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Brände

Im Gegensatz zur Antike, für die wir zwar über Aufzeichnungen für offizielle, Brände betreffende Maßnahmen verfügen, nicht aber über ausführliche Berichte über die tatsächlichen Geschehnisse während eines Brandes, gibt es viele genaue Beschreibungen von Stadtbränden im vorindustriellen Europa. So wurde das große Feuer in London 1666 so peinlich genau von Samuel Pepys und anderen Augenzeugen beschrieben, daß wir seinen Verlauf buchstäblich von Tag zu Tag verfolgen können; dagegen beschränkt sich der ganze schriftliche Nachweis über das große Feuer von Rom 64 n. Chr. auf eine kurze Passage in den Annalen des Tacitus. [1] Das Londoner Feuer war selbstverständlich eine Ausnahme, wenn auch nur deshalb, weil London in den vorangegangenen Jahrzehnten schnell gewachsen und zur weitaus größten Stadt Englands geworden war. Wir haben aber auch zahlreiche genaue Berichte über die typischeren Brände in kleineren Städten.

So zitiert der amerikanische Historiker Shelby McCloy zeitgenössische Quellen, die berichten, wie im Dezember 1720 zwei Drittel der französischen Stadt Rennes ausbrannten. Es wurde behauptet, daß das fast sechs Tage dauernde Feuer vom Haus eines betrunkenen Zimmermanns ausging. Angefacht durch einen heftigen Wind, breitete es sich schnell entlang den engen, von Holzhäusern mit vorstehenden Obergeschossen gesäumten Straßen aus. Die Bewohner versuchten vergeblich, ihre Besitztümer wegzuschaffen. Die Stadt besaß nur zwei Pumpen zur Brandbekämpfung, und die Wasserschläuche funktionierten nicht gut. Das Regiment von Auvergne, das in Rennes sein Winterquartier bezogen hatte, erhielt Befehl, bei der Brandbekämpfung zu helfen und die Ordnung aufrechtzuerhalten; statt dessen gingen die Soldaten jedoch zu Brandstiftung und Plünderung über. Männer der Arbeiterklasse folgten dem Beispiel der Soldaten und plünderten die Stadt oder forderten extravagante Preise für ihre Hilfeleistungen. Der Befehl, ein Dutzend Häuser als Brandschneise zu zerstören, scheint das Chaos nur noch erhöht zu haben. [2] Holzhäuser, enge Straßen, schlechte Ausrüstung, der Einsatz von Soldaten, die Zerstörung von Gebäuden, Brandstiftung, Plünderung und die allgemeine Unordnung – alle diese Elemente sind für Brände in vorindustriellen Städten charakteristisch. Der technische Standard hatte sich seit der römischen Zeit wenig geändert. Es gab jedoch einen wichtigen Unterschied, der die Organisation und die damit verbundenen Machtbeziehungen betrifft. In Rom und in römischen Provinzstädten wie Nikomedia wurde die Brandbekämpfung einer halbmilitärischen Truppe überlassen, die direkt dem kaiserlichen Befehl unterstand. Die Bürger selbst durften keine Feuerwehr organisieren (vgl. S. 90). Die meisten Städte in Westeuropa verfügten dagegen über eine eigene Feuerwehr, die aus dort ansässigen Bürgern bestand und der Aufsicht lokaler Beamter unterstellt war. In Rennes gingen die Bürger sogar so weit, die Soldaten der Garnison zu entwaffnen und zu bewachen, bis der Brand gelöscht worden war. Die Beamten hatten offensichtlich die Macht, dies ungestraft zu tun; für das Römische Reich oder die militärisch-agrarischen Reiche in Asien wäre dies nur schwer vorstellbar.

Die technische Ausrüstung der Feuerwehr in Rennes war 1720 noch veraltet. Fast ein halbes Jahrhundert zuvor ließ sich Jan van der Heyden den Druckrollschlauch patentieren, der es erstmals ermöglichte, den Brandherd mit Wasser zu erreichen. Van der Heydens Erfindung blieb nicht die einzige. Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebte einen allgemeinen Anstieg des Standards von Brandbekämpfungsgeräten. Wie Van der Heyden selbst nur zu gut wußte, genügten Materialverbesserungen allein jedoch nicht. Er beklagte sich bitterlich über die "Trägheit und Aufsässigkeit der Zunftleute"; und er versuchte, die Organisation der Amsterdamer Feuerwehr, deren Kommandeur er war, mit dem Ziel zu reformieren, mehr Disziplin und eine professionellere Einstellung zu schaffen. [3]

Nach dem großen Brand 1720 modernisierte auch Rennes seine Feuerwehr. Die Stadt folgte damit einem allgemeinen europäischen Muster: Stadtregierungen wurden zunehmend strenger in der Durchsetzung von Bauvorschriften, und gleichzeitig kümmerten sie sich verstärkt darum, daß ihre Feuerwehren dem neuesten technischen Stand entsprechend funktionierten. All dies trug zu einer langsamen, aber sicheren Abnahme der Zahl von Bränden in Städten bei. Bis dahin wurden solche Brände unverändert als "lokale Ereignisse, episodisch und deskriptiv" behandelt, bemerken die australischen Wirtschaftshistoriker L. E. Frost und E. L. Jones. [4] Dennoch zeigt eine von Jones und anderen verfaßte systematische Zusammenstellung der örtlichen Daten zu Brandkatastrophen in englischen Städten über einen Zeitraum von 1500 bis 1900 einen klaren allgemeinen Trend: Während der ersten zweihundert Jahre spiegelten die Häufigkeit und die Größe von Bränden in englischen Städten mehr oder weniger das Muster des Wachstums der Städte wider. Nach 1700 nahmen die Brände jedoch allmählich ab, während die Städte weiterhin wuchsen. [5]

Vielleicht war England, zusammen mit den Niederlanden, in dieser Entwicklung führend; früher oder später jedoch schlossen sich ihnen alle westeuropäischen Länder an. Das große Feuer in London 1666, das über dreizehntausend Häuser zerstörte, brach alle vorherigen Rekorde. Danach läßt sich eindeutig die Tendenz feststellen, daß sowohl die Häufigkeit als auch das Ausmaß von Stadtbränden, zumindest in Friedenszeiten, abnahmen. Diesbezüglich unterschied sich Westeuropa von den großen militärisch-agrarischen Reichen in Asien und Osteuropa. Dort wurden sogar in den Hauptstädten die große Mehrzahl der Häuser weiterhin aus Holz oder Holz und Lehm gebaut, und daher traten dort während des 18. und 19. Jahrhunderts weiterhin regelmäßig große Feuer auf. Jones weist darauf hin, daß sich die daraus resultierende Kapitalvernichtung negativ auf das ökonomische Wachstum auswirken mußte. [6]

  • [1] Latham und Matthews 1972, S. 267–282. Siehe auch Bell 1920; Milne 1986.
  • [2] McCloy 1946, S. 86–89.
  • [3] Vries 1984, S. 88 f.
  • [4] Frost und Jones 1989, S. 333.
  • [5] Jones, Porter und Turner 1984.
  • [6] E. L. Jones 1987, S. 33 f. Siehe auch Braudel 1981, S. 268–273.
 
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