Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Kultur arrow Feuer und zivilisation
< Zurück   INHALT   Weiter >

Feuer und Religion

Religion, Feuer und der Narzißmus der kleinen Unterschiede

Eine der anscheinend selbstverständlichen Besonderheiten der sozialen und kulturellen Entwicklung in den letzten zweitausend Jahren ist die vorherrschende Rolle, die den großräumig organisierten Religionen zukommt. Es scheint, als ob man die Feststellung, daß Westeuropa seit dem frühen Mittelalter zur christlichen Welt gehört, ohne weitere Begründung stehen lassen kann. Religion ist offensichtlich zu einem entscheidenden Element der Identität von Menschen geworden.

Dies ist ein wichtiger Unterschied im Vergleich zur antiken Welt. Die Religion der Ägypter wurde nach dem Namen des Reiches – Ägypten – benannt; man würde die Ägypter nicht entsprechend ihrer Religion als "Raisten" bezeichnen oder die Römer als "Jupiterianer". Der Wandel, der eingetreten ist, weist auf eine beträchtliche Ausdehnung des Einflußbereichs religiöser Regimes hin.

Der Beginn der Vorherrschaft organisierter Religion ist eng mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches verbunden. Wie die britische Historikerin und Byzanzexpertin Judith Herrin festgestellt hat, führte der Zusammenbruch des Imperiums schließlich zur Bildung von drei sozio-kulturellen Gebieten in seinem früheren Herrschaftsbereich: der Welt der griechisch-orthodoxen Kirche, dominiert von Byzanz; der Welt des westlichen Christentums, die sich der römisch-katholischen Kirche verpflichtet fühlte; und der muslimischen Welt. Es war eine Dreiteilung, für die Religion von überragender Bedeutung zu sein schien. [1]

Die ständige Sorge um die religiöse Reinheit, die für den alten Judaismus typisch war, wurde von den neuen religiösen Regimes übernommen. Wie die Priester und Propheten des Judaismus betonten die christlichen und die muslimischen Führer den Monotheismus und verdammten die Verehrung von Götzen. Zu ihren offiziellen Glaubensgrundsätzen gehörte auch die Ablehnung von Feuerkulten, wie z. B. die Verehrung des Feuergottes Atar in der parsischen oder zoroastrischen Religion oder die Verehrung Agnis im Hinduismus. [2]

Vielleicht hat die negative Einstellung gegenüber Feuerkulten damit zu tun, daß die Priester-Eliten, die in der Bildung des jüdischen, christlichen oder muslimischen Dogmas sehr einflußreich waren, in der urbanen Welt solcher Städte wie Jerusalem, Rom und Bagdad lebten. Keine dieser Städte war für die Inszenierung von Feuerfesten gut geeignet; zudem hatten die Priester angesichts der fortgeschrittenen Arbeitsteilung keine Chance, mit solchen Spezialisten wie den Schmieden um die Beherrschung des Feuers zu konkurrieren.

Obwohl jede dieser Begründungen zur Erklärung der Ablehnung der Feuerkulte beiträgt, glaube ich, daß sie in Zusammenhang mit einem anderen Prinzip, das immer eine Rolle in der Dynamik religiöser Organisationen zu spielen scheint, gesehen werden müssen – dem Prinzip, das in der psychoanalytischen Fachliteratur als "Narzißmus der kleinen Unterschiede" bekannt ist. [3]

Als Anhänger eines besonderen Glaubensbekenntnisses neigen Theologen gewöhnlich dazu, die Elemente zu betonen, die ihre eigene Religion speziell und exklusiv machen. Dadurch tragen sie dazu bei, ihre Religion in der Tat zu etwas Besonderem zu machen. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine erfolgreiche "Situationsdefinition" die so definierte Situation tatsächlich beeinflußt. Religionen unterscheiden sich zum Teil deshalb voneinander, weil diejenigen, die diese Religionen "betreuen", gerade diesen Unterschieden große Bedeutung zumessen. Die religiösen Spezialisten verdanken ihre Stellung in beträchtlichem Maße den Unterschieden zwischen ihrer eigenen Religion und jedem möglichen konkurrierenden Kult und Glauben. Sie werden daher dazu neigen, die Merkmale, die sie als charakteristisch für ihre eigene Religion erachten, zu kultivieren und jede Abweichung strikt abzulehnen. Ein anderes Handeln würde ihren eigenen Interessen zuwiderlaufen.

Dieses Prinzip mag zur Klärung der Frage beitragen, warum die Kirchenväter mit ihrer offiziellen Doktrin die Feuerkulte von Anfang an verhinderten – nämlich um das Christentum klar gegen die anfänglich konkurrierenden Kulte von Mithras und Zoroaster abzugrenzen. Dennoch war der christliche Gottesdienst von Anfang an voller Feuerund Lichtsymbolik. [4] Die christliche Kirche in Westeuropa übernahm mehrere "heidnische" Feuerbräuche, sowohl von den Römern als auch von den keltischen und germanischen Völkern, nachdem letztere bekehrt waren. Überdies entwickelte sie einige eigene spektakuläre Bräuche und Glaubenssätze, in denen Feuer eine Schlüsselrolle spielte.

  • [1] Herrin 1987, S. 295–306.
  • [2] Vgl. Boyce 1979; Mokri 1982; Staal 1983.
  • [3] Vgl. Freud 1955 (Repr. von 1940), Gesammelte Werke Bd. 13, S. 73–149.
  • [4] Vgl. Hagger 1991, S. 88–141.
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften