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Roden

Durch den Einsatz von Feuer bei der Jagd veränderten die Menschengruppen das Land, in dem sie wohnten – anfänglich vielleicht unabsichtlich, später mit Absicht. Die drastischsten Veränderungen vollzogen sich nach dem Aufkommen der Landwirtschaft und der modernen Industrie. Aber schon in der Phase, in der Menschengruppen nur vom Sammeln und Jagen lebten, drückten sie der Landschaft stark ihren Stempel auf, am stärksten durch Feuer.

Feuer ist selbsterzeugend. Durch seine Hitze wird weiteres Material entzündet. Solange Brennstoff und Luft vorhanden sind, brennt das Feuer weiter und dehnt sich aus. Als Menschengruppen in den Besitz von Feuer kamen, konnten sie nicht nur die Brenndauer eines einzelnen Feuers verlängern, sie konnten es auch "reproduzieren", das heißt, sie konnten es zum Entfachen weiterer Feuer gebrauchen. In gewisser Weise ist das Wort Feuer selbst doppeldeutig und führt etwas in die Irre, denn es bezieht sich sowohl auf ein Feuer als ein singuläres, isoliertes Ereignis und auf Feuer im allgemeinen als einen Prozeß, der immer wieder von neuem abläuft. Wesentlich ist, daß die Menschen mit einem Feuer immer mehrere Feuer machen konnten. Ihre Kontrolle über das Feuer ermöglichte ihnen, es zu vermehren.

Und das genau taten sie. Wenn sie von Ort zu Ort wanderten, zündeten sie überall Lagerfeuer an, wo immer sie sich entschlossen zu bleiben. Wenn sie aufbrachen, haben sie sich wohl kaum darum gekümmert, es auszumachen; wie der Anthropologe Omer C. Stewart bemerkte: "bevor die Feuerproduktion erfunden wurde, mußten wohl sehr viel mehr Gedanken und Energie darauf verwandt werden, das Feuer zu hüten, als es auszulöschen." [1] So nahm die Häufigkeit von Buschfeuern und Savannenbränden unausweichlich zu, als zu den natürlichen Bränden verlassene menschliche Feuer hinzukamen.

Jäger und Sammler zündeten Feuer auch absichtlich an, in erster Linie, um die Tiere aus ihren Deckungen in den Busch zu treiben. Das Feuer konnte auch Raubtiere und Schlangen verjagen, während die Kombination aus Rauch und Feuer Insekten und kleine Parasiten vernichtete. Nachdem das Feuer gelöscht war, konnten Nüsse und Früchte, die sonst verborgen im Gestrüpp lagen, entdeckt und gesammelt werden. Und es gab noch weitere Vorteile. Ein unmittelbar sichtbarer Effekt wird gewesen sein, daß das gerodete Unterholz den menschlichen Jägern eine bessere Sicht und eine bessere Beweglichkeit bot. Auf längere Sicht hatte Feuer wohl noch mehr vorteilhafte Wirkungen. Es schaffte günstige Bedingungen für einige Pflanzenarten, insbesondere für jene Gräser und Leguminosen, die direktes Sonnenlicht brauchen. Feuer, so haben die Menschen langsam gelernt, konnte eingesetzt werden, um diese Art der Vegetation anzuregen, die dann wiederum das Wild anzog.

Auf diese Weise können wir eine ganze Kette von Ereignissen ausmachen, die wahrscheinlich eintrat, wenn ein Stück Land dem Feuer ausgesetzt war. Die Menschen lernten, die Kettenreaktionen zu erkennen und sie auch absichtlich auszulösen. Dabei schufen sie Umweltbedingungen, die für sie selbst günstig waren.

Neben diesen materiellen Vorteilen zogen sie wahrscheinlich auch ein gewisses emotionales Vergnügen aus ihren Verbrennungspraktiken. Feuer auf einem Stück Land zu entfachen konnte eine Art "Appropriierung" des Landes sein, seine Inbesitznahme und die Ausübung von "Herrschaft". Selbstverständlich können wir aus den archäologischen Funden keine Beweise für solch ein Motiv herauslesen. Anthropologische Beobachtungen unter Sammlervölkern in unserer Zeit lassen aber darauf schließen, daß es eine Rolle gespielt hat. [2]

Anfänglich waren die hominiden oder menschlichen Gruppen wohl sehr klein und lebten weit zerstreut. Ihre Verbrennungspraktiken konnten deshalb keinen sehr großen Einfluß auf die Landschaft gehabt haben. Dennoch haben Menschengruppen, die mit Feuer ausgestattet waren und der Neigung nachgaben, es auch weitgehend zu nutzen, nun schon über viele tausende von Generationen existiert. Wie der amerikanische Geograph Karl Sauer bemerkte, "wo immer der primitive Mensch eine Gelegenheit fand, Feuer auf einem Land zu entfachen, hat er es auch seit undenklicher Zeit getan." Das Ergebnis war, wie Sauer und viele andere vor ihm gezeigt haben, daß lange vor der Einführung der Landwirtschaft die Vegetation in weiten Teilen der Welt schon durch menschliches Einwirken – mit Hilfe des Feuers – stark beeinträchtigt worden war. [3]

Die meisten der ökologischen Effekte früher menschlicher Verbrennungsmethoden wurden natürlich durch die wirklich drastischen klimatischen Veränderungen im späten Diluvium (Pleistozän) überlagert: Der letzten Zwischeneiszeit folgte eine lange Eiszeit, die ihren Höhepunkt vor 22 000 bis 16 000 Jahren hatte. Alle dauerhaften Auswirkungen der Verbrennungspraktiken von Sammlern und Jägern, die heute noch erkennbar sind, stammen aus der jüngsten Periode der geologischen Geschichte der Erde, dem Holozän, das mit dem Verschwinden der letzten Eiszeit vor ungefähr 10 000 Jahren begann. [4]

Bald nachdem die letzten Eisschichten geschmolzen waren und Bäume wieder dort wachsen konnten, wo nun die gemäßigten Zonen entstanden waren, begannen die Menschen in den jungfräulichen Wäldern wieder mit ihren alten Verbrennungsmethoden. Archäologen haben Beweise für solche frühen Entwaldungen durch Feuer, die von Menschen in vielen verschiedenen Regionen – auch in England – entzündet worden sind, gefunden. [5] Mit dem Wachstum der menschlichen Bevölkerung wurde die "Brandwirtschaft" intensiviert und führte allmählich zu dem Aufkommen der Landwirtschaft, einer Entwicklung, die ich ausführlich in Kapitel 3 behandeln werde.

In einigen Teilen der Welt fand der Übergang zur Landwirtschaft erst vor sehr kurzer Zeit statt. In den meisten Teilen Nordamerikas wurde kein Ackerbau betrieben, als die ersten europäischen Kolonisten im 17. Jahrhundert erschienen. Die ersten Siedler in Neuengland fanden eine offene und parkähnliche Landschaft mit sehr wenig Unterholz vor. Daß dieser Typ der Vegetation überwog, ergab sich aus der Methode der Indianer, zweimal im Jahr ein Feuer über den Waldboden zu treiben. Das Feuer, wie einer der Kolonisten schrieb, "verzehrt alles Gestrüpp und Unterholz, das sonst das Land überwuchern und unpassierbar machen würde und ihnen ihre sehr geliebte Jagd verderben würde". Ein anderer Siedler schrieb, fast in der gleichen Tonart, daß sie "dieses Verbrennen im Wald als Wohltat betrachteten, sowohl für das Vernichten des Ungeziefers als auch, um Unkraut niedrig zu halten", Der Historiker William Cronnon, aus dessen Buch diese beiden Zitate stammen, schließt daraus:

Die Brände der Indianer führten zur Vermehrung genau der Arten, deren reichliches Vorhandensein die englischen Siedler so beeindruckte: Elch, Hirsch, Biber, Hase, Stachelschwein, Truthahn, Wachtel und Haselhuhn usw. Mit der Vermehrung dieser Populationen nahmen auch die fleischfressenden Adler, Wölfe, Füchse, Luchse und Habichte zu. Kurz: Die Indianer, die Wild jagten, nahmen nicht nur die "ungepflanzten Gaben der Natur". Zu einem großen Teil ernteten sie Nahrung, die sie bewußt mit geschaffen hatten. [6]

Als spätere Generationen europäischer Einwanderer in den Mittelwesten von Nordamerika vorzudringen begannen, stießen sie auf eine ganz andersartige Landschaft: die Prärien. Die endlosen offenen Räume, die von großen Büffelherden bewohnt waren, erschienen ihnen als ursprüngliche Natur. Diese Landschaft war aber tatsächlich das Ergebnis der Verbrennungsmethoden indianischer Jäger, die systematisch große Waldflächen niedergebrannt hatten, um mehr Weiden für Büffel und andere pflanzenfressende Tiere zu schaffen. Wie der Historiker Stephen Pyne in seinem Buch "Fire in America" feststellt, "ist, mit Ausnahme der High Plains, wo die Kurzgrasflächen durch das Klima beeinflußt wurden, fast das ganze Weideland durch den Menschen geschaffen worden. Es ist das Produkt absichtlicher, routinemäßiger Brände".[7] Wann immer in unserer Zeit ein Stück Prärie sich selbst überlassen blieb, anstatt regelmäßigem Abbrennen und Weiden unterworfen zu werden, waren die Gräser bald von Bäumen überwachsen und die Prärie bildete sich spontan wieder zurück in einen Wald.

Eine ähnliche Situation herrschte auch in Australien vor. Als der holländische Seemann Abel Tasman sich 1644 der westlichen Küste des Kontinents näherte, sah er "Feuer und Rauch … die ganze Küste entlang". Reisende in das Innere des Landes bemerkten später "die außerordentlich große Verwüstung durch Feuer", die die Vegetation überall, wo sie hinkamen, beeinflußt hatte. Sylvia Hallam, die viele solcher Beobachtungen aus Reisebüchern des 19. Jahrhunderts gesammelt hat, schließt daraus, daß zu jener Zeit "Verbrennen, obwohl nur das Werk einer vergleichsweise kleinen Bevölkerung, was seine Reichweite, seine Häufigkeit und ohne Zweifel seinen Einfluß auf die Vegetation betrifft, sehr eindrucksvoll war".[8]

Zweifellos gab es auch auf dem ganzen Kontinent regelmäßig natürliche Feuer durch Blitze. Ihre Häufigkeit und ihre Auswirkungen wurden aber sehr verstärkt durch die absichtlichen Verbrennungspraktiken der Aborigenes. Läßt man die Frage einmal beiseite, ob diese Methoden angemessen mit "Feuerscheit-Landwirtschaft" bezeichnet werden, [9] so können wir feststellen, daß es ausreichend Beweise dafür gibt, daß bis ins 19. Jahrhundert hinein die Aborigenes das Land regelmäßig in Brand steckten, um zu jagen, das Land offenzuhalten und das Wachstum junger Gräser anzuregen. Englische Reisende, die sie als erste bei der Arbeit mit ihren Feuerscheiten sahen, waren erstaunt über die Geschicklichkeit, mit der sie eine "so sprichwörtlich gefährlich wirkende Kraft wie Feuer handhabten". Einer dieser Reisenden schrieb 1831:

Um diese Jahreszeit sorgen sie für die größtmögliche Wildmenge vor, indem sie das Unterholz und Gras in Brand stecken, das, weil es so trocken ist, schnell abbrennt … Mit einer Art Fackel aus trockenen Blättern des Grasbaumes setzen sie die Ränder des Dickichts in Brand, das das Wild einschließt. Die Jäger stehen verborgen neben den Wildwechseln und durchbohren die Tiere mit Leichtigkeit, wenn sie vorbeikommen. Bei diesen Gelegenheiten werden sehr viele Tiere getötet. Das Feuer ist oft sehr heftig und groß und erstreckt sich über mehrere Meilen des Landes. Aber im allgemeinen wird ein Übergreifen auf andere Gebiete verhindert, indem das Land abschnittsweise verbrannt wird. [10]

Wie Sylvia Hallams Untersuchung ganz klar zeigt, hatten die Brände der Aborigenes nicht nur Einfluß auf die Umwelt, auf Flora und Fauna, sondern auch soziologische und psychologische Auswirkungen. Ein Stück Land in Brand zu setzen war eine Investition, die den Menschen gewisse Verfügungsrechte gab und auch emotionale Bindungen schuf.

Hallam weist besonders darauf hin, daß die von Europäern des 19. Jahrhunderts vorgefundene und dokumentierte Situation in ihrem historischen Kontext gesehen werden muß. Es ist wahrscheinlich, bemerkt sie, daß Menschengruppen Feuer eingesetzt und geschätzt haben, seit sie in Australien vor 30 000 Jahren angekommen waren. Über diesen langen Zeitraum können die Lebensbedingungen sich verändert haben, insbesondere durch das Anwachsen der menschlichen Bevölkerung und die zunehmende effektive Nutzung von Land. Hallam vermutet, daß "anfänglich relativ zufällige Feuer mit heftigen Auswirkungen nach und nach zu absichtlichem Abbrennen der Vegetation führten, wobei sich die Vegetation zunehmend an die häufigen und regelmäßigen Brände gewöhnte". Mit anderen Worten:

Die Lebensweisen, die wir sehr klar in den Quellen des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet sehen und die indirekt bis in das 17. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind, hatten sich über eine lange Zeitspanne nicht von zwei, sondern von mehr als zweihundert Jahrhunderten entwickelt. Wir brauchen nicht davon auszugehen, daß es über die ganze Zeitspanne hinweg stark regulierte, jahreszeitlich bedingte Feuer innerhalb definierter Territorien gegeben hat. Solch ein enges Netzwerk von Verantwortlichkeiten mußte sich erst dann entwickeln, als die Bevölkerungsdichte zunahm, die Zahl unterschiedlicher Gruppen in den einzelnen Gebieten wuchs und die Bereiche jeder Gruppe entsprechend eingeengt wurden. [11]

  • [1] Stewart 1956, S. 118.
  • [2] Vgl. Shostak 1981, S. 11.
  • [3] Sauer 1981, S. 340. Siehe auch Talbot 1989, S. 18 f.
  • [4] Vgl. Roberts 1989, S. 42–61.
  • [5] Vgl. Edwards 1988.
  • [6] Cronon 1983, S. 51. Die Zitate im Text stammen von Th mas Morton und Roger Williams, zitiert von Cronon 1983, S. 49 f. Siehe auch Day 1953; Pyne 1982; Russel 1983.
  • [7] Pyne 1982, S. 84.
  • [8] Hallam 1975, S. 16–28. Siehe auch Blainey 1975a, S. 67–83.
  • [9] Zur "brennenden Kontroverse" über dieses Thema siehe R. Jones 1969; Horton 1982; R. Jones 1989.
  • [10] Scott Nind (1831) und J. L. Stokes (1846) nach Hallam 1975, S. 32 f.
  • [11] Hallam 1975, S. 105 f. Siehe auch H. T. Lewis 1989.
 
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