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Feuer auf dem Land

Während die Städte schon in sehr frühen Zeiten schriftliche Regeln, die das Feuer betrafen, hatten, gab es für die ländliche Bevölkerung, bis in jüngster Zeit, keine derartigen Regeln. Das Fehlen solcher Regeln ist meiner Meinung nach nicht nur daraus zu erklären, daß die Bauern sie sowieso nicht hätten lesen können, sondern auch damit, daß ihre Lebensweise solche Regelungen weniger notwendig machte. Bauern, die in Dörfern oder in isolierten Anwesen wohnten, hatten nicht so viele verschiedene Möglichkeiten, Feuer einzusetzen, wie Städter. Der häusliche Herd war ziemlich einfach unter Kontrolle zu halten, und wenn ein Feuer ausbrach, war der Schaden gewöhnlich auf ein einziges Gebäude beschränkt.

Je nach physischer Umgebung waren die Häuser oder Hütten aus Stein, Holz oder Lehm gebaut oder aus einer Kombination dieser Materialien. Die Dächer waren meistens mit Stroh gedeckt. 1977 stieß ein internationales Archäologenteam in Serbien auf ein verlassenes Haus aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk, das in seiner Konstruktion dem Haustyp, in dem Bauern vor zweitausend Jahren lebten, sehr ähnlich war. Um herauszufinden, welche Spuren übrigblieben, wenn ein solches Haus brannte, entschieden sich die Archäologen dafür, das Haus zu kaufen und es anzuzünden. Dabei ließen sie es absichtlich zu, daß die Kochstelle außer Kontrolle geriet. Sie hielten die Ergebnisse fest.

Innerhalb von drei Minuten hatte sich das Feuer durch das Dach gefressen, innerhalb von sechs Minuten stand das strohbedeckte Dach in Flammen, und die westliche Kammer mit ihren Strohmatratzen war zu einem unnahbaren Inferno geworden. Riesige Rauchwolken umhüllten das Haus. Niemand auf den umgebenden Feldern konnte ein solches Feuer übersehen haben. [1]

Fast so schnell, wie es aufgelodert war, verlosch das Feuer wieder. Nach zwanzig Minuten war das Stroh fast völlig abgebrannt und das Dach zusammengestürzt. Nur vergleichsweise geringer Schaden war jedoch an dem mit Lehm beworfenen Flechtwerk und den strukturellen Elementen des Hauses entstanden. Wie die Forscher feststellten, hätte es relativ wenig Anstrengung erfordert, das Dach zu reparieren, das Haus von den verbrannten Überresten zu befreien und es in einen bewohnbaren Zustand zu bringen.

Trotz der großen Vielfalt der örtlich verwendeten Materialien können wir das abgebrannte Haus in Serbien berechtigterweise als das ansehen, was der französische Historiker Fernand Braudel – mit leichter Übertreibung – ein "zeitloses Dokument" genannt hat. Das Experiment erlaubt uns dann die Folgerung, daß die bäuerlichen Häuser über einen langen Zeitraum hinweg so konstruiert waren, daß sie durch einen Brand nicht irreparabel zerstört wurden.

Das soll nicht heißen, daß die agrarische Welt gegen Feuer unempfindlich war. Im Gegenteil, von der Zeit an, als die Menschen anfingen, ein seßhaftes bäuerliches Leben zu führen und damit abhängig von Vorräten an Nahrungsmitteln, Futter und Samen wurden, stellte Feuer unausweichlich eine größere drohende Gefahr für ihre Existenz dar als jemals zuvor. Die Archäologen, die das Haus in Serbien abbrannten, hatten es vorher nicht mit irgendwelchen Vorräten gefüllt.

Wenn jedoch die Wintervorräte einer Familie tatsächlich in einer bäuerlichen Hütte verbrannt wären, würde das einen sehr großen Verlust bedeutet haben. Das Risiko der Verluste stieg mit den zunehmenden Möglichkeiten der ländlichen Bevölkerung, mit Hilfe von Töpferei und Metallverarbeitung Reichtum zu akkumulieren. Das intensive Wachstum machte sie nicht nur abhängiger von Feuer als einer Produktivkraft, sondern verstärkte auch die Notwendigkeit, sein Zerstörungspotential zu fürchten.

  • [1] Bankoff und Winter 1979, S. 35.
 
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