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Brennstoff und Entwaldung

Der Untergang des römischen Reiches, gewiß seines westlichen Teils, war gekennzeichnet durch die Umkehrung der Entwicklungen, die seinen Aufstieg begleitet hatten. Die Bevölkerung schrumpfte, die Städte verfielen oder verschwanden ganz (Rom selbst schrumpfte auf die Größe einer Provinzstadt) und waren daher dem spezialisierten Handwerk und Handel, für Regierungsund militärische Organisationen auf höherer Ebene keine Stütze. Kurz gesagt, demographischer Rückgang und ökonomische und politische Desintegration gingen Hand in Hand.

Es ist mehrmals ausgeführt worden, daß die Vernichtung der Wälder eine der Hauptursachen dieses Niedergangs war. Die Altgeschichtler J. Donald Hughes und J. V. Thirgood haben diese These mit starken Argumenten gestützt.

Die Wälder stellten das meistgebrauchte Baumaterial und fast die einzige Energiequelle der klassischen Welt zur Verfügung, und Raubbau an dieser Quelle beschwor eine Anzahl von Krisen herauf. Als die Wälder durch Rodungen zurückgedrängt wurden, wurde Holz knapp und stieg im Preis und trug damit zu der ruinösen Inflation, die die Antike heimsuchte, bei. Die Konkurrenz um Waldressourcen entzündete militärische Konflikte, die ihrerseits die Nachfrage nach Holz erhöhten. Die Erosion schwächte die ökonomische Basis der vorherrschend agrarischen Gesellschaften und trug so zum Bevölkerungsrückgang bei, der es für die griechisch-römische Zivilisation noch schwerer machte, den Einfällen der Barbaren von jenseits der Grenzen zu widerstehen. In den trockeneren Zonen wurden die Wälder, die früher das Klima mäßigten und den Wasserhaushalt ausglichen, zerstört und erlaubten der Wüste, vorzurücken. Das Bild der zerstörten Städte Nordafrikas, von denen einst Olivenöl und Bauholz exportiert wurden, die aber später unter dem Wüstensand begraben wurden, bringt den Umweltfaktor beim Niedergang der Zivilisation auf den Punkt, ebenso wie die Sümpfe am nördlichen Mittelmeer, von denen Malaria ausging, die die Bevölkerung schwächte. [1]

Der Gedankengang ist weitreichend und überzeugend dargelegt und wird von mehreren literarischen Quellen gestützt. Platon wies schon im 4. Jahrhundert v. Chr. auf die Öde der Region um Athen hin. [2] Es gibt nicht viele weitere Zeugnisse einer ähnlichen Besorgtheit, denn im großen und ganzen äußerten die Schriftsteller der griechischen und römischen Antike eher Selbstzufriedenheit als Besorgnis über die menschliche Herrschaft über die Natur. Wenn es wirklich einen zunehmenden Holzmangel gegeben hat, scheint dies nicht die privilegierten Kreise betroffen zu haben, zu denen sie gehörten.

Wie der Althistoriker Russell Meiggs bemerkt, war die Geschichte der römischen Welt über viele Jahrhunderte lang durch eine zunehmende Bevölkerung und einen wachsenden Lebensstandard gekennzeichnet. Zum Bauen wurde zunehmend mehr Holz gebraucht, zunehmend mehr Brennstoff zum Kochen, für industrielle Zwecke und zum Heizen der Häuser und öffentlichen Gebäude, einschließlich der zahlreichen großen öffentlichen Bäder. Holz mußte knapp geworden sein, und doch, schreibt Meiggs, "gibt es keine Hinweise auf einen generellen Alarm wegen des Raubbaues an den Wäldern und es gibt keine Hinweise auf irgendwelche Versuche, das Gleichgewicht wiederherzustellen".[3] Hughes und Thirgood erwähnen einige Versuche der Erhaltung, wie z. B. den Schutz durch örtliche Magistrate für bestimmte Wälder, die als heilige Haine vorgesehen waren. Diese Maßnahmen wurden jedoch durch den kontinuierlichen Druck von Menschen, die bestrebt waren, Wald in Ackerland umzuwandeln und Holz auf dem Markt als Brennstoff oder Bauholz zu verkaufen, bei weitem übertroffen. Außerdem "erforderte der ständige Kriegszustand, der außer in einigen glücklichen Dekaden die mediterrane Welt belastete", auch seinen Tribut. [4] Selbst zu Friedenszeiten war die Armee ein gewaltiger Konsument von Brennstoff. In Kriegszeiten stieg der Verbrauch noch an, und absichtliche Zerstörung kam hinzu.

Alles in allem war die Entwaldung nur ein Teil ineinander verflochtener Prozesse. Sie war das Ergebnis vieler Kräfte und gleichzeitig die Ursache für viele andere. In der Folge erlaubte die lange Periode der Desintegration des Römischen Reiches in den Teilen Westeuropas, in der die Erosion den Raubbau an den Wäldern noch nicht irreversibel gemacht hatte, einen spontanen Prozeß der Aufforstung.

  • [1] Übersetzt nach Hughes und Thirgood 1982, S. 196.
  • [2] Platon, Phaedo 110e.
  • [3] Meiggs 1982, S. 377.
  • [4] Übersetzt nach Hughes und Thirgood 1982, S. 207.
 
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