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4. Feuer in seßhaften Agrargesellschaften

Dominante Trends

Die Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht leitete eine neue Epoche in der menschlichen Geschichte ein. Von diesem Zeitpunkt an war Feuer nicht länger die einzige nichtmenschliche Energiequelle, die unter menschliche Kontrolle gebracht worden war. Allmählich hörte es auch auf, der vorherrschende Mittelpunkt des Gruppenlebens zu sein, der es für viele Tausende von Generationen gewesen war. Seine Verbreitung erfolgte zunehmend mehr in

"Behältnissen" unterschiedlichster Art, wie z. B. Kaminen, Herden, Öfen und Lampen; über diese Behältnisse hinaus durfte es sich nicht ausbreiten. Gleichzeitig war sein Einsatz strengeren Vorschriften unterworfen. Als immer mehr Menschen in Städten und Dörfern lebten, versuchten sie, aus diesen Siedlungen "feuergeschützte Zonen" zu machen, in denen der Einsatz von Feuer nur in fest umrissenen Grenzen erlaubt war. (Wie so viele soziale Regeln galt diese auch nur in Friedenszeiten; im Krieg wurden solche Zonen, die die Menschen gewöhnlich von Feuer freihielten, für ihre Feinde zur Zielscheibe für Brandstiftung.)

Von dieser Zeit an mußten die Bauern dieselben Felder Jahr für Jahr beackern, mit solch arbeitsintensiven Methoden wie Bewässerung, Pflügen, Terrassenanbau und Düngung des Bodens mit dem Dung der domestizierten Tiere. Nur an den Grenzen der seßhaften Agrargesellschaft gab es noch genug Land, das für Brandrodung genutzt werden konnte. Wie zeitgenössische Anthropologen, wie z. B. Marshall Sahlins und Marvin Harris, nachgewiesen haben, hat die harte Arbeit, die in die Nahrungsproduktion gesteckt werden mußte, das Leben für die meisten Menschen nicht gesünder oder angenehmer gemacht. [1] Trotzdem war die Intensivierung der Landwirtschaft der dominante Trend. In einer früheren Periode hatten Menschengruppen mit Feuer überlebt, Gruppen ohne Feuer nicht. Für mindestens fünftausend Jahre gab es nun eine ähnliche vorherrschende Tendenz: Gruppen mit Landwirtschaft verdrängten Gruppen ohne Landwirtschaft, Gruppen mit arbeitsintensiver Landwirtschaft verdrängten Gruppen mit arbeitsextensiver Landwirtschaft.

Dies bedeutete auch eine weitere Differenzierung. Die vorhergehende Epoche war gekennzeichnet durch die wachsende Differenzierung im Verhalten und der Herausbildung von Machtgefällen zwischen Menschengruppen und anderen Tieren. Die agrarische Epoche war ebenfalls gekennzeichnet durch eine wachsende Differenzierung, sowohl im Verhalten als auch in Machtpositionen, aber nicht gegenüber anderen Tieren, sondern gerade und besonders zwischen und innerhalb menschlicher Gesellschaften. Das folgende Zitat kann diesen Punkt illustrieren:

So erscheint mir das gegenwärtige Leben des Menschen auf Erden, König, im Vergleich mit der Zeit, die uns unbekannt ist. Du sitzt im Winter mit deinen Knappen und Lehnsleuten schmausend; das Feuer brennt in der Herdstelle in der Mitte der Halle, und alles ist warm, während draußen die Winterstürme mit Regen und Schnee wüten; und ein Spatz flattert aufgeregt durch die Halle. Er fliegt zur einen Tür hinein und flattert aus der anderen wieder hinaus. Für die paar Augenblicke, in denen er drinnen ist, können der Sturm und das winterliche Unwetter ihm nichts anhaben, aber nach dem kürzesten Augenblick der Ruhe huscht er aus deiner Sicht aus dem winterlichen Sturm heraus und wieder hinein. So erscheint das Leben des Menschen als ein Augenblick, was folgt oder was vorher wirklich geschah, wir wissen es nicht.

Dieses Zitat stammt aus der Kirchengeschichte des englischen Volkes – Ecclesiastical History of the English People – des Hochwürden Beda, vollendet im Jahre 731. [2] Der Sprecher ist ein hochrangiger Priester, der seinen König bedrängt, das Christentum anzunehmen. Neben seinem intrinsischen Wert als Parabel ist das Zitat auch von historischem und soziologischem Interesse. Die Szene, eine Versammlung von Edelleuten, die bequem um ein Herdfeuer im Schloß ihres Königs sitzen, gut vor der Kälte draußen geschützt, könnte fast wörtlich aus Homers Odyssee entnommen sein. Sie hätte den Lebensumständen der Kriegerelite im Bronzezeitalter vor zweitausend Jahren ebenso entsprochen wie denen der angelsächsischen Edelleute.

Innerhalb der Gesellschaften, die diese Autoren heraufbeschworen haben, machten die Krieger und ihre Festungen nur einen Teil einer viel größeren Konfiguration aus. Neben ihnen gab es noch andere Klassen, die in anderen Umgebungen lebten und andere Beziehungen zum Feuer hatten. So gab es, um nur die wichtigsten Schichten zu nennen, in vielen Agrargesellschaften eine Klasse der Priester, die manchmal sogar die Vorherrschaft über die Krieger beanspruchten, als "höchste Kaste" oder "erster Stand". Dann gab es die Klasse der Handwerker und Händler, und dann gab es noch die Bauern, die weiterhin die Masse der Bevölkerung ausmachten.

Wir stehen der anscheinend paradoxen Situation gegenüber, daß Differenzierung zwischen und innerhalb der Agrargesellschaften ein allgemeiner Trend der Agrargesellschaft war. Meiner Meinung nach war dies in der Tat einer der bedeutsamsten soziokulturellen Trends in den zehntausend Jahren der "Agrarisierung", als Ackerbau und Viehzucht zur vorrangigen Quelle der Existenzsicherung wurden. Die Unterschiede zwischen Gesellschaften wurden zunächst größer, als einige Gruppen allmählich zur agrarischen Produktion übergingen, während andere noch vom Sammeln lebten, und später, als einige Agrargesellschaften verstärkt zu intensiveren Methoden des Anbaus übergingen, während andere immer noch das Brandroden praktizierten. Innerhalb der seßhaften Gesellschaften entwickelten sich große Verhaltensunterschiede und Machtgefälle zwischen den verschiedenen sozialen Klassen.

Wenn man aus heutiger Sicht zehntausend Jahre der Agrarisierung betrachtet, kann man sowohl konvergierende als auch divergierende Trends im Prozeß der soziokulturellen Entwicklung – oder auch "Zivilisation" – erkennen. Im Vergleich zu der sehr lange andauernden voragrarischen Phase sind die Divergenzen die auffallendsten Prozesse. Der menschliche Zivilisationsprozeß entwickelte sich auf ausgesprochen unterschiedliche Weise – erstens in verschiedenen Gesellschaften in zahlreichen Regionen der Erde und zweitens, und nicht weniger bedeutsam, zwischen den verschiedenen sozialen Schichten in jeder dieser Gesellschaften. Die Prozesse der kulturellen Divergenz und der sozialen Differenzierung selbst waren gemeinsame strukturelle Merkmale aller fortgeschrittenen Agrargesellschaften. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich auf der einen Seite höchst verschiedene Formen der Zivilisation in China, Indien, Persien, Mexiko und Peru, und auf der anderen Seite entwickelten sich in allen diesen verschiedenen Gesellschaften höchst ähnliche Systeme der sozialen Schichtung, die alle durch scharfe Kontraste im Lebensstil und in der Machtausübung zwischen den herrschenden Klassen und der Masse der Bauern und landlosen Armen gekennzeichnet waren.

Um das Wechselspiel von sowohl konvergierenden als auch divergierenden Tendenzen zusammenzufassen, können wir feststellen, daß die Intensivierung der Landwirtschaft im allgemeinen mit einem weiteren Bevölkerungswachstum einherging, mit einer zunehmenden Konzentration der Menschen in dauerhaften Siedlungen, mit zunehmender Spezialisierung der Menschen, mit einer zunehmenden Organisation der Menschen in größeren ökonomischen, religiösen und politischen Einheiten, mit einer zunehmenden Differenzierung nach Schichten oder mit einer Teilung in höhere und niedere Ränge – mit größerem oder geringerem Zugang zu Macht, Eigentum und Prestige.

Das Feuer war schon so sehr zu einem Teil der Gesellschaft geworden, daß jeder dieser Trends auch die Kontrolle über das Feuer beeinflußte. Mit der Zunahme der Bevölkerung erhöhte sich auch die Zahl der Feuer. Diese Feuer waren zunehmend auf die "feuergeschützten Zonen" innerhalb der Dörfer und Städte konzentriert, in Kaminen, Öfen, Herdfeuern und Lampen. Der Einsatz von Feuer war zunehmend spezialisiert, verschiedene Handwerke und Berufe entwickelten eine eigene Geschicklichkeit im Umgang damit. Mit der Beschleunigung, Konzentration und Spezialisierung kamen neue Formen der Organisation auf, und wenn auch nur, um den wachsenden Bedarf an Brennstoff zu befriedigen. Unvermeidlich spiegelte der Gebrauch des Feuers auch den Prozeß der Schichtenbildung wider, da einige Menschen über riesige Vorräte an Brennstoff verfügten und Feuer für pompöse Festlichkeiten einsetzen konnten, während andere niemals in der Lage waren, über ein Feuer zu verfügen.

Es ist sicher nützlich, dieses Geflecht miteinander verbundener Trends in Erinnerung zu behalten, wenn wir nun einige entscheidende Momente in der Entwicklung der Feuerkontrolle in fortgeschrittenen Agrargesellschaften etwas genauer betrachten wollen. Wenn auch in einzelnen Gesellschaften und in verschiedenen Zeiten diese fünf Tendenzen gelegentlich unterbrochen und sogar in ihr Gegenteil verkehrt wurden, treffen sie doch langfristig für die Menschheit als Ganzes zu. Es ist ebenfalls bemerkenswert, daß, wann immer einer dieser fünf Trends stagnierte oder sich ins Gegenteil verkehrte, die anderen Trends ebenfalls ihre Richtung änderten.

  • [1] Sahlins 1972, S. 1–40; Harris 1977, S. 9–13.
  • [2] In: Colgrave und Mynors 1969, S. 183 f.
 
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