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6. Feuer im alten Griechenland und Rom

Gesellschaftlicher Hintergrund

ie das alte Israel, so waren auch das alte Griechenland und Rom Teile einer Konfiguration von untereinander abhängigen militärisch-agrarischen Gesellschaften, die sich am Anfang des ersten Jahrhunderts v. Chr. bis nach Britannien und Japan ausdehnten. Innerhalb dieser Konfiguration waren ähnliche Tendenzen am Werk, die zu zunehmender sozialer Differenziertheit innerhalb und zu zunehmender kultureller Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Gesellschaften führten.

Wir müssen nur Griechenland im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. mit Israel in derselben Periode vergleichen, um auf auffallende Unterschiede in Gesellschaft und Kultur zu stoßen. Obgleich sie geographisch nicht weit voneinander entfernt waren, hatten Griechen und Israeliten in jener Zeit sehr wenig direkten Kontakt, und in ihren Schriften gab es kaum Hinweise aufeinander. Ihre gemeinsamen Nachbarn, die Phönizier oder Kanaaniter, erscheinen in der griechischen und israelitischen Literatur jeweils in einem anderen Licht und selbst unter verschiedenen Namen. [1]

Israel war eine auf das Landesinnere hin orientierte Gesellschaft; in einigen der wenigen Episoden, in denen Wasser in ihrer Literatur eine Rolle spielte, wurde nicht darauf gesegelt, sondern die Wasser gingen zurück oder es wurde darauf gelaufen. Die griechische Gesellschaft dagegen war sehr stark auf das Meer hin orientiert; sowohl ökonomisch als auch militärisch hing sie zu einem beträchtlichen Ausmaß vom Schiffstransport ab. Die Israeliten hatten das Pech, in einem Landkorridor zu leben, der innerhalb der Reichweite von Eroberung und Belagerung durch größere und mächtigere Staaten lag, so daß sie sich nur einer kurzen Episode politischer Souveränität erfreuen konnten. Dank der Tatsache, daß die Griechen an der Peripherie der östlichen Reiche lebten, waren sie in der Lage, eigene militärische Organisationen über viele Jahrhunderte lang aufrechtzuerhalten, bis sie dem Römischen Reich einverleibt wurden – in dem sie aber immer noch eine privilegierte Position einnahmen. In Israel versuchte eine Elite religiöser Spezialisten nach der militärischen Niederlage, einen Sinn für nationale Solidarität und Stolz im Volk zu propagieren. Griechenland und Rom hatten keine nennenswerte berufsmäßige Priesterschaft und wurden von einer Aristokratie von Landbesitzern, die speziell in militärischen Fertigkeiten und Tugenden ausgebildet waren, regiert.

Die ältesten bekannten griechischen Bücher, die Ilias und die Odyssee, die Homer zugeschrieben werden, liefern ein lebendiges Bild dieses Kriegeradels in einer frühen Phase seiner Entstehung. Obwohl Zeit und Ort unbestimmt sind, sind sich die Gelehrten einig, daß Homers Epen uns in das sogenannte dunkle Zeitalter führen, in die Periode der Wanderung und der Umsiedlung, die dem Niedergang der Gesellschaft der Bronzezeit von Mykene folgte – ungefähr 1 200 v. Chr. – und die der Wiedererweckung einer literarischen Kultur im 8. Jahrhundert vorausging. Ergänzt durch archäologische Funde und interpretiert mit Erklärungsangeboten moderner Anthropologie und Soziologie liefern die homerischen Gedichte ein lebhaftes Bild der griechischen Kriegeraristokratie der frühen Eisenzeit. Über ein etwas späteres Zeitalter informiert uns in ähnlicher Weise Hesiods didaktisches Gedicht Werke und Tage über das Leben der freien Bauern. [2] Vom 8. Jahrhundert an war die östliche Mittelmeerregion, bestehend aus den Inseln und den Küstengebieten der Ägäis, der Schauplatz einer schnell wachsenden Bevölkerung und eines schnell wachsenden Kapitals. Städte entstanden und entwickelten sich zu Pollis oder Stadtstaaten. Aus der Rivalität zwischen expandierenden Stadtstaaten heraus entstanden zunehmend größere militärische Einheiten, die zunächst von den Stadtstaaten Athen und Sparta beherrscht wurden, dann aber unter die Kontrolle der mazedonischen Fürsten Philipp H. und Alexander der Große gerieten und allmählich vom Römischen Reich vereinnahmt wurden, das in den ersten Jahrhunderten v. Chr. das gesamte Mittelmeerbecken und einen beachtlichen Teil Kleinasiens (einschließlich Palästinas) sowie Westund Zentraleuropa umfaßte.

Zu Beginn war Rom nicht mehr als die Hauptstadt einer kleinen militärisch-agrarischen Nation, Jerusalem zur Zeit König Davids oder Athen unter Perikles vergleichbar. Auf lange Sicht jedoch ging es als Sieger aus dem Wettkampf und den Vernichtungswettbewerben zwischen den mediterranen Hauptstädten hervor. Der endgültige Triumph über den Hauptrivalen, die nordafrikanische Stadt Karthago, die im Jahre 146 v. Chr. vollständig geschlagen und den Flammen übergeben wurde, war einer der Meilensteine bei der Errichtung der Vorherrschaft Roms. Die militärische Macht der römischen Aristokratie blieb praktisch über eintausend Jahre der Expansion und Konsolidierung ungebrochen. Ihr allmählicher Untergang wurde deutlich, als die Westgoten die Stadt Rom 410 n. Chr. plünderten, ein dramatisches Ereignis, das den Heiligen Augustinus veranlaßte, seine Abhandlung über die Stadt Gottes zu schreiben.

Insgesamt umfaßt das Zeitalter griechisch-römischer Geschichte fast 1 500 Jahre – von den Tagen von Homers Helden Odysseus zu denen des christlichen Kirchenvaters Augustinus. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen während dieser Periode spiegeln sich in den schriftlichen Quellen wider. Odysseus ist noch eine halbmythische Figur, und es ist unbekannt, ob er einer besonderen historischen Persönlichkeit nachgebildet wurde. Das Leben des Heiligen Augustinus ist dagegen so gut dokumentiert, daß seine Biographen in der Lage sind, seine Aufenthalte und seine Karriere von Jahr zu Jahr zu verfolgen. Und doch sind noch in der späteren Periode die Informationen über solche elementaren Dinge wie die Größe der Bevölkerung in den Städten und Provinzen ausgesprochen vage, und es ist besonders schwierig, zuverlässige Daten über den Einsatz von Feuer zu erhalten. Während es eine Reihe schriftlicher Quellen über die Lebensmittelversorgung in der Stadt Rom gibt, finden sich nur sehr wenig schriftliche Hinweise auf die Versorgung mit Brennstoff.

Das soll natürlich nicht heißen, daß Feuer in der Welt des alten Griechenland und Rom unbedeutend war, ganz im Gegenteil: Sein Gebrauch war weitverbreitet und vielfältig. Seine Bedeutung war sowohl in Religion und Mythologie als auch in den profaneren Naturphilosophien anerkannt. Das griechische Pantheon schloß Hestia, die Göttin des Herdfeuers, und Hephästus, den Gott der Brennöfen, der Schmiede und Töpfer mit ein; ihre römischen Entsprechungen waren Vesta und Vulkan. Einige frühe griechische Kosmologen hielten Feuer für eine der großen Mächte im Universum; spätere Autoren betonten die große Bedeutung des Feuers für die menschliche Zivilisation. Am Anfang war die Geschichte von Prometheus ein beliebtes Thema, des legendären Helden, der das Feuer von den Göttern stahl und es der Menschheit gab. Spätere Autoren, allen voran der römische Dichter Lucretius und der Architekt Vitruvius, schrieben weltlichere Berichte über die Domestizierung des Feuers. Im ersten Jahrhundert n. Chr. beendete Plinius eine Übersicht über Handwerk und Industrie in seiner "Naturgeschichte" mit der Bemerkung, daß "es fast nichts gibt, das seinen endgültigen Zustand nicht durch Feuer erhielte".[3]

Und dennoch, trotz dieser einstimmigen Bestätigungen der Bedeutung des Feuers wurden seine verschiedenen Anwendungsformen und Gefahren niemals Gegenstand einer umfassenden empirischen Untersuchung. Dieser Tatbestand spiegelt sich auch noch in der Sekundärliteratur moderner Historiker wider. Während klassische Gelehrte ausführlich über das Thema Feuer in Mythos und Religion geschrieben haben, wurde der Art und Weise, in der Menschen tatsächlich mit Feuer umgingen, relativ wenig Aufmerksamkeit gewidmet. [4] Ich werde die Mythologie nicht gänzlich außer acht lassen, aber ich werde mich hauptsächlich darauf beschränken, was sie uns über den Platz des Feuers in der wirklichen sozialen Welt erzählt und nicht nur in der Welt der Phantasie.

Glücklicherweise enthalten die originalen klassischen Werke und die Sekundärliteratur viele wertvolle Daten und Hinweise. Was fehlt, ist ein allgemeiner Überblick (ihn zu erstellen würde ein eigenes Buch erfordern). Ein Gang durch die verfügbare Literatur ist wie das Sammeln von Feuerholz in einem Wald: Es gibt viel davon, aber es ist ungeordnet und von unterschiedlichem Wert. Ich habe ein paar Themenbereiche ausgewählt, die dazu beitragen können zu zeigen, wie die Menschen das Feuer gebrauchten und wie sie mit den Problemen umgingen, die es stellt.

  • [1] Vgl. Rogerson und Davies 1989, S. 72.
  • [2] Vgl. Finley 1977, S. 142–158; Renfrew 1972, S. 68 f.; Snodgras 1974.
  • [3] Plinius, Naturgeschichte, 36.10.
  • [4] Siehe z. B. Edsman 1949; Simons 1949; Furley 1981; Burkert 1977, S. 108– 112 (engl. 1985, S. 60–64). Wissenschaftler unterscheiden nicht immer zwischen tatsächlich existierenden Zuständen und Phantomen, an die zu glauben die Menschen nur vorgaben. So beginnt Burkert seine Darstellung von Feuerritualen folgendermaßen: "Feuer ist eine der Grundlagen zivilisierten Lebens. Es ist der primitivste Schutz gegen Raubtiere und ebenso gegen böse Geister. In dieser Aussage werden emicund etic-Kategorien vermischt. Damit werden Autor und Leserschaft von der Aufgabe entlastet, eine klare Unterscheidung zwischen der wirklichen Welt, in der die Menschen lebten, und der Welt ihrer Vorstellung zu machen.
 
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