Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Kultur arrow Feuer und zivilisation
< Zurück   INHALT   Weiter >

Feuerfeste

Während der ersten Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches entwickelte sich in Westeuropa eine zunehmend dezentralisierte politische und militärische Struktur. Gleichzeitig jedoch fand im religiösen Bereich eine Zentralisierung statt. Auf den Überresten der kulturellen und materiellen Infrastruktur des Imperiums (Spuren des "intensiven Wachstums") errichtete die römische Kirche nach und nach eine straffe Organisation, durch die sie eine gewisse Einheitlichkeit in das religiöse Leben eines großen Gebietes brachte. In allen Tempeln (oder Kirchen, wie sie von da an gemeinhin genannt wurden) zelebrierten die Priester im Grunde die gleiche Liturgie. In dieser Liturgie spielte Feuer eine bescheidene, aber wesentliche Rolle. Wie früher in den römischen Tempeln gab es in allen christlichen Gebetsstätten ein ständig brennendes Altarfeuer – als eine stillschweigende Erinnerung an die Zeiten, in denen Feuer ein kostbarer Besitz der Gruppe war. Das Feuer in den Kirchen mußte nicht mehr als eine einfache kleine Lampe sein, die während der Gottesdienste als Symbol des Lichts, nicht der Wärme oder verzehrender Hitze, dienen sollte. Manchmal, an Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten, wurden die Kirchen hell erleuchtet. An gewöhnlichen Tagen trug der Duft verbrennenden Weihrauchs zur sakralen Atmosphäre bei.

Zu speziellen Gelegenheiten gab es auch Feuerfeste im Freien, bei denen die Menschen große Feuer anzündeten oder Prozessionen oder Rennen mit brennenden Fackeln um Felder oder durch die Dorfstraßen veranstalteten. [1] Obwohl diese Feste in keinem direkten Zusammenhang mit christlichen Glaubenssätzen standen, wurden sie im Laufe der Zeit in den christlichen Kalender integriert und mit christlichen Heiligen in Verbindung gebracht. Dem deutschen Volkskundler Herbert Freudenthal zufolge drücken diese Feste die ambivalenten Gefühle der Landbevölkerung zum Feuer aus. Die Menschen fürchteten seine zerstörerischen Kräfte, aber sie verehrten es auch, weil es Wärme und Licht schuf, und betrachteten es als treuen Verbündeten gegen zahllose Gefahren, die ihre Existenz bedrohten. Sie benutzten es, um ihren Abfall und, mit einiger Phantasie, auch weniger greifbare Übel zu vernichten: um, wie Sir James Frazer es ausgedrückt hat, "die schädlichen – ob als materielle oder spirituelle begriffenen – Dinge, die das Leben der Menschen, Tiere oder Pflanzen bedrohen, zu verbrennen oder abzuwehren".[2] Volkskundler neigen dazu, die magisch-religiösen Aspekte dieser Reinigungsrituale zu betonen. Es lohnt sich jedoch, der Tatsache Beachtung zu schenken, daß für eine ländliche Gemeinde auf einer relativ niedrigen Stufe des Brennstoffverbrauchs ein Feuerfest auch dem eher praktischen Zweck diente, am Ende einer Jahreszeit Abfall zu beseitigen, der eine ernste Feuergefahr sein könnte, wenn man ihn herumliegen ließe.

Eines der größten Feuerfeste war das Mittsommerfest, das seit der Christianisierung mit dem Johannisfest verknüpft war. Lange Zeit wurde es sowohl auf dem Land als auch in Städten gefeiert. Große Stöße Brennmaterials wurden auf Dorfwiesen und Plätzen in den Städten aufgeschichtet und am entsprechenden Abend bei Sonnenuntergang angezündet. Abfall, der über viele Monate hinweg gesammelt worden war, ging dann in Flammen auf. Um die Spannung zu erhöhen, warfen die Menschen vielleicht auch Puppen ("Stroh-Männer") ins Feuer – oder, wie es an vielen Orten gebräuchlich war, lebende Tiere. So wurde in der frühen Neuzeit das Johannisfest in Paris mit einem Feuer gefeiert, in dem lebende Katzen verbrannt wurden. Frazer faßte den Ablauf der Veranstaltung folgendermaßen zusammen:

Bei den Mittsommerfeuern, die früher in Paris auf der Place de Grève angezündet wurden, war es Brauch, einen Korb, ein Faß oder einen Sack lebender Katzen zu verbrennen, der an einen hohen Masten in der Mitte des Feuers gehängt wurde; manchmal wurde auch ein Fuchs verbrannt. Die Menschen sammelten die Glut und die Asche des Feuers und nahmen sie mit nach Hause, denn sie glaubten, sie brächten Glück. Die französischen Könige waren bei diesem Schauspiel oft zugegen und zündeten sogar eigenhändig das Feuer an. 1648 entzündete Ludwig XlV., der mit einem Kranz aus Rosen gekrönt war und in der Hand einen Strauß Rosen hielt, das Feuer, tanzte um es herum und nahm an dem anschließend im Rathaus stattfindenden Bankett teil. [3]

In Überden Prozeß der Zivilisation hat Norbert Elias ebenfalls das Johannisfest in Paris erörtert. Die Katzenverbrennungen, die in uns Widerwillen erregen, müssen über Generationen hinweg angenehme Gefühle hervorgerufen haben – wie heute ein Fußballspiel oder ein Boxkampf. Dies zeigt Norbert Elias zufolge, wie stark Gefühle von Vergnügen und Mißvergnügen sich wandelnden sozialen Standards unterworfen sind. Das "große Katzenmassaker" wurde in Paris jedes Jahr bis weit ins 18. Jahrhundert hinein durchgeführt, obwohl der König und der Adel nicht länger daran teilnahmen. [4] Das Fest war sozial zu einem "volkstümlichen Ereignis" abgestiegen, in einer moderneren und eingeschränkteren Bedeutung des Wortes: Es war zum "abgesunkenen Kulturgut" geworden, von dem sich die Eliten fernhielten.

In Deutschland fanden ähnliche Entwicklungen statt, die vielleicht etwas früher eingesetzt hatten. So stellte Freudenthal (der keine Katzenverbrennungen erwähnte) fest, daß bereits im frühen 15. Jahrhundert einige Stadtregierungen versucht hatten, den Johannisfeuern ein Ende zu bereiten – wahrscheinlich aufgrund der Feuergefahr und der allgemeinen Unruhe, die damit verbunden war. Trotz dieser Versuche wurden die Feste am Ende des Jahrhunderts weiterhin überall gefeiert, und Menschen höchsten Ranges, Könige eingeschlossen, nahmen daran teil. Im 16. Jahrhundert jedoch brach eine Lawine von Verboten los, mit denen weltliche und kirchliche Obrigkeiten gemeinsam die Johannisfeuer abzuschaffen versuchten. Auf Dauer war diese "Zivilisationskampagne" wirksam: Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde dieses Feuerfest nur noch auf dem Land gefeiert; und selbst dort beschränkte sich dies zunehmend auf die unteren sozialen Klassen und schließlich auf die Jugendlichen. [5]

Das 20. Jahrhundert erlebte ein erneutes Interesse für das Johannisfest. Dies entstand durch die gleiche Mischung nationalistischer und kommerzieller Motive, die die Wiederbelebung (oder, ebenso oft, die "Erfindung") vieler Formen der Folklore herbeiführte. [6] Es gibt also ein klares Muster in der Gesamtentwicklung: zuerst der Wandel von Reinigungsriten, die mit der Zustimmung und der aktiven Teilnahme kirchlicher und staatlicher Autoritäten von der ganzen Gemeinschaft gefeiert wurden, hin zu Formen der Volksbelustigung, besonders für die Jugendlichen; und dann, in unserer Zeit, der Trend hin zur einer "Wiederbelebung" unter dem Deckmantel von angeseheneren Ereignissen, die von Geschäftsleuten und Politikern finanziell gefördert werden.

  • [1] Frazer 1930a I, S. 328.
  • [2] Frazer 1930a I, S. VII.
  • [3] Frazer 1930a II, S. 39.
  • [4] Elias 1997a, GS 3.1, S. 374 f. [1939a, S. 281 f.]. Siehe auch Darnton 1984, S. 87 f.
  • [5] Freudenthal 1931, S. 301–310.
  • [6] Vgl. Hobsbawm und Ranger 1983.
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften