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Feuer als Zeichen göttlicher Macht

In der Schöpfungsgeschichte im Ersten Buch Mose (Genesis) wird Feuer nicht erwähnt. Dies scheint darauf hinzuweisen, daß Feuer – im Gegensatz zu Wasser – in der Weltsicht der Schreiber, die in einem heißen, trockenen Land lebten, keine herausragende Bedeutung hatte. Es gibt jedoch einige andere Textstellen, in denen uns berichtet wird, wie Gott selbst sich ausgewählten Personen gegenüber "im Feuer" offenbarte.

Eine solche Stelle findet sich im Zweiten Buch Mose (Exodus), wo berichtet wird, daß Gott Moses befahl, sein Volk aus Ägypten in das Land Kanaan zu führen. Bei dieser Gelegenheit soll der Engel des Herrn vor Moses erschienen sein "in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, daß der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde" (3, 2). Die Verkündung der Zehn Gebote fand unter ähnlichen Umständen auf dem Berg Sinai statt, der "vollständig rauchte, darum daß der Herr herab auf den Berg fuhr mit Feuer; und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, daß der ganze Berg sehr bebte", Ein ehrfurchtgebietendes Ereignis, das alle, die anwesend waren, mit großer Furcht erfüllte (1 9, 18). Moses gelang es, seine eigene Autorität zu stärken, indem er unerschrocken blieb und seinem Volk versicherte: "Fürchtet euch nicht, denn Gott ist gekommen, euch zu versuchen damit ihr's vor Augen habt, wie er zu fürchten sei und ihr nicht sündigt" (Mose 20, 20).

Auf diese Weise schreibt der Text Moses die außerordentliche Macht zu, mit einem übermächtigen Gott zu kommunizieren, der unter anderem das Feuer kontrolliert, sogar in der unkontrollierten Verkleidung brennender Büsche und brennenden Unterholzes sowie von Donner und Blitz. Bei einer früheren Gelegenheit wird von Moses berichtet, den ägyptischen Pharao in die Verzweiflung getrieben zu haben, indem er eine Anzahl schrecklicher Plagen über das Land beschwor, weil der Pharao sich weigerte, die Israeliten ziehen zu lassen. In der siebten Plage wurde – nach der Überlieferung – "ganz Ägypten durch Donner und Hagel geschlagen, und Feuer schoß auf die Erde nieder" (Zweites Buch Mose 9, 23). Wir sollen einsehen, daß es in Moses Macht lag, seinen Gott dazu zu bringen, solche schrecklichen Heimsuchungen geschehen zu lassen. Erst nachdem dieser Gott in der zehnten Heimsuchung alle Erstgeborenen in Ägypten getötet hatte, sowohl Kinder als auch Vieh, gab der Pharao nach und forderte Moses auf: "Macht euch auf und ziehet weg aus meinem Volk, ihr und die Israeliten. Gehet hin und dienet dem HERRN, wie ihr gesagt habt" (Zweites Buch Mose 12, 31).

Während des Auszugs aus Ägypten, so wird berichtet, zog der Herr ständig vor seinem Volke her, in einer Wolkensäule bei Tag und in einer Feuersäule bei Nacht (Zweites Buch Mose 13, 22). Die interessante Frage ist nicht so sehr, was tatsächlich geschah (denn wir können uns nur an das halten, was der Text selbst sagt), sondern woran die Autoren dachten. Sie könnten einerseits an ein göttliches Feuer gedacht haben, das direkt von Gott gesandt war, oder aber an ein brennendes Feuer in einem heiligen Tabernakel, das von den Menschen vorne in der Karawane getragen wurde. Im zweiten Fall könnte es dasselbe Feuer gewesen sein, das – nach dem Dritten Buch Mose (6, 9–13) – im Tabernakel und später im Tempel nie ausgehen durfte.

Andere Geschichten, in denen Feuer als Zeichen göttlicher Macht dargestellt wird, haben eine ähnliche Doppeldeutigkeit. Sie berichten von wundersamen Ereignissen, die dem direkten Eingreifen Gottes zugeschrieben wurden, die aber auch sehr wohl durch Menschen hätten herbeigeführt werden können. Diese Doppeldeutigkeit durchdringt auch die längste und dramatischste Feuerepisode im Alten Testament, das Duell zwischen Elia und den Propheten Baals, des kanaanitischen Gottes der Fruchtbarkeit.

Die Geschichte von Elia hat ihren Platz in einem viel späteren und geschichtlich schon etwas besser dokumentierten Zeitalter als jene von Abraham und Moses. Elia muß in der Mitte des 9. Jahrhunderts gelebt haben, nach der Teilung des Königreichs im Jahre 932 v. Chr. Er war während der Herrschaft des Königs Ahab über das nördliche Reich (875–854), das immer noch Israel genannt wurde, auf der Höhe seiner Macht. Damals gab es eine starke Neigung – besonders in den höheren Kreisen – zur Assimilierung mit dem umgebenden kanaanitischen Volk. Ahab hatte die phönizische Prinzessin Isebel geheiratet und erlaubte offiziell die Anbetung des Fruchtbarkeitsgottes Baal.

Elia tritt im ersten Buch der Könige als der Führer des Widerstandes gegen diese fremden Einflüsse auf. Ebenso wie Moses werden auch ihm wunderbare Fähigkeiten zugeschrieben. Einmal prophezeite er, daß der Herr Israels Abfall mit einer jahrelangen Dürre strafen würde. Als wenig später das Land tatsächlich unter einer großen Dürreperiode litt, beschuldigte der König Elia, diese verursacht zu haben. Elia bat dann den König, einen öffentlichen Wettbewerb auf dem Berg Karmel zu veranstalten. Die Geschichte dieses Wettbewerbs ist so lebhaft erzählt, daß ich sie ganz zitiere. Ich hebe die Stellen hervor, in denen das Feuer eine große Rolle spielt.

Erstes Buch der Könige 18, 20–40:

So sandte Ahab hin zu ganz Israel und versammelte die Propheten auf den Berg Karmel. Da trat Elia zu allem Volk und sprach: Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der HERR Gott, so wandelt ihm nach, ist's aber Baal, so wandelt ihm nach. Und das Volk antwortete ihm nichts. Da sprach Elia zum Volk: Ich bin allein übriggeblieben als Prophet des HERRN, aber die Propheten Baals sind vierhundert und fünfzig Mann. So gebt uns nun zwei junge Stiere und laßt sie wählen einen Stier und ihn zerstückeln und aufs Holz legen, aber kein Feuer daran legen; dann will ich den anderen Stier nehmen und aufs Holz legen und auch kein Feuer daran legen.

Und ruft ihr den Namen eures Gottes an, aber ich will den Namen des HERRN anrufen. Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaftig Gott. Und das ganze Volk antwortete und sprach: Das ist recht. Und Elia sprach zu den Propheten Baals: Wählt ihr einen Stier und richtet zuerst zu, denn ihr seid viele, und ruft den Namen eures Gottes an, aber legt kein Feuer daran. Und sie nahmen den Stier, den man ihnen gab, und richteten zu und riefen den Namen Baals an vom Morgen bis zum Mittag und sprachen: Baal, erhöre uns! Aber es war da keine Stimme noch Antwort. Und sie hinkten um den Altar, den sie gemacht hatten. Als es nun Mittag wurde, verspottete sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, daß er aufwache.Und sie riefen laut und ritzten sich mit Messern und Spießen nach ihrer Weise, bis ihr Blut herabfloß.

Als aber der Mittag vergangen war, waren sie in Verzückung bis um die Zeit, zu der man das Speisopfer darbringt; aber da war keine Stimme noch Antwort noch einer, der aufmerkte.

Da sprach Elia zu allem Volk: Kommt her zu mir! Und als alles Volk zu ihm trat, baute er den Altar des HERRN wieder auf, der zerbrochen war, und nahm zwölf Steine nach der Zahl der Stämme der Söhne Jakobs – zu dem das Wort des HERRN ergangen war: Du sollst Israel heißen – und baute von den Steinen einen Altar im Namen des HERRN und machte um den Altar her einen Graben, so breit wie für zwei Kornmaß Aussaat, und richtete das Holz zu und zerstückte den Stier und legte ihn aufs Holz.

Und Elia sprach: Holt vier Eimer voll Wasser und gießt es auf das Brandopfer und aufs Holz! Und er sprach: Tut's noch einmal! Und sie taten's noch einmal. Und er sprach: Tut's zum drittenmal! Und sie taten's zum drittenmal.

Und das Wasser lief um den Altar her, und der Graben wurde auch voll Wasser. Und als es Zeit war, das Speisopfer zu opfern, trat der Prophet Elia herzu und sprach: HERR, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, laß heute kundwerden, daß du Gott in Israel bist und ich dein Knecht und daß ich das alles nach deinem Wort getan habe!

Erhöre mich, HERR, erhöre mich, damit dies Volk erkennt, daß du, HERR, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!

Da fiel das Feuer des HERRN herab und fraß Brandopfer, Holz, Steine und Erde und leckte das Wasser auf im Graben.

Als das alles Volk sah, fielen sie auf ihr Angesicht und sprachen: Der HERR ist Gott, der HERR ist Gott!

Elia aber sprach zu ihnen: Greift die Propheten Baals, daß keiner von ihnen entrinne! Und sie ergriffen sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kischon und tötete sie daselbst.

Diese Geschichte kann auf verschiedene Weisen interpretiert werden. Eine ist, sie wörtlich zu nehmen und so aufzufassen, daß alles genau so geschah, wie es berichtet wurde. Die zweite ist, jeden Anspruch auf Wirklichkeit zurückzuweisen und zu sagen, daß nichts dieser Art geschehen ist. Die dritte – und für mich vielversprechendste – Interpretation ist, daß die Geschichte einen Wahrheitskern enthält: Ein Mann namens Elia war im Besitz einer leicht brennbaren Flüssigkeit, in deren Geheimnis nur wenige eingeweiht waren. Konfrontiert mit rivalisierenden Anwärtern auf die religiöse Führerschaft, griff Elia auf sein mysteriöses Gebräu zurück. Vielleicht legte er ein kleines Stück Obsidian auf den Altar, das als Brennglas unter der Mittagssonne eingesetzt werden konnte und die brennbare Flüssigkeit bis zur Zündung erhitzte. Auf diese Weise hätte er seine starke Kontrolle über das Feuer eingesetzt, um etwas von seiner angeschlagenen Kontrolle über Menschen zurückzugewinnen.

Elias Heldentat war weniger spektakulär als die, die Moses zugeschrieben worden war, der seinen Gott inständig überredete, einen schrecklichen Gewittersturm mit Donner und Blitz über Ägypten kommen zu lassen. Genau diese bescheidenere Dimension des Elia-Wunders macht es einer "natürlichen" Erklärung zugänglich. Es ist denkbar, daß er ein Feuervirtuose war, der sich einige esoterische Kenntnis angeeignet hatte. Selbst wenn die Priester Israels Magie verurteilten, muß das nicht heißen, daß die religiösen Spezialisten sie nie benutzten. [1] Ein späterer Text, der ungefähr um 100 v. Chr. geschrieben und in die apokryphischen Bücher der Makkabäer aufgenommen worden war, beschreibt, wie Nehemia eine ähnliche Großtat – Wasser in Feuer zu verwandeln – gelang. Der Bericht über dieses Ereignis bietet indirekte Unterstützung für die Vermutung, daß die Flüssigkeit, die Elia über seine Opferung gegossen hatte, ein Petrolgemisch war, das sogenannte Neftar oder Naphta. Ich werde auf diese jüngere Episode im fünften Teil dieses Kapitels zurückkommen.

  • [1] Zum Verhältnis des alten Israel der Magie gegenüber siehe M. Weber 1966 (Das Antike Judentum, S. 219–225); Zeitlin 1984, S. 30 ff. Ich vermute, daß Zeitlin ihren Einfluß unterschätzt.
 
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