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Scheiterhaufen und Höllenvisionen

Einige Jahrhunderte nachdem die christliche Kirche ihre Vorherrschaft in Westeuropa endgültig etabliert hatte, wurde dem Feuer erneut eine bedeutendere Rolle in der Religion übertragen. Insbesondere wurde seine schreckenerregende Wirkung betont – und zwar in zweierlei Hinsicht: einmal in der Form von Scheiterhaufen, auf denen Menschen, die der Ketzerei oder Hexerei angeklagt waren, hingerichtet wurden, und zum anderen durch Visionen von Hölle und Fegefeuer.

Diese Entwicklung wirft mindestens zwei Fragen auf.

Erstens:

Wie kann erklärt werden, daß sich das religiöse Regime so verhärtete, daß ein neuer Fanatismus entstand, der sich in der Verfolgung von ›Ketzern‹, ›Hexen‹ und anderen Gruppen, die aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen wurden, manifestierte? Zweitens: Warum verließ sich das strenger werdende religiöse Regime so stark auf das Feuer? Keine dieser Fragen ist leicht zu beantworten; aber es kann zu beiden etwas gesagt werden.

Bezüglich der ersten Frage macht der britische Historiker R. I. Moore einige interessante Bemerkungen in seinem Buch über das Entstehen der Verfolgungen in Westeuropa im Zeitraum zwischen 950 und 1250. Er skizziert den gemeinsamen Hintergrund verschiedener Verfolgungsbewegungen: gegen Ketzer, Juden, Leprakranke, Päderasten, Sodomiten und Hexen. Moore kommt zu dem Schluß, daß alle diese Bewegungen Teil eines umfassenderen politischen Kampfes waren, der mit der beginnenden Konsolidierung von Macht in Staaten verbunden war. Er beobachtet so etwas wie einen "Tröpfel-Effekt". Die großangelegten Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert, deren Opfer überwiegend Frauen der unteren sozialen Schichten waren, waren die Verlängerung eines Dämonisierungsprozesses, der mit tödlichen Intrigen in den oberen Schichten begonnen hatte. [1]

Dies ist offensichtlich eine glänzende Interpretation, jedoch noch keine umfassende Erklärung. Auch für die Beantwortung der zweiten Frage müssen einige Mutmaßungen genügen. Wir können nur zur Kenntnis nehmen, daß die Schrecken des Feuers dazu benutzt wurden, den kirchlichen Kampagnen mehr Druck zu verleihen – Schrecken in Form von physischer Folter auf dem Scheiterhaufen und psychischer Folter durch Visionen von der Hölle und dem Fegefeuer. Wahrscheinlich waren die beiden Arten der Folter miteinander verbunden, und die Angst vor der Hölle und dem Fegefeuer wurde verstärkt durch die öffentlichen Hinrichtungen durch Feuer.

1022 ordnete der König Frankreichs an, daß vierzehn Mitglieder des hohen Klerus und der führenden Bürgerschaft der Stadt Orléans als Ketzer verbrannt werden sollten. Dies beendete einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrhunderten, in dem es in Westeuropa keine Anklagen wegen Ketzerei gegeben hatte, die die Todesstrafe nach sich zogen. Die Opfer in Orléans waren die ersten einer langen Reihe. Es gab Zeiten, so wie die Periode der "Kreuzzüge" gegen die Albigenser in Südfrankreich im frühen 13. Jahrhundert, zu denen Hunderte von Menschen gleichzeitig verbrannt wurden. [2]

Allem Anschein nach führte das Verbrennen von Ketzern dazu, daß sich die Angst der Menschen vor der Hölle und dem Fegefeuer unvermeidlich verstärkte. Sie wußten, daß Feuer als Strafe verhängt werden konnte: wenn sie nicht selbst Zeugen einer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen gewesen waren, werden sie gehört haben, wie andere, die Zeugen gewesen waren, darüber redeten. Sie waren auch vertraut mit der theologischen Rechtfertigung: Verbrennen diente als Mittel der Reinigung. Wie hätten sie sich also von der Idee lösen können, daß alle sündigen Seelen mit Feuer bestraft würden und daß vielleicht sogar alle Seelen einer Feuerprobe ausgesetzt werden könnten?

Die Idee selbst war jetzt in Umlauf gebracht worden. In der Bibel finden sich nur wenige Hinweise – alle im Neuen Testament – auf ein Höllenfeuer, das jeden irdischen Sünder nach dem Tod erwartet. Diese wenigen Abschnitte boten sich jedoch für die schaurigsten Ausschmückungen an. Die Vorstellung eines Fegefeuers gibt es in der Bibel überhaupt nicht; als sie aber in der Mitte des 12. Jahrhunderts erstmals verbreitet wurde, zeigte sich, daß sie viele ansprach. [3]

Herbert Freudenthal zufolge war die Idee von einer mit Feuer erfüllten Hölle den Völkern Nordeuropas zuerst völlig fremd. Für sie wäre die schlimmste Qual ein Leben nach dem Tod im ewigen Eis gewesen. Die Vorstellung von einem Höllenfeuer konnte nur in einer warmen Umwelt entstehen. An diesem klimatologischen Argument mag etwas dran sein, aber es hilft uns nicht, das Problem zu lösen, warum im späten Mittelalter so viele Menschen in Nordund Westeuropa von der Angst vor einem Höllenfeuer besessen wurden.

Ob der Kontakt mit dem Islam eine Rolle gespielt haben könnte? Während in der Bibel Hinweise auf die Hölle selten sind, kommen sie im Koran häufig vor. Dennoch enthält der Koran – trotz vieler Anspielungen auf "das Höllenfeuer (…), das (im Jenseits) für die Ungläubigen bereit steht" (Sure 2, 24) – nichts, was den detaillierten Beschreibungen von Folterqualen durch Feuer vergleichbar wäre, die im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit des christlichen Europas auftauchten.

Ob in Worten oder Bildern, das Feuer in der Hölle erschien immer in einer gezähmten Gestalt. Die von den Teufeln angewandten Foltermethoden, die dargestellt wurden, waren denen der Henker auf Erden nicht unähnlich. Die infernalischen Qualen in den Bildern von Hieronymus Bosch könnten als Illustrationen der Zeile in Jean-Paul Sartres Stück Bei geschlossenen Türen verwendet werden: "Die Hölle, das sind die andern".* Sogar die Phantasien des italienischen Jesuitenpaters Pietro Pinamonti aus dem 17. Jahrhundert, die die schlimmsten vorstellbaren Qualen beschwören, waren von gezähmtem Feuer inspiriert:

Jeder verdammte Mensch wird wie ein brennender Ofen sein, nach außen glühen und in seiner Brust lodern; das schmutzige Blut wird in seinen Adern kochen, ebenso wie sein Hirn in seinem Schädel, sein Herz in seiner Brust und die Gedärme in seinem erbärmlichen Körper. [4]

In den Bildern vom Höllenfeuer, wie sie von aufeinanderfolgenden Generationen von Theologen, Dichtern und Malern entworfen wurden, spiegelt sich – wie in allen Elementen der Kultur – eine gewisse "relative Autonomie" wider, die unmöglich auf andere Faktoren zurückgeführt werden kann. [5] Auch wenn wir die Gültigkeit dieses Prinzips anerkennen, kann uns noch immer die Frage beschäftigen, woraus der soziale und psychologische Boden bestand, auf dem diese Vorstellungen gedeihen konnten. Um die Zivilisationskampagnen zu verstehen, in denen die "auto da fe" eine Rolle spielten, müssen sie in dem weiteren Kontext einer militärisch-agrarischen Gesellschaft, deren Stadtbevölkerung beständig zunimmt, gesehen werden. Die Menschen, die das Feuer in der Hölle fürchteten, kannten auch das Feuer in Kriegen und das Feuer in Städten.

  • [1] R. I. Moore 1987, S. 13–15.
  • [2] Sumption 1978, S. 227–230.
  • [3] Vgl. Le Goff 1984.
  • [4] Übersetzt nach dem Zitat bei Camporesi 1990, S. 81.
  • [5] Goudsblom 1980, S. XII–XlV.
 
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