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Feuer im Krieg

Im Alten Testament sind die Themen Religion und Krieg eng miteinander verflochten. Die Eroberung des Gelobten Landes unter der Herrschaft von Moses und Josua wird beschrieben in einer Mischung von religiösen und militärischen Begriffen, als ein heiliger Krieg, der nicht nur im Namen des Herrn durchgeführt wurde, sondern gelegentlich auch mit seiner aktiven Unterstützung (siehe z. B. Fünftes Buch Mose 9, 3); der Herr handelte wahrlich als ein "Kriegsgott".[1]

Der soziale Hintergrund dieser Eroberungsgeschichte erinnert an das "Vor-Spiel"-Modell, das Norbert Elias in "Was ist Soziologie?" skizziert. [2] Dieses Modell beschreibt zwei Stämme, die sich – unabsichtlich – in die Quere gekommen und in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt sind. Vorher hatten sie nicht einmal von der Existenz der jeweils anderen gewußt; aber nun, da sie voneinander abhängig geworden sind, werden ihre Leben auf ein einziges Ziel fixiert – die anderen müssen aus dem Weg gehen, sie müssen verschwinden. Dieses ist auch die Mentalität, die im Fünften Buch Mose beschrieben wird: Die Israeliten sehen sich gezwungen, die Völker auszulöschen, in deren Land sie eindringen, und sie legitimieren diesen Zwang durch den Willen Gottes. Der "heilige Krieg" wird gerechtfertigt durch die Idee, daß die anderen Völker falsche Götter anbeten und deshalb in den Augen des Gottes Israels verworfen sind. (Fünftes Buch Mose 9, 5). Das Fünfte Buch Mose wurde in der Zeit des babylonischen Exils zusammengestellt, viele Jahrhunderte nach den Ereignissen, über die es berichtet. Heute ist Gegenstand der Diskussion unter Archäologen, Historikern und Theologen, ob diese Ereignisse überhaupt stattgefunden haben und ob es irgend eine empirische Grundlage für die Vorstellung des "Volkes Israel" gibt, das in ein "Gelobtes Land" gekommen sei. [3]

Vielleicht war es nie eine "Eroberung", sondern nur ein Prozeß des Seßhaftwerdens von Seminomaden, dem zunächst Stammesund Staatsbildung folgten und dann Eingliederung in größere Reiche wie Assyrien und Ägypten. Die Geschichte vom originären "heiligen Krieg" wäre dann eine Erfindung von priesterlichen Schreibern, die eifrig eine Legende aufbauten, die in der militärisch-agrarischen Gesellschaft ihrer Zeit die angesehenste Legitimation für eine Nation zu sein schien: Eroberung und Sieg unter göttlichem Befehl.

Die Geschichte der Eroberung ist von bleibendem Interesse, selbst wenn sie fiktiv wäre, aufgrund der Erkenntnisse, die sie uns über die Mentalität der Schreiber vermittelt. Für sie schien es selbstverständlich, daß die Israeliten nach dem Sieg über die Amoriter deren Städte niederbrannten (Viertes Buch Mose 21, 28) und daß sie dies auch bei anderen Völkern taten (Viertes Buch Mose 31, 10). Jericho erlitt das gleiche Schicksal: "Aber die Stadt verbrannten sie mit Feuer und alles, was darin war. Nur das Silber und Gold und die kupfernen und eisernen Geräte taten sie zum Schatz in das Haus des HERRN" (Josua 6, 24).

Offensichtlich wurde nicht die gesamte Beute in den allgemeinen Schatz abgeliefert. Ein Mann, Achan, hatte einen Mantel, zweihundert Silberschekel und einen Goldbarren für sich selbst behalten, und diese Beutestücke in der Erde unter seinem Zelt versteckt. Dieser Verstoß gegen die militärische Disziplin wurde ordnungsgemäß aufgedeckt und bestraft: Der Dieb wurde "mit Feuer verbrannt", eine außergewöhnliche Strafe (Josua 7, 15).

Nachdem Jericho zerstört worden war, erhielten die Israeliten, folgt man der heiligen Schrift, Anweisungen, das gleiche mit der Stadt Ai zu tun: sie einzunehmen und anzuzünden (Josua 8, 8). Dieses taten sie auch und machten aus Ai einen "Schutthaufen für immer, der noch heute daliegt" (Josua 8, 28). Die letzte Stadt, die Josua und seine Männer eroberten, war Hazor: "Und sie erschlugen alle, die darin waren, mit der Schärfe des Schwerts und vollstreckten den Bann an ihnen, und nichts blieb übrig, was Odem hatte, und er verbrannte Hazor mit Feuer" (Josua 11, 11).

Das Buch der Richter legt einen Bericht der weiteren militärischen Kämpfe der Stämme Israels vor der Bildung eines vereinigten Königreiches vor. Diese Kämpfe waren zahlreich und gewalttätig, wie die Endverse des Buches vermuten lassen: "Zu der Zeit war kein König in Israel; jeder tat, was ihm recht dünkte" (Buch der Richter 21, 25). Abgesehen von einigen offensichtlichen Routinehinweisen auf Städte, die erobert und niedergebrannt worden waren, wird Feuer nur nebenbei erwähnt, wie z. B. in der Geschichte von Samson, der dreihundert Füchse fing und sie paarweise mit brennenden Fackeln an ihren Schwänzen in die Getreidefelder, Weinberge und Olivenhaine der Philister trieb (Buch der Richter 15, 4–6). Im Widerspruch zu den Ansprüchen mindestens eines modernen Autors ist dieses keineswegs der älteste Nachweis eines von Menschen gemachten Feuers. [4] Was die Geschichte jedoch zu mehr als einer Kuriosität macht, ist, daß sie eine mögliche – zugegebenermaßen unpraktische – Lösung für ein Problem nahelegt, das die Menschen im Krieg oft beschäftigt haben wird: Wie setzt man ein Feld unter ungünstigen, aber häufig vorkommenden Umständen in Brand – wenn der Weizen noch nicht reif ist und es keinen Wind gibt. [4]

Indirekt spielte das Feuer in der Kriegsführung eine Rolle, seit es zur Waffenherstellung benutzt wurde. Die Geschichte des Kampfes mit den Philistern trägt sich in der Eisenzeit zu. Aber es wird angedeutet, daß die Israeliten anfänglich kein Eisen hatten, während ihre Gegner wohl darüber verfügten:

"Es war aber kein Schmied im ganzen Land Israel zu finden – denn die Philister dachten, die Hebräer könnten sich Schwert und Spieß machen" (Erstes Buch Samuel 13, 19–22; siehe auch Buch der Richter 1, 19).

Die Idee, die Philister könnten die Produktion von Eisenwaffen monopolisiert haben, ist verblüffend und läßt uns fragen, wie sie dieses Monopol haben aufrecht erhalten können. Es ist jedoch viel wahrscheinlicher, daß der Bearbeiter dieser Geschichte die Ungleichheiten in der militärischen Ausrüstung zwischen Israeliten und Philistern übertrieb, um den Sieg der Israeliten um so eindrucksvoller und wunderbarer erscheinen zu lassen. In der Tat veränderte die Schlacht die Machtbalance in der Region: Nicht viel später wurde das vereinigte Königreich Israel gegründet, das bald darauf, unter David und Salomon, in die Periode seines größten militärischen Glanzes und Reichtums eintreten sollte. Seine Reichtümer wurden zu einem großen Teil aus der Kontrolle über die Eisenminen und Schmelzöfen gewonnen, die die Israeliten mit großen Mengen an Eisen für Landwirtschaft, Handel und Krieg versorgten.

Die Chronisten zeigten geringes Interesse an den Techniken des Schmelzens und Schmiedens – diese Einstellung war ziemlich typisch für Schreiber als literarische Spezialisten. Sie haben uns jedoch über die politischen Intrigen nach Salomons Tod und über den anschließenden Niedergang der Monarchie, der durch interne Zwistigkeiten und durch Einmischung der größeren und mächtigeren Königreiche von Ägypten und Assyrien herbeigeführt worden war, einen ausgezeichneten Bericht gegeben. Im Jahre 586 vor Christus belagerten die Assyrer Jerusalem und nahmen es gewaltsam ein. Einige Tage nach der Eroberung brannten sie den Tempel, den Palast und alle großen Häuser nieder und rissen die Stadtmauern ein (Zweites Buch der Könige 25, 9–10). Die bedeutenden Bürger wurden in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt; unter ihnen waren alle Mächtigen im Lande "und alle Zimmerleute und alle Schmiede" (Zweites Buch der Könige 24, 14–16).

Im Jahre 445 v. Chr. erhielt Nehemia, der in Babylon im Exil als hoher Würdenträger des Palastes lebte, die Nachricht, daß die Festung Jerusalem noch immer geschliffen war, daß "ihre Tore (…) von Feuer verzehrt" waren (Nehemia 2, 3). Der persische König, der nun über Babylon herrschte, gab ihm die Erlaubnis, nach Jerusalem zurückzukehren und seine Mauern wieder aufzurichten. Eines der Dinge, die er tat – so im Buch der Makkabäer –, war, das heilige Tempelfeuer wieder zurückzuerlangen:

Denn als unsere Väter nach Persien weggeführt wurden, haben die frommen Priester jener Zeit Feuer vom Altar genommen und es heimlich in der Höhlung eines Brunnens versteckt, der eine wasserfreie Stelle besaß. Dort verwahrten sie es so, daß niemand den Ort erfuhr. Als nun nach vielen Jahren Nehemia nach dem Willen Gottes vom König von Persien heimgesandt wurde, schickte er Nachkommen der Priester, die das Feuer verborgen hatten, damit sie es wieder suchten. Wie sie uns berichtet haben, haben sie kein Feuer, sondern dickflüssiges Wasser gefunden. Das gebot er ihnen zu schöpfen und zu bringen. Als nun alles zum Opfer zugerüstet war, hat Nehemia den Priestern befohlen, sie sollten das Wasser über das Holz und das Opfer, das auf dem Holz lag, gießen. Als sie das getan hatten und nach einiger Zeit die Wolken vergangen waren und die Sonne aufleuchtete, da entzündete sich ein großes Feuer. Darüber wunderten sich alle (…) Nehemia und seine Leute nannten dieses Wasser Neftai, auf deutsch Reinigung, die meisten aber nennen es Nephtai (Zweites Buch der Makkabäer 1, 19–36). [6]

Nach dem Bericht in den Büchern der Makkabäer wurde Nehemias "Rückgewinnung" des Feuers aus "dickflüssigem Wasser" zum Anlaß für jährliche Festlichkeiten und Lobpreisungen Gottes. Es scheint so, daß in einer Gesellschaft, in der Feuer allgemein zugänglich war und für eine Vielzahl von Zwecken gebraucht wurde, seine zeremoniellen Funktionen dennoch ein hohes Ansehen hatten. Nehemias mysteriöse Wiederherstellung des Tempelfeuers trug sicher zu diesem Prestige bei.

Im Vergleich zu der Geschichte von Elia und den Propheten des Baal ist der Bericht über Nehemias Tat bemerkenswert säkularisiert. Es wird von keiner aktiven Einflußnahme von Seiten des Herrn berichtet. Der Held der Geschichte ist Nehemia selbst, der offensichtlich dank seiner eigenen Autorität wußte, daß diese mysteriöse Flüssigkeit sich spontan entzünden würde.

Zur Zeit der Rückkehr Nehemias nach Jerusalem war Israel schon lange keine militärische Macht mehr. Sein Volk konnte nur von einer Vergangenheit träumen, in der seine Vorväter in einem heiligen Krieg Städte in Asche gelegt hatten. Das Altarfeuer im Tempel brannte jedoch weiterhin – bis 70 n. Chr. Soldaten der römischen Besatzungsmacht den ganzen Tempel in Brand setzten.

  • [1] Rogerson und Davies 1989, S. 118, 132.
  • [2] Elias 2006, GS 5, S. 97–102 [1970, S. 79–83].
  • [3] Vgl. Gottwald 1979; Lemche 1988, S. 75–117; Miller, Maxwell und Hayes 1986, S. 74–79.
  • [4] Vgl. Hanson 1983.
  • [5] Vgl. Hanson 1983.
  • [6] Zitiert nach der Übersetzung Stuttgart 1985.
 
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