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3. Feuer und Agrarisierung

Der zweite Übergang

Lange nachdem die Menschengruppen Feuer domestiziert hatten, fingen sie an, ihre Pflege und Kontrolle auf ausgewählte Tiere und Pflanzen auszudehnen. Damit begann die zweite große von Menschen bewirkte ökologische Umwandlung. Sie hätte ohne die fest etablierte Feuerkontrolle nicht stattfinden können. Sie hat die weitere Entwicklung der Rolle, die das Feuer in der menschlichen Gesell-

schaft spielen sollte, entscheidend beeinflußt.

Der Übergang vom Sammeln und Jagen zu Ackerbau und Viehzucht war anfänglich nicht notwendigerweise plötzlich. Eine Gruppe, die anfing, ein paar Feldfrüchte anzubauen, brauchte deshalb nicht ihre gesamte vorherige Lebensweise aufzugeben. Es wird wohl sehr wenige (wenn nicht sogar keine) Agrargesellschaften gegeben haben, die das Jagen und Sammeln vollständig aufgegeben hätten. Der Anteil der Nahrungsmittel, der mit der alten Technik herbeigeschafft wurde, wurde jedoch unausweichlich geringer, als Ackerbau und Viehzucht sich ausdehnten. Für viele Tausende von Generationen vollzogen sich die beiden Prozesse des wachsenden Lebensstandards (oder "intensives Wachstum") und des Anwachsens der Bevölkerungszahlen ("extensives Wachstum") fast unmerklich langsam. Heute wissen wir, daß sich beide Prozesse gegen Ende der letzten Eiszeit (es ist nicht einmal mehr als eintausend Generationen her) beschleunigten. Im Folgenden seien zwei Indikatoren genannt: Der erste, der insbesondere auf das intensive Wachstum verweist, war das Auftauchen von Felsenzeichnungen im Inneren von Höhlen; der zweite, der uns besonders auf das extensive Wachstum verweist, war die Ausdehnung der menschlichen Bevölkerung auf alle Kontinente, einschließlich der neuen Welten Amerikas und Australiens.

Das intensive und extensive Wachstum wurde noch einmal mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht vor ca. 10 000 Jahren (oder dreihundert bis vierhundert Generationen) beschleunigt. Mit diesem zweiten ökologischen Umgestaltungsprozeß trat die Menschheit in ein neues Stadium ihrer Geschichte ein. Aber es gab dennoch bemerkenswerte Ähnlichkeiten und Kontinuitäten.

Die Fragen, die ich in bezug auf die Domestizierung des Feuers gestellt habe, sind auch für die Domestizierung von Pflanzen und Tieren relevant. Was waren die Vor-Bedingungen für den Prozeß, und was waren die Nach-Bedingungen oder Funktionen, die den Prozeß in Gang hielten und ihn so überzeugend machten, daß die Agrarisierung die dominante Lebensweise wurde? Es ist angenommen worden, daß vor etwa 10 000 Jahren die menschliche Bevölkerung ausschließlich vom Sammeln und Jagen lebte; daß vor fünfhundert Jahren dieser Anteil auf 1 und 1965 auf weniger als 0,01 % gesunken war. [1] Rückblickend erscheinen die letzten 10 000 Jahre als eine Periode des Übergangs zwischen zwei Phasen: eine vorangehende Phase, in der es keine Gesellschaften mit Landwirtschaft gab, und eine nachfolgende Phase (in die wir im 20. Jahrhundert eingetreten sind), in der es keine Gesellschaft mehr ohne Ackerbau und Viehzucht gibt.

Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren war in vielen bedeutenden Zügen der Domestizierung des Feuers vergleichbar. Der Prozeß benötigte in gleicher Weise einen aktiveren und regelmäßigen Gebrauch natürlicher Ressourcen. Gruppen von Menschen "zähmten" ursprünglich "wilde" Kräfte der Natur und lernten, diese Kräfte innerhalb ihrer eigenen menschlichen Sphäre zu versorgen, zu hüten und auszunutzen. Nachdem das Feuer inkorporiert war, inkorporierten sie nun ausgewählte Pflanzen und Tiere in ihre eigenen Gesellschaften. Sie dehnten ihre Sorge und Kontrolle auf diese Arten aus und begannen einen Prozeß der künstlichen Auswahl, um ihre Qualitäten den menschlichen Bedürfnissen entsprechend zu verbessern. Ebenso wie sie in Tausenden von Jahren ihr Feuer mit Brennstoff versorgt und es gegen Wind und Regen geschützt hatten, begannen sie nun, die von ihnen gehaltenen Tiere zu füttern, höher zu züchten und gegen konkurrierende Arten und Parasiten zu schützen. [2]

Auf diese Weise schufen menschliche Gemeinschaften eine hohe Konzentration von Pflanzen und Tieren, die für sie nützliche Produkte – insbesondere Nahrung – darstellten. Langfristig führte das Produktivitätswachstum pro Landeinheit zu einem bemerkenswerten Anstieg der Bevölkerung und zu einem potentiellen Anstieg des Lebensstandards, der jedoch aus Gründen, die wir später erörtern werden, in vielen Gesellschaften nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung erreicht wurde.

Durch die Landwirtschaft wurden Gesellschaften zahlenmäßig größer und in Teilen wenigstens auch wohlhabender, gleichzeitig wurden sie aber damit auch von dieser Form der Produktion abhängiger. Wie bei der Domestizierung des Feuers brachte auch die Kontrolle durch die Domestizierung von Pflanzen und Tieren eine wachsende Abhängigkeit mit sich – eine Abhängigkeit von dem, was kontrolliert wurde, und von den technischen und organisatorischen Apparaten, die diese Kontrolle erst ermöglichten. Um die Grundstruktur und die Dynamik von Agrargesellschaften zu verstehen, muß man diese zweifache Tendenz vor Augen haben. Einerseits wurden diese Gesellschaften durch die bewußte Ausdehnung ihrer Herrschaft über nichtmenschliche Ressourcen zunehmend produktiver und wehrhafter. Andererseits bewirkten diese Prozesse aber auch ein wachsendes Zerstörungspotential und machten diese Gesellschaften gegenüber verschiedenen Arten von Katastrophen verwundbarer. [3]

  • [1] Gowlett 1984, S. 10 f. Vgl. Murdock 1968.
  • [2] Vgl. Clutton-Brock 1987, S. 9–16.
  • [3] Vgl. McNeill 1989.
 
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