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2. Die Auswirkungen des Feuergebrauchs in voragrarischen Gesellschaften

Die wachsende Kluft zwischen Menschen und anderen Tieren

Die Kontrolle des Feuers hatte unausweichlich weitreichende Konsequenzen. Durch die ihr eigene Natur beeinflußte sie die Beziehungen zwischen den Menschen und der Welt, in der sie lebten, einschließlich der Beziehungen zu anderen Tieren. Sie beeinflußte auch die sozialen Beziehungen zwischen und innerhalb von Menschengruppen. Und diese Konsequenzen erstreckten sich ebenso unausweichlich auf die Art und Weise, wie die menschlichen Individuen die Welt betrachteten und ihr eigenes Verhalten an sie anpaßten. Es ist schwer, diese drei Aspekte – den Umweltaspekt, den soziologischen und den psychologischen Aspekt – auseinanderzuhalten, weil sie sehr eng miteinander verflochten sind. Aber es ist auch wichtig, diese Unterscheidung nicht zu vergessen, denn nur so können wir die Verbindungen klar erkennen.

In den Beziehungen zur Umwelt bestand die erste große Veränderung in einer zunehmenden Differenzierung von Macht und Verhalten zwischen den Hominiden und den anderen großen Säugetieren. Dies setzte eine Entwicklung in Bewegung, die seitdem immer größere Stoßkraft gewinnen sollte. Insbesondere im Hinblick auf die Primaten, die den Menschen am nächsten verwandt sind, hat die Monopolisierung des Feuers durch den Menschen viel dazu beigetragen, den Prozeß der Differenzierung zu beschleunigen.

In unserer Zeit ist die menschliche Überlegenheit so fest etabliert, daß die Menschen Naturreservate und zoologische Gärten geschaffen haben, in denen die Menschenaffen zusammen mit anderen Tieren einen besonderen Schutz vor den Gefahren, die ihnen drohen, genießen – Gefahren, die insbesondere von anderen Menschen ausgehen. Gelegentlich erhalten Menschenaffen, die in Gefangenschaft gehalten werden, Zugang zu domestiziertem Feuer. So wurde einigen Schimpansen im Johannisburger Zoo in den 50er Jahren das Rauchen beigebracht. Sie wurden nicht nur süchtig nach Zigaretten, sondern lernten auch, sie anzuzünden und die Kippen auszudrücken. Ihr Verhalten beeindruckte den Paläontologen A. S. Brink sehr, "die körperliche Gewandtheit, Sehschärfe, manuelle Geschicklichkeit und geistige Beweglichkeit", die sie an den Tag legten. [1]

Doch wie klug und geschickt auch immer die von Brink beobachteten Schimpansen mit brennenden Zigaretten umgehen konnten, es gibt keinen Nachweis, daß Schimpansen in ihrer natürlichen Umgebung eine aktive Kontrolle über das Feuer ausgeübt hätten. Selbst wenn sie eine angeborene potentielle Fähigkeit zur Feuerkontrolle hätten, hat sie sich nicht spontan in irgendeiner bekannten Schimpansengruppe entwickelt. Wir brauchen dabei nicht die Möglichkeit auszuschließen, daß es den Vorfahren der gegenwärtigen Schimpansen und anderer Primaten vor Millionen Jahren gelegentlich gelang, ein Feuer für einige Zeit nicht ausgehen zu lassen. Von Beginn der ursprünglichen Zähmung des Feuers an nahm die Fähigkeit der Hominiden zur Feuerkontrolle jedoch ständig zu, während unter den anderen Primaten jede Entwicklung in diese Richtung zum Stillstand kam. Einige Primaten, wie der Australopithecus, sind ausgestorben, andere, wie die Schimpansen, überlebten, blieben aber weit hinter den Hominiden bei ihrem Aufstieg zur ökologischen Vorherrschaft zurück.

Der Archäologe C. K. Brain fand, ebenfalls in Südafrika, überzeugende Hinweise auf die Verlagerung in der Machtbalance zwischen Hominiden und großen Raubtieren. Eine Höhle in Sterkfontain wurde über unzählige Generationen hinweg von großen Katzen beherrscht, die australopithekische Opfer in ihre dunklen Unterschlüpfe hineinzerrten, um sie zu fressen. In einer späteren Phase war die Tischordnung umgekehrt: Eine neue Gruppe Hominiden (Homo erectus) war in Erscheinung getreten und "hatte nicht nur die Raubtiere vertrieben, sondern hatte sich auch dasselbe Zimmer zur Wohnung ausgesucht, in dem ihre Vorfahren aufgefressen worden waren". Wie sie dies fertig gebracht haben, ist nicht überliefert, aber wie Brain anmerkt, war es sicher nur durch wachsende Intelligenz möglich, die sich in einer sich entwickelnden Technologie niederschlug. Man ist versucht anzunehmen, daß die Beherrschung des Feuers schon erworben war und daß sich zusammen mit der Entwicklung von groben Waffen die Machtbalance zu ihren Gunsten verlagerte. Diese Verlagerung ist der entscheidende Schritt in der progressiven Manipulation der Natur, die so charakteristisch für den nachfolgenden Verlauf der menschlichen Angelegenheiten ist. Es war der Schritt, den die robusten Australopitheken offensichtlich nicht machen konnten, und ihr Aussterben wurde zweifellos durch Raubtiere beschleunigt, zu deren Kontrolle sie nicht die Macht besaßen. [2]

Angeregt durch die Arbeiten von Brain und seinen Kollegen, hat der britische Autor Bruce Chatwin ein lebhaftes und überzeugendes, wenn auch notwendigerweise spekulatives Bild von einem der ersten Schritte im Aufstieg der Menschheit zur Hegemonie gezeichnet. Er beschwört das Bild der Hominiden als Lieblingsbeute großer Katzen (Dinofelis oder der "falsche, Säbelzahntiger"), die nachts herumstreifen und über Generationen eine besondere Vorliebe für Menschenfleisch entwickelt haben. Nach Chatwin muß die Überwindung dieser tödlichen Gefahr der größte Sieg in der menschlichen Geschichte gewesen sein. Er konnte nur durch kooperative Anstrengung errungen werden, und die Waffe – immer nach Chatwin – konnte nur Feuer gewesen sein. [3]

Wenn wir dieses Szenario lesen, müssen wir uns vor Augen halten, daß der gewöhnliche Säbelzahntiger (ein furchterregendes Tier, bedeutend größer als der heute lebende Indische Tiger) vor ungefähr 15 000 Jahren noch in Amerika lebte. Selbst wenn Chatwins Rekonstruktion etwas zu phantasievoll ausgefallen sein sollte, bleibt die Tatsache bestehen, daß der alles beherrschende Trend in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft für Tausende von Generationen in der wachsenden Differenzierung des Verhaltens und der Machtbalance zwischen Menschengruppen und allen anderen Säugetieren bestand. Beide Seiten in dieser Konfiguration wurden durch die Verlagerungen in der Machtbalance beeinflußt: Mit der Ausdehnung der menschlichen Vorherrschaft wurden die Lebenschancen für Menschen größer. Menschliche Bevölkerungsgruppen nahmen an Zahl zu und dehnten ihre Territorien aus, während andere Tierarten entweder ausgelöscht wurden oder ihre Lebensweise an die neue Situation anpassen mußten.

In seinem für ein großes Publikum verfaßten Buch über die menschliche Vorgeschichte, veröffentlicht 1965, hat der amerikanische Archäologe F. Clark Howell auf beeindruckende Weise einen Fundort in der Nähe von Torralba in Spanien beschrieben, an dem die Skelette zahlreicher großer Säugetiere entdeckt wurden, einschließlich derer von fast 30 Elefanten. Steinwerkzeuge unter dem Gesteinsschutt wiesen auf menschliche Aktivität hin; offensichtlich war der Ort vor ungefähr 400 000 Jahren eine Jagdstelle des Homo erectus. Was diese Fundstelle so außerordentlich interessant machte, waren Brandspuren in der Nachbarschaft, die vermuten lassen, daß die menschlichen Jäger die Tiere zunächst an einen Abgrund getrieben haben, indem sie die umgebende Grassteppe anzündeten, und sie dann töteten, als sie in einen angrenzenden Morast sprangen. Wie Howell selbst sagt:

Es gab eine große Menge Material, das unterschiedliche Grade der Verbrennung zeigt … Dieses Material war auf keinem Platz so konzentriert, daß die Vermutung naheläge, es habe ein großes kontinuierliches Feuer über eine lange Zeit gegeben. Es war spärlich und sehr weit verstreut. Wer immer diese Feuer angezündet hatte, brannte wahrscheinlich Gras und Gestrüpp auf großen Flächen ab. Dieser Beweis in Verbindung mit den Elefantenknochen, die an einer Stelle konzentriert waren, die einst ein Sumpf war, lassen vermuten, daß diese Feuer absichtlich gelegt worden sind, um die schwerfälligen Elefanten in den Morast zu treiben. [4]

Dieser anregende Hinweis, unterstützt durch farbenfrohe Zeichnungen, hat viele Kommentare hervorgerufen. Eine typische Interpretation der Szene stammt von dem Biologen Melvin Konner: "Ganze Elefantenherden wurden offensichtlich durch Grasfeuer in den Tod getrieben. Sie wurden in wilde Panik versetzt und über eine Klippe getrieben, ganz ähnlich wie in jüngster Zeit die Einwohner der großen amerikanischen Ebenen den Bison in den Tod gejagt haben." [5]

Bevor wir uns mit dieser Interpretation näher befassen, müssen wir zunächst festhalten. daß Howell selbst in einer ernsthafteren wissenschaftlichen Veröffentlichung über seine Forschungen in Torralba die massiven Tötungen mit Hilfe von Feuer kaum erwähnt. Und noch ernüchternder ist die neueste Analyse dieser Befunde durch den amerikanischen Archäologen Lewis Binford. Nach Binford gibt es keine schlüssigen Beweise für Treibjagden und Massentötungen in Torralba: Die verkohlten Reste könnten durch natürliche Feuer entstanden sein und die Ansammlung von Knochen ebensogut auf menschliches Aasfressen wie auf Jagen hinweisen. [6]

Fehlende Sicherheit darüber, was genau bei Torralba geschehen war, sollte uns nicht blind gegenüber der allgemeinen Entwicklungsrichtung machen. Die Menschengruppen entwickelten effektivere Jagdmethoden und wurden zunehmend gefürchtetere Gegner aller anderen Tiere, egal, ob jene Fleischfresser waren, die ihre Jagd auf Menschenfleisch machten, ob sie Fleischund Aasfresser waren, die mit menschlichen Jägern um ihren Anteil konkurrierten, oder ob sie Pflanzenfresser waren, die selbst eine Beute der menschlichen Jäger waren. Augenzeugenberichte, die uns mitteilen, wie der Homo erectus seine Beute schlug, sind ein Ding der Unmöglichkeit, aber eine Fülle von Indizien lassen vermuten, daß Feuer eine ungemein wertvolle Waffe für ihn war, bis in unsere Gegenwart hinein. Bis in unsere Zeit – lange nach der Erfindung von Pfeil und Bogen durch den Homo sapiens vor einigen 20 000 Jahren, die viel zu der Effektivität der menschlichen Jäger beitrug und ihre Abhängigkeit vom Feuer reduzierte[7] – wurde Feuer noch von einzelnen Jägern benutzt, um ein Säugetier in seiner Deckung auszuräuchern, oder von organisierten Gruppen, die ganze Elefantenherden in den Hinterhalt trieben. Ethnographische Berichte liefern einige interessante Hinweise. Wenn eine Wandergruppe der !Kung-Buschmänner in der Kalahariwüste einigen Löwen die Beute geraubt hatte, kamen die Löwen nachts zurück, aber sie wagten nicht, in den Lichtkreis des Lagerfeuers einzudringen. [8] In unserer Zeit hat sich die menschliche Vorherrschaft so fest etabliert, daß selbst in kleinen Agrargemeinschaften das Hüten der Haustiere oder das Vertreiben wilder Tiere von den Feldern allgemein als besonders leichte Aufgaben betrachtet werden, die gewöhnlich Kindern oder alten Leuten überlassen bleiben. [9]

  • [1] Brink 1957, S. 247.
  • [2] Brain 1981, S. 273. Siehe auch Brain und Sillern 1988.
  • [3] Chatwin 1987, S. 260–292.
  • [4] Howell 1965, S. 84. Siehe auch Howell 1966.
  • [5] Konner 1982, S. 51. Siehe auch Johanson und Edey 1982, S. 73; Johanson und Shreeve 1989, S. 221.
  • [6] Binford 1989, S. 383–422; siehe auch S. 473.
  • [7] Vgl. Stewart 1956, S. 119 f.
  • [8] Goodale 1971, S. 169; Lee 1979, S. 234; Shostak 1981, S. 101.
  • [9] Boserup 1970, S. 15.
 
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