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Feuer im Alltag

Der Gebrauch des Feuers im Alltag, fern aller ausdrücklich religiösen und militärischen Zwecke, wird nur gelegentlich und beiläufig erwähnt. Wenn Jesaja eine starke Metapher für den Abfall vom Glauben sucht, zieht er einen Vergleich zu dem Zerbrechen eines Tongefäßes, "so daß man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen" (Jesaja 30, 14). Aufgrund solcher gelegentlichen Hinweise können wir schließen, daß die Menschen nicht länger daran gewöhnt waren, Feuer zu machen; wenn sie Feuer brauchten, holten sie einen Brandstock von einem Feuer, das schon brannte.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß zu der Zeit, als die Israeliten seßhaft wurden (und dadurch erst "Israeliten" wurden), der größte Teil des palästinensischen Gebietes – und sicher die Ebenen – schon entwaldet war. So ist es nicht erstaunlich, daß wir nichts über Feuer hören, das zum Jagen oder Roden eingesetzt wird. Es gibt einige wenige Hinweise auf Buschfeuer und auf die Entschädigung, die im Falle des Anzündens fremden, gebundenen oder stehenden, Getreides (Zweites Buch Mose 22, 5) fällig wird. Solche Hinweise sind allerdings ausgesprochen selten.

Das gleiche gilt auch für die häuslichen Einsätze von Feuer. Es gibt weder Warnungen, mit Feuer vorsichtig umzugehen, noch werden irgendwelche Psalmen über das Herdfeuer als den Mittelpunkt von Komfort und Geselligkeit gesungen. Die klimatischen Bedingungen und die Bodenbeschaffenheit waren so, daß zu dieser Phase der soziokulturellen Entwicklung das Wasser viel höher geschätzt wurde als das Feuer. Nur ein einziges Mal, und zwar in einer Szene, die weit davon entfernt ist, Behaglichkeit zu vermitteln, wird Feuer als Schutz vor Kälte erwählt: König Jojakim saß im Winterhaus vor dem Kohlenbecken und gab den Befehl, daß ihm aus einer Schriftrolle vorgelesen werde, auf der Jeremia eine Botschaft des Herrn geschrieben hatte; nachdem jeweils drei oder vier Spalten gelesen waren, schnitt der König sie ab "mit einem Schreibmesser und warf sie ins Feuer, das im Kohlenbecken war, bis die Schriftrolle ganz verbrannt war" (Jeremia 36, 22–23).

Auch die Versorgung mit Brennmaterial, eine der dauerhaften Belastungen des seßhaften agrarischen Lebens, wird außerordentlich selten erwähnt. Das Holzhacken galt, wie das Wasserholen, als unangenehme, niedrige Tätigkeit, die vorzugsweise den Sklaven und Knechten überlassen blieb. Es ist überliefert, daß Josua gnädig den Bewohnern einiger Städte das Leben ließ, damit sie und ihre Nachkommen als "Holzhauer und Wasserschöpfer" dienen konnten (Josua 9, 27). Obwohl Holz und Holzkohle weiterhin die begehrtesten Brennstoffe waren, wurden zunehmend auch andere Materialien verwendet, einschließlich Kuhmist und Menschenkot (Hesekiel 4, 15), Rebholz (Hesekiel 15, 4–6) und Wacholderzweige (Psalm 120, 4).

Wie in jeder Gesellschaft war die Zerstörung von unerwünschtem und "unreinem" Material eine bedeutende Funktion des Feuers. Von früh an hatte dies "draußen vor dem Lager" zu geschehen (Drittes Buch Mose 8, 17). Für das Volk von Jerusalem war das Kidrontal der Ort für die Müllverbrennung; dort wurden auch – in Perioden strengerer religiöser Herrschaft – die Bildnisse fremder Kulte verbrannt (Erstes Buch der Könige 15, 3; Zweites Buch der Könige 23, 4–6). Später bekam das Gehennatal dieselbe Funktion zugewiesen; hier sollen in früheren Tagen Eltern ihre Kinder dem Moloch geopfert haben. Einige Zeit darauf erhielt der Name Gehenna den Beiklang einer Stätte ewig brennenden Feuers, zu welchem Sünder verdammt waren – dieser Beiklang jedoch gehört zur Welt des Neuen Testaments.

Aus den älteren Büchern steigt das Bild einer Gesellschaft mit einer sich langsam entwickelnden Agrarherrschaft hervor, die die ältere Feuerherrschaft absorbiert hat. Die Beziehungen zur Natur blieben prekär, aber das Feuer rangierte unter den befürchteten Gefahren nicht sehr hoch, weder auf dem Lande noch in den Städten. Dürre, Mehltau, Heuschrecken – dies waren die Katastrophen, die Hungersnot verursachen konnten und gegen die göttliche Hilfe erfleht wurde (z. B. Zweite Chronik 6, 28). Wenn die Menschen das Feuer überhaupt fürchteten, dann hauptsächlich als ein Ergebnis kriegerischer Akte; sie fürchteten ihre Feinde mehr als das Feuer.

Die Menschen, auf die sich die Texte beziehen, lebten in einer seßhaften Agrargesellschaft. Sie waren entweder, wie Abraham, im Prozeß des Seßhaftwerdens, oder sie waren schon seßhaft geworden. Sie brauchten selten Feuer, um wilde Tiere abzuhalten; der häufigste Gebrauch des Feuers bestand in der Brandzeichnung ihrer Schafe – und dies war notwendig, um die Eigentumsverhältnisse zwischen den Menschen zu klären, nicht um mehr Macht über die Herden zu gewinnen.

Nur in spezialisierten Berufen spielte Feuer weiterhin eine zentrale Rolle. Töpfer, Schmiede, Köhler, Bäcker und andere Handwerker brauchten es, um aus Rohmaterial sozial wertvolle Produkte herzustellen. Aber ihre technischen Fähigkeiten interessierten die Autoren der Bücher des Alten Testaments weniger.

Noch einmal: Für sie waren die hauptsächlichen Themen Religion und Krieg. Während der Kriegszeiten wurde die Verwundbarkeit agrarisch-seßhafter Gesellschaften schmerzlich bewußt. Unbefestigte Dörfer und Hofanlagen waren gegen militärische Banden ohne Verteidigung. Städte konnten eine Belagerung riskieren, aber wenn sie sich ergeben mußten, wurden sie einer Behandlung unterworfen, die als "Plündern und Brennen" bekannt geworden ist: Die männlichen Bürger wurden getötet, die Frauen und Kinder versklavt, die Häuser geplündert und in Brand gesetzt. Die endgültige Zerstörung, fast eine rituelle Beendigung der Eroberung, scheint mehrere Funktionen gehabt zu haben: Sie erlaubte den Siegern, ihre Gefühle der Rache und Macht auszutoben, es machte die Rückkehr für diejenigen Besiegten schwer, die dem Gemetzel entkommen waren, und es statuierte ein Exempel für andere Städte.

In Friedenszeiten konnten die Agrargemeinschaften ein hohes Produktivitätsniveau nur durch harte Arbeit und Sparen aufrechterhalten. Jeder war dem Druck dieser Ordnung ausgesetzt, die spätestens mit der Intensivierung landwirtschaftlicher Methoden hauptsächlich auf der Autorität von Priestern beruhte. Der dörfliche Agrarkult, in dessen Mittelpunkt das Opfern auf einem brennenden Altar stand, trug dazu bei, die Menschen davon abzuhalten, willkürlich ihr Vieh zu schlachten und zu gierig ihre Weizenund Samenvorräte zu verzehren. Langfristig wurden die Funktionen des Kultes als wesentlichen Bestandteils des Agrarsystems von anderen Funktionen abgelöst. Aber auch dann blieb für lange Zeit das Altarfeuer im Mittelpunkt.

Aus der allgemeinen Perspektive von Agrargesellschaften betrachtet repräsentierten die Priester und Propheten – als Träger dessen, was sie die wahre Religion Israels nannten – Kräfte der kulturellen Divergenz in einer Welt, in der gleichzeitig starke Tendenzen zu Konvergenz sichtbar wurden. Indem sie jeglicher Assimilierung und Anbetung "fremder Götter" streng entgegentraten und indem sie darauf bestanden, daß keine Opfer auf "fremden Feuern" dargebracht werden durften, wirkten sie den Tendenzen kultureller Homogenisierung entgegen und fügten der kulturellen Vielfalt des alten Orients ein bedeutendes Element hinzu.

 
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