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Feuergebrauch und soziale Schichtung

Obwohl das alte Griechenland und Rom militärischagrarische Gesellschaften waren, war der Einsatz von Feuer selbstverständlich nicht auf Landwirtschaft und Krieg beschränkt. Seine vielfältigen Funktionen – häuslicher, industrieller und zeremonieller Art – spiegelten die weitreichende Differenzierung der Gesellschaft wider.

Fast jede Veränderung, die sich in der Kontrolle über das Feuer vollzog, war das Ergebnis sich wandelnder sozialer Beziehungen. Technische Innovationen waren von sekundärer Bedeutung, und Ideen, die zu radikal neuen Anwendungen hätten führen können, hatten keinerlei "Multiplikatoreneffekt". Als Hero von Alexandria im ersten Jahrhundert v. Chr. eine Vorrichtung konstruierte, mit der die sich ausdehnende heiße Luft, die durch ein Altarfeuer im Tempel erzeugt wurde, dazu benutzt wurde, die Tempeltüren zu öffnen, wurde dies als eine geniale Spielerei angesehen und ganz sicher nicht als Erfindung eines neuen Prinzips der Umwandlung von Wärmeenergie in Bewegungsenergie gepriesen. Der Historiker alter Technologie K. D. White geht in seinen Schlußfolgerungen so weit zu behaupten, daß "in der Kontrolle über das Feuer (…) für eine sehr lange Zeit überhaupt keine technischen Innovationen stattfanden".[1] Damit wird nicht geleugnet, daß es eine Anzahl neuer Anwendungen von Feuer gab, aber sie führten nicht zu einem größeren Durchbruch in der Pyrotechnologie, der den ersten Entwicklungen der Töpferei und Metallurgie vergleichbar gewesen wäre.

Um Metall dem Bearbeitungsprozeß durch Feuer zuzuführen, mußten seine Erze erst geschürft und geschmolzen werden. Die Schürfoperationen brachten einen hohen Grad von Spezialisierung und sozialer Differenzierung mit sich. Nach Meinung der Historikerin Alison Burford zeigte die Erzgewinnung "die Roheit, die auf gewissen Ebenen der Gesellschaft im Altertum vorherrschte". Große Banden ungelernter Arbeiter – Sklaven, Kriegsgefangene und Häftlinge – waren durch Ketten aneinandergefesselt und wurden "durch unablässige Grausamkeit gezwungen, das Material von den Erzgängen an die Oberfläche zu schieben oder die Erze vor dem Schmelzen zu zertrümmern".[2] Selbstverständlich war der Bergbau nicht allein von ungelernter Zwangsarbeit abhängig; wie Burlord anmerkt, erforderten die Operationen auch ein Expertenwissen und eine Organisation, die durch eine Minderheit gelernter Vorarbeiter und Aufseher verkörpert wurde. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß die große Masse der Bergleute ein elendes Leben an der unteren Skala der sozialen Pyramide in einer hochgradig differenzierten Gesellschaft führte.

Schmieden und Töpfern erging es besser als den Bergleuten. Bedeutsamerweise hatten die Schmiede ihren eigenen Gott, der Hephästus auf griechisch und Vulcanus auf lateinisch hieß. Hephästus unterschied sich von den anderen Olympiern darin, daß er verunstaltet war: er hinkte. Die meisten Interpreten stimmen darin überein, daß diese Verunstaltung etwas über den zwiespältigen Status der Schmiede aussagt. Glaubt man einigen von ihnen, so weist die Verkrüppelung des Hephästus auf eine besondere Situation im Altertum hin, als die Dienste der Schmiede in den Schwertmanufakturen so hoch geschätzt wurden, daß ihre Herren sie vorsätzlich lähmten, damit sie nicht zu einem anderen Herrn entlaufen konnten. Eine alternative Interpretation hält die physische Erscheinung des Gottes für eine Entsprechung des Stereotyps, das Schmiede als Männer sah, die das Stigma einer physisch anstrengenden und deformierenden Arbeit tragen. [3] Arbeiten mit Feuer war sowohl für Töpfer als auch für Schmiede immer risikoreich. Sie konnten selbst verletzt werden; und ihre Produkte konnten beschädigt aus dem Prozeß hervorgehen. Sie hatten keine Instrumente, um die Temperatur innerhalb ihrer Öfen zu messen, nicht einmal, um die genaue Zeit zu messen. Sie mußten sich auf ihre Erfahrung verlassen, und wenn nötig, mußten sie den Ofen öffnen, um zu sehen und zu fühlen, wie das Feuer sich entwickelte. Das konnte zu ernsthaften Verbrennungen oder sogar zur Erblindung führen, und es blieb ungewiß, wie die Objekte, die produziert wurden, aus dem Feuerungsprozeß herauskamen. "Wenn das Feuer zu heiß war, oder nicht heiß genug, konnten entsetzliche Dinge passieren, sowohl den Töpfen im Brennofen als auch dem Metall im Schmelztiegel oder dem ausglühenden Gegenstand, der mit Zangen und Hammer bearbeitet wurde." [4] Burford vermutet, daß Schmiede und Töpfer durch die Unsicherheit ihres Handwerks dazu gebracht wurden, ihre Werkstätten mit magischen Gegenständen "vollzustopfen". Sie hält die Unsicherheit auch für einen Grund, warum die Handwerker Experimenten aus dem Weg gingen und die Dinge in einer altvertrauten Weise verrichteten. [5]

Wegen ihres niedrigen sozialen Status blieben die meisten Töpfer und Schmiede anonym. Jedoch hatten einige von ihnen zu gewissen Zeiten die Chance, sich hervorzutun. Hesiod hatte in seinen Eröffnungsversen von Werke und Tage schon das Loblied des friedlichen Wettbewerbs unter Töpfern als ein Beispiel "guten Streitens" gesungen, das zu Wohlstand führt, im Gegensatz zum "grausamen Streiten" des Krieges. Im 4. und 5. Jahrhundert v. Chr. fanden in Athen regelmäßige Wettbewerbe der Töpfer statt, als Teil eines größeren Festivals, in denen ein Einzelner, wie z. B. Bacchus wegen seiner Geschicklichkeit "in der Kunst, Wasser, Ton und Feuer zu mischen", Ruhm ernten konnte. [6]

Beim Einsatz von Feuer für häusliche Zwecke gab es eine enorm große Bandbreite je nach sozialem Rang und Reichtum. In seiner klassischen Studie "Die Stadt im Altertum", die zuerst 1864 veröffentlicht wurde, schrieb der französische Historiker Fustel de Coulanges:

Es war eine heilige Pflicht für jeden Hausherren, Tag und Nacht das Feuer zu erhalten. Unheil dem Hause, darin es erlosch! Jeden Abend bedeckte man die Kohlen mit Asche, um das vollständige Ausgehen des Feuers zu verhindern; am Morgen beim Erwachen war es die erste Sorge, dieses Feuer wieder anzufachen und es mit einigem Astwerk zu nähren. Erst wenn die Familie zugrunde gegangen war, hörte das Feuer zu brennen auf; erloschener Herd, erloschene Familie, waren bei den Alten synonyme Ausdrücke. [7]

Bei der Bewertung dieser Aussage, die Sitten beschreibt, die in ähnlicher Form heute noch von den Brahmanen in Indien praktiziert werden, müssen wir bedenken, daß es sich nur auf die bezog, die tatsächlich "Herr des Hauses" waren. Die Sklaven waren ausgeschlossen, ebenso die immer größer werdende Masse der urbanen Armen, die in überfüllten Wohnungen in einem der großen Mietshäuser (insulae) in Rom lebten.

In diesen Mietskasernen waren die Möglichkeiten zum Gebrauch von Feuer ausgesprochen beschränkt. Die Wohnungen hatten weder eine Feuerstelle, noch einen Ofen, noch einen Kamin. Die Mieter mußten ihre Mahlzeiten auf einem tragbaren Ofen oder einer Kohlenpfanne kochen. Manchmal verbot der Mietvertrag wegen der Feuergefahr die Benutzung eines Ofens oder einer Kohlenpfanne innerhalb der Wohnung. In diesen Fällen mußten die Mieter ihre Mahlzeiten irgendwo kaufen.

Nur eine reiche Minorität konnte es sich erlauben, in einem privaten Haus, in einem domus, zu wohnen. In der Regel war ein domus sehr viel geräumiger und besser ausgestattet als eine Wohnung in einer insula. Es gab ein Altarfeuer, wie von Fustel de Coulanges beschrieben, und außerdem einen Ofen zum Backen und Herde zum Kochen, Kohlenpfannen zum Heizen und manchmal ein System der Fußbodenheizung durch Rohre – das Heizgewölbe, eine sinnreiche Erfindung, die vom ersten Jahrhundert an auch in öffentlichen Bädern eingesetzt wurde.

Wie der französische Historiker Jérome Carcopino in seinem Buch über das tägliche Leben im alten Rom bemerkt, waren die Gegensätze in der Helligkeit zwischen Tag und Nacht sehr groß. Gemessen an Standards des 20. Jahrhunderts waren selbst die Häuser der Reichen durch rauchende Fackeln und Öllampen nur spärlich erleuchtet. In den Straßen des kaiserlichen Roms gab es überhaupt keine Beleuchtung.

Wenn kein Mond schien, waren seine Straßen in eine undurchdringliche Dunkelheit getaucht. Keine Öllampen beleuchteten sie, keine Kerzenwaren an den Mauern befestigt, keine Laternen hingen über den Türrahmen, es sei denn zu festlichen Gelegenheiten, wenn Rom in außerordentlichen Illuminationen glänzte (…) Zu normalen Zeiten fiel die Nacht über die Stadt wie der Schatten einer großen Gefahr. Jeder floh in sein Haus, schloß sich ein und verbarrikadierte den Eingang. Die Geschäfte ruhten, Sicherheitsketten wurden durch die Türblätter gezogen; die Fensterläden der Etagenwohnungen wurden geschlossen und die Blumentöpfe von den Fenstern genommen, die sie vorher geschmückt hatten. [8]

Die Reichen trauten sich nachts nur in Begleitung von Sklaven hinaus, die Fackeln trugen, um sie auf ihrem Weg durch die Vielzahl von "namenlosen, nummernlosen, unbeleuchteten Straßen" zu beschützen. [9] Diese bewaffnete Begleitung war eines ihrer Privilegien, ein weiteres Privileg war, daß die Häuser, in denen sie lebten, neben den sonstigen Vorteilen von Raum und Komfort auch mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit von Feuer verschlungen wurden. Die größeren domi standen auf ihrem eigenen Grund und Boden, von Mauern umgeben; die Mauern hielten Eindringlinge ab und dienten auch als Schutz gegen Feuer.

  • [1] White 1984, S. 44.
  • [2] Burford 1973, S. 73.
  • [3] Burford 1974, S. 72. Vgl. Forbes 1964, S. 81 f.; Graves 1955 I, S. 88.
  • [4] Übersetzt nach Burford 1972, S. 122.
  • [5] Vgl. Burford 1972, S. 122 f. Siehe auch Forbes 1958b, S. 74.
  • [6] Übersetzt nach Burford 1972, S. 178, 211.
  • [7] Fustel de Coulanges 1961, S. 20 f.
  • [8] Übersetzt nach Carcopino 1941, S. 47.
  • [9] Carcopino 1941, S. 47 f.
 
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