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Die Monopolisierung des Feuers durch die Menschen

Uberlegungen zu den Vorbedingungen für die Kontrolle des Feuers durch unsere frühen Vorfahren sind bestenfalls begründete Vermutungen. Es gibt keine Möglichkeit, die Interpretationen, die ich oben versucht habe, einer experimentellen Prüfung zu unterziehen. Ich gehe jedoch davon aus, daß sie plausibel sind. Sie stehen nicht im Widerspruch zu bekannten Fakten, und sie werfen auch Licht auf die allgemeine Frage, wie der Übergang zum aktiven Gebrauch des Feuers vor sich gegangen sein könnte. Wie ich hoffe gezeigt zu haben, war die Fähigkeit, das Feuer zu kontrollieren, durch die gleichzeitige Entwicklung spezifischer sozialer, geistiger und physischer Fähigkeiten möglich geworden. Ein weiteres Problem, das noch berücksichtigt werden muß, ist, wie die Fähigkeit der Feuerkontrolle zu einer exklusiv und universell menschlichen Eigenschaft wurde. Vielleicht liegt die Lösung dieses Problems schon in der Diskussion der Vorbedingungen. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, daß die Kombination sozialer, geistiger und physischer Eigenschaften, die für eine dauerhafte Kontrolle über das Feuer notwendig war, nur im Laufe der menschlichen Evolution herausgebildet wurde und daß keine andere Spezies diese Eigenschaften besaß. Sollte dies tatsächlich der Fall gewesen sein, gibt es kein weiteres Problem.

Wir können unser Thema aber auch in einem anderen Licht betrachten. Es gibt in der Tat zwei sich gegenseitig ausschließende Interpretationen der Voraussetzungen für die Feuerkontrolle. Einerseits konnten wir die Anforderungen an Sorgfalt, Pflege und Voraussicht als so abschreckend schwierig ansehen, daß sie nur von der Spezies Mensch erworben werden könnten. Aber wir können auch eine weniger exklusive Sichtweise einnehmen, die berücksichtigt, daß heute lebende Primaten, insbesondere Schimpansen, schon sehr nahe an den Besitz dieser Konfiguration von sozialen, geistigen und physischen Zügen herankommen, die für den Umgang mit Feuer notwendig sind. Verhaltensforscher haben sehr wenig Untersuchungen unter diesem Aspekt gemacht (überraschenderweise wenig, wie ich finde), aber es gibt doch wenigstens einige Hinweise darauf, die andeuten, daß Schimpansen in der Tat fähig sein könnten, ein Feuer über eine gewisse Zeit brennen zu lassen. [1] Wenn dies so ist, dann ist es wahrscheinlich, daß Australopithecus und andere höhere Primaten, die heute ausgestorben sind, sich schon in diese Richtung entwickelt hatten. Die Frage, die dann auftaucht, ist folgende: Was hielt sie davon ab, diesen Weg weiterzugehen?

Die Antwort kann nur in einer hypothetischen Rekonstruktion dessen, was geschehen sein könnte, gegeben werden. Mein Szenario basiert auf der Idee, daß Vernichtungskämpfe und Prozesse der Monopolbildung, die innerhalb menschlicher Gruppen vorgekommen sind, sich auch zu einem viel früheren Zeitpunkt zwischen Gruppen von Hominiden und anderen Tieren abgespielt haben könnten. Anders ausgedrückt, die Feuerkontrolle als exklusiv menschliche Fähigkeit kann als Ergebnis eines Kampfes zwischen den Arten angesehen werden, vergleichbar den Kriegen innerhalb der Arten, aus denen sich in einem viel späteren Stadium der Geschichte die Staatsmonopole der organisierten Gewalt und Besteuerung entwickelten. [2]

Anfangs konnten Brände nur an den ursprünglichen Entstehungsorten genutzt werden. Die Hominiden, die sich um einen solchen Platz zusammenfanden, konnten sich selbst und gegenseitig in einigen rudimentären Techniken schulen: verschiedene Gegenstände in das Feuer werfen, um zu sehen, ob sie brennen würden, oder das spitze Ende eines Stockes anzünden und es herumschleudern, vielleicht um andere zu erschrecken. Als die Vorteile eines Feuers klarer erkannt wurden, wurde der Zugang zu diesen Brandstellen zunehmend begehrter und hart umkämpft. Die Hominiden, die sich in der Nähe des Feuers aufhielten, benutzen möglicherweise brennende Stöcke, um Eindringlinge abzuwehren. In solchen Kämpfen waren der aufrechte Gang und die manuelle Geschicklichkeit offensichtlich außerordentlich vorteilhaft, und ebenso vorteilhaft waren auch eine wachsende Fähigkeit zu kommunizieren, ein Gruppenzusammenhalt und Disziplin.

Wiederum verstärkte sich die Triade der Kontrollen selbst. Gruppen, die schon in der Nähe eines Feuers waren, waren immer im Vorteil. Wenn sie fähig waren, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Wagemut und Vorsicht im Hinblick auf Feuer zu halten, und diese Eigenschaften auch an die Jüngeren weitergeben konnten, waren sie auf lange Sicht ausgesprochen erfolgreich in der Manipulation des Feuers. Damit wurden sie in gewaltsamen Kämpfen zu wehrhaften Gegnern.

Auf diese Art und Weise verlagerten sich die Machtbalancen: Gruppen, die einen hohen Grad an Kontrolle über Feuer hatten, konnten andere erfolgreich vom Feuer fernhalten, deren Kontrolle auf einem niedrigeren Niveau lag. Die anderen Gruppen verloren damit unausweichlich die Möglichkeiten, sich selbst und die nächste Generation in der Kunst zu üben, mit Feuer umzugehen – was auch immer für Fähigkeiten ihre Vorfahren in dieser Hinsicht entwickelt haben mochten, ging somit verloren. Wir sollten diesen allgemeinen Trend jedoch nicht so betrachten, als hätte er nur aus Ereignissen bestanden, die alle in dieselbe Richtung wiesen. Es handelte sich vielmehr um einen langwierigen und komplizierten Prozeß, in dessen Verlauf das Pendel oft auch in andere Richtungen ausgeschlagen hat. Das einzige, was wir wirklich wissen, ist das Ergebnis: die Monopolisierung des Feuers durch die Menschen.

Die Vorstellung, daß auch andere Primaten zu irgendeiner Zeit rudimentäre Formen des aktiven Feuergebrauchs kannten, paßt in die Theorie des holländischen Verhaltensforschers Adriaan Kortlandt. Seiner Theorie nach stammen die lebenden großen Affen von menschlicheren Vorfahren ab, die von protohominiden Konkurrenten aus der Savanne in die Wälder verjagt wurden und so wieder gezwungen waren, die Lebensweise von Baumbewohnern anzunehmen. Kortlandt spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Prozeß der "Entmenschlichung". Von der physischen Konstitution her könnten Schimpansen ohne weiteres Holz in ein Feuer werfen oder Stöcke anzünden. Ein mögliches Handicap könnte für sie gewesen sein, daß Funken nicht so einfach von ihrem Fell abzuschlagen waren, wie es von der kaum behaarten menschlichen Haut möglich war. Dieser Unterschied zwischen menschlichen Wesen und Affen, den, nebenbei bemerkt, Desmond Morris in seinem Buch Der nackte Affe nicht erwähnt, kann sich vorteilhaft für die Menschen ausgewirkt haben; ein fettiges Fell, wie es einige Primaten haben, könnte andererseits auch als Schutz gegen Brandverletzungen und schmerzlindernd bei Oberflächenverbrennung gewirkt haben. Im gesamten System von physischen, psychischen und sozialen Eigenschaften, die für eine Feuerkontrolle notwendig waren, ist das Haarwachstum jedoch wohl kaum der entscheidende Faktor gewesen. [3] Als sicher kann gelten, daß sich die Monopolisierung des aktiven Einsatzes von Feuer durch die Menschen vor langer Zeit herausgebildet hat. Alle anderen Tiere sind dagegen wehrlos. Sie haben gelernt, es als einen Teil des Apparates zu betrachten, mit dessen Hilfe die Menschen die Welt beherrschen und, wie die Biologen S. L. Washburn und C. S. Lancaster es ausdrücken, sie "terrorisieren".[4]

In einigen Spezies könnte der Ausschluß vom Feuergebrauch eine weitere soziokulturelle Entwicklung blockiert haben; während wohl gleichzeitig die Anforderungen, die ein Leben mit Feuer stellt, auch zur Entwicklung der Sprache und des Denkens bei den Menschen beigetragen haben mögen. So hat die Monopolisierung des Feuergebrauchs zu einer Erweiterung der Kluft – in Macht und Verhalten – zwischen den Menschen und allen anderen Tieren beigetragen. Es bleibt noch das Problem zu erklären, wie es dazu kam, daß die Fähigkeit, Feuer zu kontrollieren, nicht nur ausschließlich menschlich war, sondern sich auch universell auf alle Menschengruppen ausbreitete. Auch in dieser Frage kann ich nur ein hypothetisches Szenario vorschlagen. Nachdem die Kämpfe um das Feuer eingesetzt und einige hominide Gruppen entscheidende Vorteile errungen hatten, konnten es sich benachbarte Gruppen nicht leisten hinterherzuhinken. Entweder mußten sie ebenso kompetent im Umgang mit Feuer werden oder sie würden nach und nach das Schicksal der Besiegten erleiden: Unterdrückung und Anpassung, Flucht oder Vernichtung. Auf lange Sicht gab es keine Menschengruppe, die ohne Feuer überlebte. Die Übergangsphase, in der einige Gruppen Feuer hatten und andere nicht, wurde so beendet. Die Kontrolle über das Feuer war, damals wie heute, sowohl ein exklusives als auch ein universelles Attribut menschlicher Gesellschaften geworden.

  • [1] McGrew 1989; Brink 1957. Siehe auch Kapitel 2.
  • [2] Vgl. Elias 1997b, GS 3.2, S. 132–287 [1939b, S. l23–3l1].
  • [3] Vgl. Morris 1980; Kortlandt und Kooij 1963; Kortlandt 1972.
  • [4] Washburn und Lancaster 1968, S. 221.
 
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