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Schießpulver

Für ihre Zeit waren die Kanonen, die die Mauern und Schiffe von Byzanz zerstörten, sehr fortschrittlich. Sie vereinigten ein schweres Kaliber mit einer großen Reichweite. Dennoch könnten sie keinen Vergleich mit der späteren Artillerie bestehen. Das Laden dauerte lange, es konnte noch nicht genau gezielt werden, und jeder Schuß war mit dem Risiko verbunden, daß die ganze Kanone explodierte. Die Konstruktion war so groß, daß der Transport praktisch unmöglich war; die Waffen waren daher an einen Ort gebunden. [1]

Dies mag uns erneut daran erinnern, in welchem Ausmaß der Wert technischer Errungenschaften immer von ihrem "historischen Kontext" abhängt. So wie zuvor die Byzantiner aufgrund des Griechischen Feuers ihren Feinden gegenüber im Vorteil waren, waren jetzt die Türken aufgrund ihrer riesigen Kanone überlegen. Doch auch dieser Vorteil war nicht von Dauer. Kanonen galten, aus guten Gründen, als Feuerwaffen. Das Prinzip, nach dem sie funktionierten, war ziemlich einfach: Wenn eine sehr flüchtige Verbindung in einer Kammer zum Explodieren gebracht werden könnte, würde die Wucht der Explosion ein Geschoß auf ein feindliches Ziel schießen können. Um dieses Prinzip in die Tat umsetzen zu können, bedurfte es sowohl einer geeigneten chemischen Verbindung als auch einer mechanischen Vorrichtung, in der die Explosion stattfinden konnte.

Die Schwierigkeit lag darin, eine explosive Substanz (das Pulver) mit einer stabilen Metallvorrichtung (der "Schußwaffe") zu kombinieren, in der die Explosion stattfinden konnte. Wie der britische Sinologe Joseph Needham zeigt, lernten chinesische Alchimisten bereits in der Mitte des 9. Jahrhunderts n. Chr., hochexplosive Mischungen aus Salpeter, Kohlenstoff und Schwefel herzustellen, als sie nach so imaginären Substanzen wie Lebenselixieren und Tränken für die physische Unsterblichkeit suchten. Es war schnell entdeckt worden, daß diese Mischungen in Bambusrohren zum Explodieren gebracht werden konnten, die zuerst als Flammenwerfer und später dann auch zum Abfeuern von Geschossen benutzt wurden. [2]

Der Einsatz von Explosionen brachte etwas radikal Neues mit sich. Zuvor war die Kontrolle über das Feuer hauptsächlich darauf gerichtet, einen dauerhaften und gleichmäßigen Verbrennungsvorgang zu erzeugen, der als zuverlässig verfügbare Lichtund Wärmequelle genutzt werden konnte. Schießpulver verursachte dagegen kurze und heftige Energieausbrüche. Als es in Westeuropa bekannt wurde, begannen Erfinder früh nach Methoden zu suchen, die diese Eruptionen so regulieren konnten, daß die durch sie freigesetzte Energie zum Antrieb von Maschinen eingesetzt werden konnte. Lange Zeit mißlang jedoch selbst den fähigsten Köpfen – wie z. B. dem holländischen Wissenschaftler Christiaan Huygens – die Lösung dieses Problems. Erst im 19. Jahrhundert wurden "automatische Waffen" wie das Maschinengewehr erfunden, in denen eine schnelle und gleichmäßige Folge von Explosionen herbeigeführt werden konnte. Ebenfalls im 19. Jahrhundert wurde dasselbe Prinzip für friedliche Zwecke im Verbrennungsmotor angewendet. Das Brennmaterial, das hier zu schnellen und gleichmäßigen Explosionen gebracht wurde, war, wie allgemein bekannt, nicht Schießpulver, sondern Öl oder Petroleum.

Abgesehen von seiner Verwendung bei Feuerwerken blieb der Einsatz von Schießpulver fast ausschließlich auf militärische Zwecke beschränkt. Die ältesten Quellen für einen solchen Einsatz gehen in China auf das 13. Jahrhundert zurück, in Europa auf das frühe 14. Jahrhundert. [3] Es sollte jedoch noch mindestens hundert Jahre länger dauern, bis die zerstörerische Kraft der Kanonen der von Armbrüsten und Katapulten entsprach. Die wesentlichen Fortschritte wurden in der Metallurgie gemacht, als Entwicklungen beim Gießen und Schmieden den Waffenherstellern erlaubten, Gewehre mit zunehmend größeren Kalibern und höherer Präzision herzustellen. Auf Dauer konnte keine mittelalterliche Burganlage der neuen Artillerie standhalten. Auf einem Feldzug in der Normandie von 1449–1450 brauchte die mit Kanonen ausgerüstete Armee des französischen Königs nicht mehr als ein Jahr und vier Tage, um sechzig Burgen zur Kapitulation zu zwingen. [4]

In Asien und Osteuropa gelang es den militärischen Eliten, mit Hilfe von Feuerwaffen große Reiche zu errichten. Die herrschenden Dynastien in diesen "Schießpulver-Reichen", wie William McNeill sie nennt, hatten wenig Interesse daran, die Rüstungsindustrie weiterzuentwickeln. [5] Sie zogen es vor, ihre Stellung auf dem bereits existierenden Stand der Militärtechnologie zu festigen. Am extremsten wurde diese Politik in Japan betrieben: Dort etablierte die Regierung 1588 nicht nur ein offizielles Monopol über den Besitz von Waffen für die Kriegerklasse der Samurai (diese Maßnahme fand ihre Entsprechung in der Bildung von staatlichen Gewaltmonopolen in Westeuropa), sondern es gelang ihr sogar, praktisch den Gebrauch von Feuerwaffen durch die Samurai selbst abzuschaffen. Auf diesen Inseln konnte sich die herrschende Klasse mit Hilfe von Schwertern an der Macht halten, ohne Feuerwaffen einzusetzen. [6]

In Westeuropa nahm die Geschichte einen ganz anderen Verlauf. Hier begann ein Rüstungswettlauf, für den eine blühende Kriegsindustrie die Artillerie konkurrierender Armeen mit immer wirkungsvolleren Kanonen, die Infanterie mit zunehmend effizienteren Gewehren und Pistolen ausrüstete. Fortschritte in der Technologie von Angriffswaffen führten zu Innovationen im Bereich der Verteidigungswaffen, so z. B. zu Erdwällen, die Kanonenkugeln abfingen. Eine Auswirkung des Rüstungswettlaufs war die Ausdehnung der Vorherrschaft des Militärs über die ländliche Zivilbevölkerung. Bauern und Dorfbewohner wurden schutzloser denn je gegenüber dem Durchzug von Armeen und ihren Praktiken – dem Niedertrampeln von Feldern, Raub und Feuerlegen. Teilweise als Reaktion auf das Leid, das im Dreißigjährigen Krieg den ländlichen Gebieten in Deutschland zugefügt wurde, wurde von 1676 bis 1678 eine internationale Konferenz abgehalten, um den Terror, den Armeen auf die Landbevölkerung ausübten, unter Kontrolle zu bringen. Dem amerikanischen Historiker Myron Gutman zufolge hatte diese Konferenz einen "zivilisierenden Einfluß".[7]

Der westeuropäische Rüstungswettlauf führte auch zu der Technik, Kanonen auf Schiffen anzubringen und diese damit in "schwimmende Bastionen" zu verwandeln. [8] So wie die Byzantiner annahmen, sie verdankten ihre Macht dem Besitz des "griechischen Feuers", so neigten die Europäer jetzt zu dem Glauben, daß die Weltherrschaft, die sie zu etablieren begannen, auf Feuerwaffen beruhte. Robert Boyle, der berühmte britische Gelehrte, schrieb 1664:

Die armen Indianer betrachteten die Spanier als übermenschliche Wesen, da sie aufgrund ihres Wissens um die richtige Mischung von Salpeter, Schwefel und Holzkohle in der Lage waren, es so tödlich donnern und blitzen zu lassen, wann immer sie es wollten. [9]

Solche zeitgenössischen Kommentare überbewerteten wahrscheinlich die Rolle, die Feuerwaffen bei der europäischen Eroberung Amerikas sowie anderer Teile der Welt spielten. [10] Die Vorherrschaft war nicht durch Schießpulver allein erreicht worden. Obwohl der einschüchternde Besitz von Feuerwaffen gewiß in vielen Situationen entscheidend gewesen sein kann, war der Besitz dieser Waffen an sich auf eine wesentlich breitere Konfiguration politischer, ökonomischer und kultureller Bedingungen gegründet, die alle zum Wachstum der militärischen Stärke beitrugen. Auch hier war die Kontrolle des Feuers bei weitem kein unabhängiger Faktor, sondern in die gesamte soziale Struktur eingebettet. [11]

  • [1] McNeill 1982, S. 87.
  • [2] Needham 1985, S. 6–14.
  • [3] McNeill 1982, S. 39.
  • [4] Oman 1926, S. 226.
  • [5] McNeill 1982, S. 95–99.
  • [6] Vgl. Perrin 1979.
  • [7] Gutmann 1980, S. 63.
  • [8] McNeill 1982, S. 100. Siehe auch Cipolla 1965, S. 137–140.
  • [9] Übersetzt nach dem Zitat bei Needham 1985, S. 2.
  • [10] Vgl. Hemming 1983, S. 110–117. Siehe auch McNeill 1976, S. 1–5; Collins 1986, S. 85–92.
  • [11] Siehe auch McNeill 1982, S. 79–116.
 
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