Rom zum vorindustriellen Europa. Das ist ein ziemlich konventioneller und

"europazentrierter" Weg. Ich habe mich auf ihn eingelassen, um nicht in einem Überfluß von ungeordnetem Material verlorenzugehen. Jede der Gesellschaften, die ich ausgesucht habe, umfaßt eine Periode von mindestens tausend Jahren, und für keine haben wir schon einen Überblick über die verschiedenen Arten des Feuereinsatzes. Mein Ziel ist es nicht, eine enzyklopädische Übersicht zu geben; was ich versucht habe ist, einige wichtige Entwicklungslinien herauszuarbeiten. Weitere vergleichende Forschung wird nötig sein, um sich zu vergewissern, bis zu welchem Grad diese Trends der Entwicklung in anderen Gesellschaften anderer Teile der Welt entsprechen.

Die Industrialisierung bildete dann den dritten von Menschen verursachten ökologischen Umbau, und wiederum spielte Feuer eine unverzichtbare Rolle. Die bis dahin existierenden sozialen und kulturellen Unterschiede schienen zunächst unter dem Einfluß der Industrialisierung nur größer zu werden. Aber es gibt gute Gründe anzunehmen, daß sich in der Gegenwart die Tendenzen zur Konvergenz allmählich verstärken. Ich werde diese Tendenzen in den Kapiteln 8 und 9 behandeln.

Der Rahmen meiner Untersuchung ist sehr weit gespannt. Die Handlung (um die Terminologie des klassischen griechischen Dramas zu benutzen) ist der menschliche Umgang mit Feuer; der Raum ist die Erde; und die Zeit umfaßt mindestens eine halbe Million Jahre – von den ersten Phasen, wie sie mit viel Phantasie von Jean-Jacques Annaud in seinem Film Am Anfang war das Feuer[1] rekonstruiert wurden, bis hin zu unserer Zeit, in der Nuklearphysiker in der Lage sind, Deuteronplasma und Tritiumplasma auf 150 Millionen Grad Celsius zu erhitzen. Während ich die Fachliteratur las – Spitzen gigantischer Eisberge des Wissens – wurde ich mir schmerzlich meiner eigenen Grenzen als Nichtspezialist bewußt. Aber gleichzeitig habe ich gemerkt, wieviel Raum es gibt, um Beziehungen zwischen den verschiedenen Disziplinen herzustellen, und wie lohnend die Aufgabe ist, nach solchen Verbindungen zu suchen.

Der Gegenstand bietet die Gelegenheit zu wiederholten Grenzüberschreitungen zwischen den Disziplinen. Als Soziologe nutze ich die Ergebnisse der Archäologie, Anthropologie, Geschichte, Psychologie, ja selbst der Biologie und Ökologie. Ich habe mich anregen lassen vom Beispiel anderer Generalisten, wie William H. McNeill, der als Historiker auch die ökologischen Bedingungen des menschlichen Lebens erforscht hat, besonders in Seuchen und Völker – Plagues and Peoples –, einer meisterhaften Untersuchung der sich ändernden wechselseitigen Beziehungen zwischen Menschengruppen und verschiedenen Mikroparasiten. [2]

Als einen gemeinsamen Bezugsrahmen für die ökologischen, psychologischen und soziologischen Aspekte der Prozesse, denen ich auf der Spur bin, halte ich es für sinnvoll, sich an Norbert Elias' Idee der Triade der Kontrollen zu orientieren. Demnach gibt es in jeder Gesellschaft drei Typen von Kontrollen, die auf außermenschliche Geschehenszusammenhänge (Ereignisse in der "Natur" oder in der "Umwelt"), auf zwischenmenschliche Zusammenhänge (oder auch "soziale Beziehungen") und auf innermenschliche Ereignisse ausgeübt werden (Kontrollen, die jedes Individuum seinen eigenen Impulsen und Gefühlen gegenüber durchführt). Um diese sich überschneidenden Typen der Kontrolle systematisch zu analysieren, ist unser Vokabular noch sehr unzulänglich. Wichtig ist, daß sie als interdependent gesehen werden und daß sie alle gemeinsam einem Wandel unterliegen können. [3]

Ebensowichtig aber ist die Feststellung, daß die Triade der Kontrollen zur gleichen Zeit auch eine Triade der Abhängigkeiten konstituiert. Zunahmen der Kontrolle (gewöhnlich auch beabsichtigt) bewirken Zunahmen der Abhängigkeit (wegen ihrer Eigenschaften gerade nicht beabsichtigt). Ebenso wie die Kapazität der Menschen angewachsen ist, Feuer zu kontrollieren, hat auch ihre Bereitschaft zugenommen, von sozialen Arrangements abhängig zu werden, die die regelmäßige Verfügbarkeit von Feuer garantieren und die damit verbundenen Gefahren minimieren.

Dieses ist die allgemeine Perspektive, von der aus ich mich der Kontrolle über das Feuer nähern werde. Ich betrachte die Art und Weise ihrer Entwicklung als einen integralen Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Daß Menschen überhaupt gelernt haben, mit Feuer umzugehen, betrachte ich als Ergebnis ihrer soziokulturellen Entwicklung. Der Besitz von Feuer hat menschliche Gesellschaften produktiver und größer gemacht, aber er hat auch ihre Fähigkeit zur Zerstörung erhöht und sie verwundbarer gemacht. Als Teil eines Kontrollapparates über die Natur war die Kontrolle über das Feuer immer eingebunden in die soziale Kontrolle und die Selbstkontrolle – und wird es auch immer bleiben. Als Gegenstand der Untersuchung ist sie an sich schon faszinierend genug, aber gleichzeitig kann sie als Fokus dienen, um den Prozeß der Zivilisation zu untersuchen.

  • [1] Zum dokumentarischen Wert dieses Filmes siehe Liebermann 1982 und Perlès 1982.
  • [2] McNeill 1976.
  • [3] Elias 2006, GS 5, S 210 f. [1970, S. 173 f.]. Siehe auch Goudsblom 1979, S. 150–156.
 
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