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Feuer in der Welt des Hesiod: die Agrarordnung

Die alte Gesellschaft war, wie die amerikanische Kennerin des Mittelalters, Lynn Whyte, schrieb, zu einem Grad "landwirtschaftlich orientiert, den wir kaum begreifen können".[1] Die meisten Menschen lebten in ländlichen Gebieten. Selbst in der Blütezeit Roms bestand ein großer Teil der städtischen Bevölkerung aus Emigranten aus den Provinzen, und die herrschenden Familien bezogen ihren Reichtum alle aus Landbesitz.

Beim Anbruch griechischer und römischer Geschichte gehörte das Zeitalter der ursprünglichen Entwaldung und Brandrodungspraktiken lange der Vergangenheit an. Selbst die frühesten Autoren Homer und Hesiod erwähnten es nie. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen die klassischen Autoren einen Waldbrand erwähnten, wurde er als Metapher benutzt, die sich auf einen literarischen Topos bezog. Bei dieser Metapher dachten sie an ein natürliches Feuer, das durch einen Blitz – oder, wie eine dauerhafte Legende es gerne sah, durch das Aneinanderreiben von Baumzweigen im Wind – verursacht worden war. Holz war zu kostbar geworden, um nur verbrannt zu werden.

Die älteste erhaltene Abhandlung über griechische Landwirtschaft, Hesiods Werke und Tage, gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. verfaßt, schweigt sich über den Gegenstand Feuer praktisch aus. Es handelt sich um ein didaktisches Gedicht, in dem der Autor versucht, seinem verschwendungssüchtigen Bruder die Tugenden und Vorteile eines einfachen und vertrauenswürdigen Lebens zu erklären. In einem umfassenderen Sinne kann das Buch als ein frühes Manierenbuch gelesen werden, gerichtet an die aufsteigende Klasse unabhängiger Bauern, die in einer relativen Sicherheit vor militärischer und fiskalischer Vorherrschaft durch Krieger und Steuereintreiber lebten. So gesehen stellt es einen geradezu außergewöhnlichen Strang im Zivilisationsprozeß dar. Feuer interessierte Hesiod wenig, was nicht weiter überrascht. Zwischen zahlreichen praktischen Ratschlägen erinnerte er seinen Bruder an seine Pflicht, die "stattlichen Schenkel" für die (ungenannten) "ewigen Götter" zu verbrennen (Z. 337, S. 60) – ein Akt der Frömmigkeit, den die griechischen Bauern, anders als ihre israelitischen Gegenüber, offensichtlich allein, ohne priesterliche Aufsicht, durchführen sollten. [2] Sie mußten auch das häusliche Herdfeuer mit einigem Respekt behandeln: "Zeige nicht drinnen im Haus dein Glied, bespritzt noch mit Samen, angesichts des geheiligten Herdes, nein, das laß bleiben" (Z. 734–735, S. 78). Hesiod warnte jedoch seinen Leser am meisten davor, sich den müßigen Männern anzuschließen, die sich im Winter in der Schmiede versammelten und ihre Zeit vor dem Schmelzofen vertrödelten, anstatt zu Hause nützliche Dinge zu tun (493–495). Dies war die eigentliche Botschaft von Werke und Tage. Das Gedicht war an freie Bauern gerichtet, die sich harte Arbeit und Sparsamkeit selbst auferlegen mußten. Hesiod begann damit, seinen Lesern zu erklären, daß sie nicht in einem goldenen oder silbernen Zeitalter lebten, sondern in einem eisernen, in dem Menschen "niemals bei Tage (…) ausruhn (werden) von Not und von Arbeiten, nie auch zur Nachtzeit" (Z. 176–177, S. 52 f.). Vieles von der Arbeitsethik und Sparsamkeit, die der Soziologe Max Weber später "Protestantische Ethik" nannte, war schon von Hesiod formuliert worden. [3] Wir können ihn als den ältesten bekannten Ideologen des freien Bauerntums betrachten. In dieser Absicht befürwortete er Regeln zivilisierender Zwänge, die den freien Bauern helfen könnten, mit den Problemen ihrer sozialen Existenz fertig zu werden. Selbstverständlich war er nicht der Erfinder dieser besonderen Variante der Agrarordnung; aber er war ihr eloquenter Fürsprecher.

Der typische Hof, den Hesiod vor Augen hatte, wurde von einem Mann, seiner Frau, einem Sklaven und einem Ochsen bearbeitet. Solche kleinen Familienbesitze waren möglicherweise einige Generationen lang in einigen Teilen Griechenlands lebensfähig, langfristig wurden sie jedoch durch größere Anwesen ersetzt. [4] Konsequenterweise waren spätere landwirtschaftliche Handbücher nicht mehr an unabhängige Bauern gerichtet, sondern an Landbesitzer und Gutsmanager. Die Literaturgattung gab es weiterhin, und sie hatte immer noch einen stark "zivilisierenden" Tenor, wie z. B. in Xenophons Dialog Oeconomicus (der Gutsmanager), der technische Anleitung mit dem moralischem Rat verband, klug zu sein und nicht in Völlerei zu verfallen, oder in "andere dumme und kostspielige Neigungen" (1, 22). Aber weder die praktischen Abhandlungen über Agronomie noch die bukolischen Gedichte über das ländliche Leben, wie Vergils Georgica, behandelten Feuer als eine bedeutende Triebkraft im Produktionsprozeß. [5] Die Schriftsteller sahen eher seine Gefahren, besonders in den Händen von sorglosen und böswilligen Sklaven.

  • [1] Zitiert nach Ste Croix 1981, S. 10. Siehe auch S. 210.
  • [2] Alle Zitate aus Hesiod sind aus der Übersetzung Hesiod, Werke in einem Band, aus dem Griechischen von Luise und Karl Hallof, Aufbau Verlag Berlin, Weimar 1994 (Bibliothek der Antike). Siehe auch West 1978, S. 336 f. (zur weiteren Erläuterung dieses Absatzes) und S. 1–91 (zum allgemeinen Hintergrund). Siehe auch Zimmermann 1947, S. 226–253.
  • [3] Vgl. M. Weber 1966.
  • [4] Vgl. Ste Croix 1981, S. 328.
  • [5] Das Zitat aus Xenophon ist anhand der Übersetzung von Hugh Fredennick und Robin Waterfield (Penguin Books, 1990) ins Deutsche übertragen worden. Den einzigen Hinweis auf Feuer, den ich in der Georgica gefunden habe, ist: "Lerne auch, in deinen Ställen duftendes Zedernholz zu verbrennen mit Rauch von syrischem Gummi, um die lästigen Wasserschlangen zu vertreiben" (III, 414–415).
 
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