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Hattuša

Nach einer goldenen Regel in der Archäologie ist das "Nichtvorhandensein von Beweisen kein Beweis für das Nichtvorhandensein".[1] Die Tatsache, daß es in den bekannten Quellen des antiken Mesopotamien keine Hinweise auf Feuerprävention gibt, ist kein Beweis dafür, daß das Problem als solches nicht existierte. Im Gegenteil, es gibt Zeugnisse von frühem urbanem Leben aus den benachbarten Regionen, die eindeutig darauf hinweisen, daß die städtische Obrigkeit in der Tat sehr darauf bedacht war, der Feuergefahr vorzubeugen – insbesondere, wenn öffentliche Gebäude wie Tempel und Paläste gefährdet waren.

Eine antike Stadt, von der uns unter diesem Aspekt Quellen vorliegen, ist Hattuša, die Hauptstadt der Hethiter von ungefähr 1650–1200 v. Chr. Hier gibt es eindeutige Spuren einer offiziellen Politik der Feuerprävention. Sie berichten uns z. B., daß es verboten war, Holz oder Fackeln in eine bestimmte Festung zu tragen oder ein Feuer innerhalb ihrer Mauern anzuzünden. In einem anderen Text war der Mann, der die Nachtwachen kontrollierte, angehalten, während seiner ersten Runde "Löscht das Feuer" zu rufen und während seiner zweiten Runde "Das Feuer muß gelöscht sein". Diese Befehle wiesen offensichtlich auf die Institution einer Sperrstunde (curfew oder couvre-feu – "Bedeckt das Feuer") hin, wie wir sie von den Städten Westeuropas im Mittelalter kennen: ein generelles Verbot, offene Feuer während der Nacht brennen zu lassen. Dies war ein externer Zwang für einzelne Bürger, Dinge zu tun, die sie selbst möglicherweise unerfreulich und unnötig fanden, die von ihnen aber im Interesse ihrer Nachbarn und der Stadt als Ganze erwartet wurden. Noch mehr Aufschluß über die Verbindungen zwischen äußerem Zwang und Selbstzwang gibt die folgende Instruktion für die Tempeldiener:

Weiterhin: Sei außerordentlich vorsichtig mit dem Feuer. Bei einem Tempelfest hüte das Feuer sorgfältig. Wenn die Nacht hereinbricht, lösche gründlich mit Wasser, was immer für ein Feuerrest in der Feuerstelle sein mag. Aber wenn es noch eine Flamme an isolierten Stellen und auch trockenes Holz gibt, wenn der, der es löschen soll, im Tempel kriminell fahrlässig wird – selbst wenn nur der Tempel zerstört wird, aber Hattuša und das Eigentum des Königs nicht zerstört werden, wird der, der das Verbrechen begeht, mit seinen Nachkommen bestraft werden. Von denen die im Tempel sind, wird keiner verschont werden; zusammen mit ihren Nachkommen werden sie zugrunde gehen! So seid zu eurem eigenen Besten sehr sorgfältig in der Sache des Feuers. [2]

Wir können aus diesem Text schließen, daß die generelle Kontrolle durch die Nachtwache nicht als ausreichende Garantie angesehen wurde, daß alle Feuer zur Nacht in der Tat gelöscht wurden. Deshalb wurden den Tempeldienern spezielle Befehle erteilt. Appelliert wurde an ihr persönliches Verantwortungsgefühl – ein Appell in der Form einer strengen Gemahnung an die grausamen Strafen, die den Übeltäter, seine Kollegen und seine ganze Nachkommenschaft erwarten würden. Die Verpflichtung, Vorsicht im Umgang mit Feuer walten zu lassen, wurde unmißverständlich als eine soziale Pflicht ausgegeben, die durch soziale Sanktionen verstärkt wurde.

Die Gesetze der Hethiter sahen auch Entschädigungen für entstandene Schäden vor, wenn jemand Feuer an das Eigentum einer anderen Person gelegt hatte. So hieß es zum Beispiel: "Wenn ein freier Mann ein Haus anzündet, so muß er das Haus wieder aufbauen. Für alles, was im Haus Schaden erleidet, ob Mensch, Rind oder Schaf, soll er Ersatz leisten".[3] Es scheint fast so, als ob das Abbrennen eines Hauses nicht als ein furchtbares Unglück angesehen wurde; wenn ein freier Mann ein Feuer verursacht hatte, war alles, was von ihm erwartet wurde, Entschädigung zu zahlen. Eine Bestrafung war nur dann vorgesehen, wenn ein Sklave Feuer an ein Haus gelegt hatte, dann sollten seine Nase und seine Ohren abgeschnitten werden, bevor er zu seinem Herrn zurückgeschickt wurde. Der Herr hatte für die Schäden aufzukommen, wenn er dies verweigerte, sollte er seinen Sklaven verlieren. Der eher lässige Tonfall dieser Gesetze, die die persönlichen Ersatzansprüche unter Bürgern regelten, unterschied sich bemerkenswert von den gewaltigen Strafen, die die Obrigkeiten den Tempeldienern im Falle eines Feuers androhten.

  • [1] McGrew 1991, S. 13.
  • [2] Pritchard 1969, S. 209 (Hervorhebung von mir).
  • [3] Neufeld 1951, S. 30 f. Siehe auch Hoffner 1963, S. 75 f. und S. 240 f.
 
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