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Schmiede und Krieger

Metallische Erze wurden ursprünglich in ähnlicher Weise wie Steine benutzt: als Schneidewerkzeuge, als Objekte der Dekoration und des Tausches oder in pulverisierter Form als Pigment (die berühmten Felsenzeichnungen von Lascaux und Altamira waren mit rotem Ocker und anderen Erzen gefärbt). Eine Metallverarbeitung im engeren Sinn scheint es nicht vor dem 5. Jahrtausend v. Chr. gegeben zu haben; sie begann mit Gegenständen aus geschmolzenem Blei. [1]

Die herrschende Meinung zu den Details ihrer Entwicklung ist von dem amerikanischen Archäologen James Muhly in der Aussage zusammengefaßt worden, daß "die Idee einer einheitlichen Folge von Stufen oder Phasen im technologischen Prozeß ein für allemal aufgegeben werden" muß. [2] Wenn wir jedoch die menschliche Geschichte als Ganzes betrachten, kann aus den vielen lokalen und regionalen Variationen eine gemeinsame Struktur herausgelesen werden. Wie Muhly auch betont, beruhte die Erfindung der Metallurgie auf der dramatischen Entdeckung, daß ein harter und unverrückbarer Felsen in ein biegsames und dehnbares Metall verwandelt werden konnte. Es muß eine Phase gegeben haben,

als alle kritischen ersten Schritte gemacht waren, zu lernen, was Metall war, wie Metalle sich verhielten, wie Metall bearbeitet werden mußte (ganz anders als die gewohnten Techniken für Stein, Holz und Knochen), und letztendlich all die komplexen Fertigkeiten, die mit dem Abbau und Schmelzen von Kupfererzen zusammenhingen, mit dem Gießen und Hämmern von metallischem Kupfer und dann mit dem Legieren von Kupfer mit Arsen und Zinn. [3]

In diesem Lichte betrachtet bedeutet die Metallurgie eine noch radikalere Innovation als die Töpferei. Die erste Inspiration könnte, wie bei der Töpferei, durch die Beobachtung natürlicher Prozesse gekommen sein – nach einem Vulkanausbruch, oder noch näher zu Hause, wenn Ton, der zum Töpfern gebraucht wurde, metallische Erze enthielt, die schmolzen. Der Schritt zur Kontrolle dieser Prozesse und zum Experimentieren mit dem Schmelzen und Mischen der verschiedenen Felssubstanzen war enorm groß. Es überrascht daher nicht, daß die Tätigkeiten, die mit Metallarbeit in Verbindung gebracht werden, von Anfang an zum Beruf von Spezialisten wurden: Bergleuten und Schmieden.

Mehr noch als das Brennen von Töpferwaren war die Metallurgie auf soziale Organisation und Spezialisierung angewiesen. Schürfer mußten wissen, wo sie Metalle finden konnten, wie sie zu erkennen waren und wie sie gewonnen werden konnten. Danach mußten die richtigen Legierungen in einem Schmelztiegel zusammengemischt, in vorbereitete Gußformen gegossen und gehärtet oder gekühlt werden. Der bevorzugte Brennstoff für den Schmelztiegel war Holzkohle, die vorher hergestellt werden mußte. Weitere Vorbereitungen betrafen den Ofen, Steinoder Lehmgußformen, Zangen, Gebläse, Hammer und Amboß. Wie der britische Archäologe CR. Wickham-Jones feststellt, konnte selbst die einfachste Form der Metallurgie nur durch "sorgfältige Organisation, Zeitplanung und Fertigkeit in jeder Phase" durchgeführt werden. [4]

Trotz gegenwärtiger Zurückhaltung einer unilinearen Abfolge technischer Fortschritte gegenüber scheinen alle veröffentlichten Hinweise die generelle These zu unterstützen, daß die Metallurgie mit der Bearbeitung von Blei und Kupfer begann, gefolgt von der Erfindung von Bronze, einer Legierung von Kupfer mit Arsen oder Zinn, und wiederum später die Entdeckung der Eisenbearbeitung gelang. Als die Techniken gefunden waren, aus Eisen ein brauchbares Material zu machen, blieben Bronze und Eisen für eine Weile noch gleichzeitig im Gebrauch. Aber in den meisten Fällen ersetzte Eisen allmählich Bronze, hauptsächlich – so scheint es – weil seine Erze reichlicher vorhanden waren als die verstreuten Ablagerungen von Kupfer und Zinn, die für die Produktion von Bronze benötigt wurden.

Metall wurde für eine große Vielzahl von Zwecken eingesetzt. Bevor die Bronze erfunden wurde, wurden die verfügbaren Metalle, Gold, Silber und Kupfer, hauptsächlich für dekorative und zeremonielle Zwecke gebraucht, obwohl Kupferspangen und Angelhaken selbstverständlich auch praktische Funktionen hatten. Kupfertassen und -teller hatten den Vorteil, leichter handhabbar und dauerhafter als Töpferware zu sein. Weil sie selten und einfach zu transportieren waren, wurden Metallgegenstände oft als Geschenke und Tauschmittel benutzt. Die Verarbeitung von Bronze und Eisen eröffnete den Weg zu einer Palette von Anwendungsmöglichkeiten als Werkzeuge, Gefäße und Waffen.

Mehr als irgendetwas sonst wurde die Herstellung von Waffen zur exklusiven Domäne von Metallarbeiten. Wie Colin Renfrew anmerkt, "bis die Dolche erfunden waren, war kein Metallprodukt so bemerkenswert oder originell, um unentbehrlich zu sein". Keine vorher aus irgendeinem anderen Material entwickelte Waffe hatte eine vergleichbare Kombination von Druck, Schärfe und Kraft wie der Dolch oder seine abgeleiteten Formen, das Rapier und das Schwert.

"Die neue Form (…) führte zu einer universellen militärischen Bedrohung, der nur begegnet werden konnte, indem man sich selbst mit ähnlichen Waffen versorgte." [5]

Die Metallverarbeitung schuf zum erstenmal in der Geschichte nicht nur "eine ganze Reihe wertvoller Gegenstände, die es wert waren, in großer Anzahl gehortet zu werden"[6], sie stellte auch die Waffen zur Verfügung, mit deren Hilfe man sich diese Gegenstände aneignen konnte. Sie verstärkte den Trend zur Akkumulation von Eigentum, der in den meisten seßhaften Agrargesellschaften vorhanden war; aber sie führte diesen Trend auch in die Richtung einer höchst ungleichen Verteilung des akkumulierten Eigentums. Der Besitz von Waffen, der schon seit langer Zeit dazu tendierte, zum Monopol von erwachsenen und feierlich eingeführten Männern zu werden, von dem Frauen und Kinder generell ausgeschlossen waren, wurde nun zum Monopol einer spezifischen Klasse von Männern: den Kriegern. Wie der amerikanische Soziologe Gerhard Lensky bemerkt,

"wurden die Energien dieser machtvollen und einflußreichen Klasse zunehmend von der Eroberung der Natur auf die Eroberung von Menschen gerichtet".[7]

Die Monopolisierung der Mittel zur Zerstörung durch spezialisierte Krieger, die in der Lage waren, militärische, mit Bronzeund Eisenwaffen ausgestattete Banden zu befehligen, zwang Bauern und Handwerker, sich zu unterwerfen. Diese hatten keine Wahl. Um den produktiven Tätigkeiten, an die ihre soziale Existenz gebunden war, nachzugehen, brauchten sie den Schutz von Kriegern gegen andere Krieger. Es wird manchmal vermutet, daß die Schmiede eine Ausnahme darstellten. Es gibt Legenden über "königliche Schmiede", die ihre Karriere als einfache Handwerker begannen und dank ihrer speziellen Fähigkeit zu den Gründern von Dynastien wurden. Das berühmteste, aber keineswegs einzige Beispiel ist das des großen mongolischen Eroberers Dschingis-Khan, von dem gesagt wurde, daß er ursprünglich ein Schmied oder zumindest der Nachkomme einer Familie von Schmieden war. [8] Möglicherweise ist in einigen dieser Geschichten insofern ein Kern historischer Wahrheit enthalten, als es anfänglich kleinen, gildenartigen Clans gelungen war, die Geheimnisse ihrer Kunst zu bewahren und die kombinierten Monopole der Waffenherstellung und der militärischen Organisation in ihren eigenen Händen zu halten. Keine dieser Rollenkombinationen von Schmied und Krieger hatte jedoch langfristig Bestand.

Wie die Bauern die Herrscher mit Nahrungsmitteln versorgten, so versorgten die Schmiede sie mit ihren Waffen. Dieser Satz bringt sowohl die Bedeutung ihrer sozialen Funktion zum Ausdruck als auch die Schwäche ihrer Position. Ihre Beherrschung von Feuer und Metall war unbestritten und wurde dringend benötigt; was sie nicht konnten, war das Beherrschen von Menschen. Ihnen fehlten Organisationsmittel, die von militärischen Anführern kontrolliert wurden.

In ihren militärischen Operationen verließen sich die Krieger stärker auf die Produkte der Feuertechnologie (oder Pyrotechnologie) als auf das Feuer selbst. Das Feuer spielte in der Schlacht keine direkte Rolle – mit der Ausnahme von Belagerungen, bei denen es manchmal benutzt wurde,um die feindlichen Verteidigungen allmählich auszuhöhlen. Es wurde jedoch am spektakulärsten eingesetzt, wenn eine Belagerung in eine Eroberung überging. Was der britische Altertumswissenschaftler O. R. Gurney in seinem Bericht über die Hethiter aussagt, kann auf die militärisch-agrarische Gesellschaft im allgemeinen angewandt werden: "Eine mit Gewalt eroberte Stadt war die (…) Beute der siegreichen Armee und wurde im allgemeinen bis auf den Grund ausgeplündert und niedergebrannte".[9] In den folgenden Kapiteln werde ich auf diese "Plünderund Brennpraxis" noch weiter eingehen und erklären, wie und warum sie ausgeführt wurde.

  • [1] Muhly 1988, S. 7.
  • [2] Muhly 1988, S. 2.
  • [3] Muhly 1988, S. 5.
  • [4] In: Clarke, Cowie und Foxon 1985, S. 178. Siehe auch Coghlan 1975, S. 50–74; Wertime und Wertime 1982.
  • [5] Renfrew 1972, S. 320.
  • [6] Renfrew 1972, S. 339.
  • [7] Lenski u. a. 1991, S. l68.
  • [8] Vgl. Eliade 1962, S. 85. Siehe auch Eliade 1964, S. 470–474.
  • [9] Gurney 1990, S. 95. Das weggelassene Wort ist ›legitimate‹.
 
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