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Feuer und Opferung

Die meisten Hinweise auf Feuer haben mit Opferung zu tun. Technisch gesehen brachte das Altarfeuer keine Probleme. Die Texte beziehen sich auf das sehr viel schwierigere Thema der Regulierung sozialen Verhaltens vor dem Altar – die Festlegung der Rechte und Pflichten eines jeden –, und gerade dies macht die vielen Textstellen soziologisch so interessant. Aus den trocken klingenden und legalistischen Schriften taucht ein Bild auf, das uns zeigt, wie Menschen, im Namen ihres Gottes, miteinander vor dem Altarfeuer umgingen und zu welchen Opfern sie gezwungen, aber auch bereit waren. Das ewige Problem war, wer berechtigt, verpflichtet war, was und wem zu opfern. Um zu einer Lösung zu kommen, war es auch nötig festzulegen, wo und wann das Opfer gebracht werden sollte. Alle diese Fragen waren potentielle Konfliktquellen, und die Texte zeigen, daß sie oft zu heftigen Zusammenstößen führten.

Ein dramatischer Höhepunkt ist die Geschichte, in der Abraham hinausging, um einen Feueraltar zur Opferung seines einzigen Sohns Isaak zu errichten. Er tat dies, so wird erzählt, auf Geheiß des Herrn, der die Stärke seines Glaubens prüfen wollte. Letztendlich opferte Abraham seinen Sohn nicht, weil er im letzten Augenblick eine Botschaft erhielt, daß der Herr mit der Opferung eines Widders zufriedengestellt sein würde. Als Belohnung für seinen Glauben wurde Abraham eine zahlreiche und gesegnete Nachkommenschaft verheißen.

Aus dem Text geht hervor, daß Abraham diese Belohnung für sein gottesfürchtiges Verhalten erhielt, für seine Bereitwilligkeit, auf Geheiß des Herrn seinen liebsten Besitz zu opfern: seinen Sohn. Aus einer weltlichen Sicht scheint ein Widerspruch zwischen Befehl und Belohnung zu liegen, denn der einzige Weg für Abraham, Nachkommen zu haben, hätte darin bestanden, seinen Sohn nicht zu opfern – nur derjenige, der seinen Sohn verschont und jeder möglichen Versuchung widersteht, ihn zu töten, kann auf männlichen Nachwuchs hoffen. So gelesen scheint die Geschichte von Abraham und Isaak sich eher auf die Pflicht jedes Vaters zu beziehen, niemals einem Impuls, seinen Sohn zu töten, nachzugeben – sogar wenn er physisch in der Lage wäre, es zu tun, und selbst dann, wenn keine staatliche Autorität da wäre, ihn abzuhalten oder ihn zu bestrafen. [1]

Es gibt Hinweise, die nahelegen, daß die Praxis, insbesondere den erstgeborenen Sohn zu opfern, tatsächlich geübt wurde. In einer Zeile im Zweiten Buch Mose heißt es, "deinen ersten Sohn sollst du mir geben" (Zweites Buch Mose 22, 28). [2]

Außer einer etwas doppeldeutigen Aussage im Zweiten Buch Mose (13, 2) scheint dieser Befehl allein in dem Gebäude der Vorschriften zu stehen, das wie archäologische Schichten die Ablagerungen verschiedener Zeitalter repräsentiert. Alle späteren Ermahnungen verdammen eindeutig das Menschenopfer. Mit Verachtung wird von anderen Nationen gesprochen, die dieser schrecklichen Praxis frönen, und es wird den Israeliten streng verboten, sie nachzuahmen – genauso, wie es ihnen verboten ist, in irgendeiner Form an dem Götzendienst der sie umgebenden Völker teilzunehmen. Im Fünften Buch Mose (Deuteronomium) werden die Israeliten gewarnt, die Sitten der ursprünglichen Bewohner des Landes Kanaan anzunehmen: So "sollst du also dem HERRN, Deinem Gott, nicht dienen; denn sie haben ihren Göttern alles getan, was dem HERRN ein Greuel ist und was er haßt; denn sie haben sogar ihre Söhne und Töchter mit Feuer verbrannt ihren Göttern." (Fünftes Buch Mose 12, 31).

Der Dienst am Moloch wird besonders verurteilt. Die Gesetze im Dritten Buch Mose (Levitikus) befehlen emphatisch: "Du sollst auch nicht eines deiner Kinder geben, daß es dem Moloch geweiht werde, damit du nicht entheiligst den Namen deines Gottes; ich bin der HERR" (Drittes Buch Mose 18, 21), und sie fügen als Sanktion hinzu: "Wer unter den Israeliten oder den Fremdlingen in Israel eins seiner Kinder dem Moloch gibt, der soll des Todes sterben; das Volk des Landes soll ihn steinigen" (Drittes Buch Mose 20, 2). Die Strafe ist schwer – entsprechend der Zeit, in der diese Regeln aufgeschrieben worden sind, einer Zeit, in der es keine starke staatliche Regierung gab und das Volkstribunal die einzige Institution war, die kollektive Sanktionen verhängen konnte und gleichzeitig als Richter und Vollstrecker auftrat. Es ist wohl nicht mehr möglich festzustellen, wieviel Übertreibung in der wiederholten Behauptung der Propheten steckt, daß die Israeliten selbst auch die Greueltat begangen, "ihre Kinder dem Baal als Brandopfer zu verbrennen" (Jeremia 19, 5). Nach dem Propheten Jeremia war dies so häufig, daß er vorschlug, den Platz, wo das Verbrechen begangen wurde, "Würgetal" zu nennen (Jeremia 7, 32). Andere Propheten wiederholten die Anschuldigung (z. B. Hesekiel 16, 20; 20, 26; 23, 37–39). Ihre Darstellungen finden eine gewisse Unterstützung in den Geschichtsbüchern im Ersten und Zweiten Buch der Könige, in denen gesagt wird, daß König Salomon einen Molochaltar baute (Erstes Buch der Könige 11, 7) und daß zwei seiner Nachfolger ihren Sohn als Opfer verbrannt haben (Zweites Buch der Könige 16, 3; 21, 6). Offensichtlich beendete der fromme König Josia erst gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. diese Praxis, indem er den Schrein zerstörte, so "daß niemand seinen Sohn oder seine Tochter dem Moloch durchs Feuer gehen ließe" (Zweites Buch der Könige 23, 10).

Die Kampagne gegen die Verbrennung von Kindern, die dem Moloch und Baal geopfert wurden, zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit Kampagnen in jüngerer Zeit, die "Zivilisationsoffensiven".[3] genannt worden sind. Sie wurden von religiösen Führern angeführt, die versuchten, die Israeliten zu überreden, einem Regelwerk zu folgen – bekannt als die Gesetze Mose –, das angeblich göttlicher Herkunft sei und dessen alleinige autorisierte Interpreten sie waren. Ein großer Teil dieser Regeln betraf Opferungen. Opfer sollten nicht leichtfertig und irgendwo dargebracht werden, der einzige, angemessene Platz war ein geheiligter Altar. Ein Opfer bestand gewöhnlich aus Fleisch oder einer anderen Speise; es hing von der Art der Zeremonie ab, ob diese Nahrung entweder ganz verbrannt oder für eine Mahlzeit zubereitet wurde, die – wiederum abhängig von der Art der Zeremonie – entweder von der Person, die die Opferung brachte, verzehrt wurde oder von den Priestern, die den Altar hüteten.

Die Opferrituale, wie sie beschrieben werden, können meiner Meinung nach als kulturell spezifische Antworten auf Probleme gesehen werden, mit denen Menschen in seßhaften Agrargesellschaften allgemein konfrontiert waren. Danach bildeten die Rituale einen Teil einer umfassenderen "Agrarordnung" – einer Sammlung rituell verbindlicher Lösungen für Probleme, die sich aus der agrarischen Lebensweise ergaben. Eines dieser Probleme war, was mit dem reichen Angebot an Nahrung direkt nach der Ernte oder nach der Geburt der jungen Tiere im frühen Frühjahr zu geschehen habe. Nach einem harten Winter bestand immer die Versuchung, im Überfluß zu schwelgen. Längerfristig hatten die Gruppen, die dieser Versuchung nachgaben, jedoch eine geringere Überlebenschance als Gruppen mit einer disziplinierteren Haltung. Rituelle Feste konnten eine klügere und frommere Haltung unterstützen. Während dieser Feste wurde ein Teil der neuen Ernte oder der jungen Tiere sofort verzehrt, während der größere Teil als "investiertes Kapital" gespart wurde. Es ist unwahrscheinlich, daß von Anfang an alle Mitglieder einer Agrargemeinschaft bereit waren, aus eigenem Antrieb so vernünftig zu handeln. Wahrscheinlicher ist es, daß einige einflußreiche Personen die Führung übernahmen und andere zwangen, ihrem Beispiel zu folgen. Solche aufgeklärten Führer können sehr wohl die Vorläufer der religiösen Spezialisten, der Priester, gewesen sein. [4] Nachdem die Priester Teil einer etablierten sozialen Ordnung geworden waren, entstand ein neues Problem: Wie sollten die Beziehungen zwischen ihnen und dem Rest der Bevölkerung geregelt werden? Ein großer Teil der Mose zugeschriebenen Gesetzgebung bietet Lösungen für dieses Problem an. Sie legt die gegenseitigen Rechte und Pflichten von Priestern und Laien für alle Arten der Opferungen fest. Die Tatsache, daß die Priester für ihren Lebensunterhalt auf diese Opferungen angewiesen waren, machte es einfacher zu verstehen, warum die Handlungen, die zu den verschiedenen Opferzeremonien gehörten, bis ins kleinste Detail festgelegt waren. Obwohl es so aussah, als ob sich die Regeln auf individuelles Verhalten bezögen, definierten sie tatsächlich soziale Verpflichtungen. Indem diese Verpflichtungen als ewig gültige Gesetze vorgestellt wurden, spiegelten sie damit die zur Zeit ihrer Formulierung vorherrschende Machtbalance zwischen den religiösen Spezialisten und dem Rest der Bevölkerung wider.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß zu ihrer Zeit das Altarfeuer schon hinreichend "domestiziert" war, so daß ein Brandopfer keine technischen Schwierigkeiten mit sich brachte. Die Texte waren deshalb ganz auf die korrekte Ausführung der Rituale gerichtet. Dazu gehörte erstens, daß die Gläubigen nur den einen und einzigen Gott verehrten, den Gott der Priester Israels; und zweitens, daß jeder seinen ihm zustehenden Anteil erhielt:

Gott, die Priester und diejenigen, die die Opfer brachten. Immer wieder wurde wiederholt, daß nur an einem speziell dafür bestimmten Ort geopfert werden durfte und daß jede Abweichung schwer bestraft wurde. In einer der frühesten Geschichten wurde berichtet, wie Aarons Söhne ein "fremdes Feuer" darbrachten – d. h., es war kein Feuer von dem immer brennenden Altar im Tabernakel gewesen. Sie wurden sofort bestraft: "Da fuhr ein Feuer aus von dem HERRN und verzehrte sie, daß sie starben vor dem HERRN" (Drittes Buch Mose 10, 1–2). Andere Texte legen nahe, daß es den Gläubigen selbst überlassen war, die Strafe auszuführen:

"Wer aus dem Hause Israel oder von den Fremdlingen, die unter euch sind, ein Brandopfer oder ein Schlachtopfer darbringt, und bringt es nicht vor die Tür der Stiftshütte, um es dem HERRN zu opfern, der wird ausgerottet werden aus seinem Volk" (Drittes Buch Mose 17, 8–9). Dies war in der Tat sehr wichtig. Wenn die Opfergaben nicht an einen zentralen Platz gebracht wurden, konnten die religiösen Autoritäten die Kontrolle darüber verlieren. Der Prophet Jeremia beschreibt die entsetzlichen Folgen, die dies haben würde:

"Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, daß sie der Himmelskönigin Kuchen backen, und fremden Göttern spenden sie Trankopfer." (Jeremia 7, 18). Er sprach mit Abscheu von all den Häusern in Jerusalem, "wo sie auf den Dächern dem ganzen Heer des Himmels geopfert und andern Göttern Trankopfer dargebracht haben" (Jeremia 19, 13).

Viele Seiten sind mit Festsetzungen darüber gefüllt, was am offiziellen Altar für alle der drei beteiligten Gruppen verpflichtend war: für Gott, die Priester und diejenigen, die opferten. Die Bücher stimmen nicht in jedem Detail überein, was ein Hinweis auf Veränderungen in der Machtbalance zwischen Priestern und Laien sein könnte. Alles in allem verloren Brandopfer als eine Form der Naturalbesteuerung an Bedeutung, als immer mehr Menschen in den Städten lebten und Geld als Tauschmittel benutzten.

Gleichzeitig können wir die Tendenz feststellen, die Frömmigkeit einer Person nicht mehr nach der Erfüllung ritueller Pflichten, sondern nach ihren allgemeinen Einstellungen zu beurteilen. Einige Textstellen geben Zeugnis von diesem Trend. Jesaja war der erste, der seinen Gott seufzen ließ: "Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Greuel" (Jesaja 1, 13). Die späteren Propheten wiederholten: "Eure Brandopfer sind mir nicht wohlgefällig und Eure Schlachtopfer gefallen mir nicht" (Jeremia 6, 20); "denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer" (Hosea 6, 6). "Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen" (Amos 5, 21–22). Was der Herr von seinen Gläubigen fordert ist, "Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott" (Micha 6, 8).

Die Tendenz zu einer "Internalisierung der Religion", die durch diese Zitate zum Ausdruck kommt, scheint ein charakteristischer Zug nicht nur der Entwicklung des Judentums zu sein, sondern aller großen Weltreligionen, einschließlich des Christentums. Der amerikanische Anthropologe Marvin Harris hat diese Entwicklungslinie auf ökologische Veränderungen bezogen, insbesondere auf die wachsende Fleischknappheit, die mit dem Bevölkerungswachstum einherging. [5] Es würde Harris' allgemeiner Interpretationslinie nicht widersprechen, wenn wir annehmen, daß Generationen von Bauern sukzessive daran gewöhnt waren, in einem Agrarsystem zu leben. Die Notwendigkeit, dieses System durch äußere Rituale abzustützen, wurde dadurch geringer. Mit dem Anwachsen der städtischen Bevölkerung wurden auch die agrarischen Aspekte ihrer moralisch-religiösen Ordnung (ihrer "Zivilisation") für sie weniger bedeutend. Diese verschiedenen Trends können erklären, warum Opfergaben in Naturalien langsam durch Sparen und Steuerzahlen ersetzt wurden – durch soziale Aktivitäten ohne Feuereinsatz.

  • [1] Andere Interpretationen von Abrahams Opfer fi sich bei Spiegel 1969. Siehe auch Morgenstern 1963.
  • [2] Alle Bibelzitate aus Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1985.
  • [3] Vgl. Kranendonk 1990, S. 86–91. Siehe auch Kapitel 8, S. 179–180.
  • [4] Vgl. Goudsblom 1989.
  • [5] Harris 1977, S. 117 ff.
 
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