Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Kultur arrow Feuer und zivilisation
< Zurück   INHALT   Weiter >

Die Verwendung von Feuer und Brandkatastrophen

In der ländlichen Welt des vorindustriellen Europas wurde Brennmaterial selten in großen Mengen verbraucht. In den Haushalten diente derselbe Herd, der zum Kochen benutzt wurde, auch als wichtigste Quelle für Wärme und Licht. Während des Winters waren die Menschen selbst und ihre Tiere weitere Wärmequellen; wenn zusätzliches Licht gebraucht wurde, mußte eine Kerze oder eine Öllampe genügen. Die Toleranz der Menschen gegenüber Kälte war damals wahrscheinlich viel höher, als wir es heute gewöhnt sind: Sogar der königliche Palast in Versailles war so schlecht beheizt, daß während eines Festessens im Winter 1695/96 im luxuriösen Spiegelsaal Wein und Wasser auf dem Tisch gefroren. [1]

Im Dorf ansässige Handwerker wie z. B. Schmiede verbrauchten weitaus mehr Brennstoff als der durchschnittliche Haushalt. Wirklich große Mengen an Brennmaterial verbrauchten jedoch nur spezialisierte Industrien, so z. B. Eisenminen, Kalköfen und Ziegeleien, die eher Außenposten der städtischen Wirtschaft als integrierte Bestandteile der ländlichen Ökonomie waren. Das Brennen von Holzkohle, eine Form der Brennstoffherstellung, die anfänglich beträchtliche Mengen Brennmaterials erforderte, wurde normalerweise in den Wäldern durchgeführt und war für die Landbevölkerung hauptsächlich als Arbeitsplatzmöglichkeit von Bedeutung. Brandkatastrophen waren eine ständige Sorge in der ländlichen Welt des vorindustriellen Europas. Obwohl auf dem Lande die Häuser nicht so dicht zusammenstanden wie in den Städten, stellten sie doch aufgrund des leicht brennbaren Materials, aus dem sie gebaut waren, eine große Brandgefahr dar. Zu einer Zeit, zu der Häuser in den Städten längst nicht mehr mit hölzernen Fassaden und Strohdächern ausgestattet wurden, waren Holz und Stroh noch immer die bevorzugten Baumaterialien in vielen Teilen des ländlichen Europas. Noch im Jahre 1854 brach in der Landschaft Angevin in Nordfrankreich eine "Strohdach-Rebellion" aus, als der Präfekt verfügte, daß das ganze Stroh durch Schiefer und Ziegel ersetzt werden müsse. Offensichtlich waren die Wände und das Gebälk der meisten bäuerlichen Hütten zu schwach für schwerere Decken und hätten verstärkt, wenn nicht gar völlig neu gebaut werden müssen:

Viele Bauern, die zu arm waren, um die Kosten für ein neues Dach zu tragen, geschweige denn die Kosten für einen Wiederaufbau ihrer Häuser aus Stein anstelle von Lehm und Holz, widersetzten sich dem Befehl und wurden verurteilt. Sie marschierten nach Angers, einige Tausend stark, und die Armee mußte eingreifen und sie zerstreuen. Der Präfekt wurde ersetzt, die Verordnung widerrufen und Strohdächer durften nach und nach verschwinden. Die wohlhabenderen Bauern, die versichert waren, wurden schließlich durch einen konzertierten Angriff durch Versicherungsgesellschaften in den 1860ern und später zum Einhalten dieser Verfügung gezwungen. [2]

Brände konnten viele Ursachen haben. Einer dieser Ursachen waren die Menschen machtlos ausgeliefert: dem Blitzschlag. Über ganz Europa waren Bauernhöfe und Ställe mit magischen Sprüchen und Bildern geschmückt, die diese Gefahr abwenden sollten. In seinem Buch über Feuerbrauchtum in Deutschland hat Herbert Freudenthal eine erstaunliche Vielfalt von oft widersprüchlichen abergläubischen Vorstellungen über Gegenstände und Beschwörungen, die Blitze in Schach zu halten vermögen, gesammelt. Es liegt ein großer Schritt zwischen diesen verzweifelten Zaubereien und abergläubischen Vorstellungen und der klaren und einfachen Sicherheit, mit der Benjamin Franklin 1752 verkündete, daß er entdeckt habe, "wie Häuser etc. vor Blitzschlägen geschützt werden können":

Es gefiel Gott in seiner Güte für die Menschen, ihnen schließlich die Mittel zu zeigen, mit denen sie ihre Wohnungen und andere Gebäude vor Unglück durch Donner und Blitze sichern können. Die Methode ist folgende: Man besorge sich eine schmale Eisenstange, die aber so lang ist, daß das eine Ende sechs oder acht Fuß über den höchsten Teil des Gebäudes hinausragen kann, wenn das andere Ende drei oder vier Fuß im feuchten Boden steckt. An das obere Ende der Stange befestige man einen ungefähr einen Fuß langen, scharf zugespitzten Messingdraht von der Größe einer gewöhnlichen Stricknadel. Die Stange kann mit ein paar kleinen Krampen am Haus befestigt werden. Wenn das Haus oder die Scheune lang sind, kann an jedem Ende eine Stange und eine Spitze und den First entlang ein diese Stangen verbindender Draht angebracht werden. Ein Haus, das so ausgerüstet ist, wird nicht durch Blitzschlag beschädigt werden, da dieser von den Spitzen angezogen wird und durch das Metall hindurch in den Boden geht, ohne daß er irgend etwas Schaden zufügt. Auch Dampfer, auf deren Masten eine scharf zugespitzte Stange mit einem Draht befestigt ist, der vom Fuße der Stange nach unten um eine der Wanten ins Wasser reicht, werden nicht durch Blitze beschädigt werden. [3]

Franklins Erfindung, die in Philadelphia gemacht wurde, kam schnell nach Europa und verbreitete sich allmählich auch im ländlichen Raum. Trotz der stolzen Werbung, die besagte, daß "ein so ausgestattetes Haus nicht durch Blitze beschädigt werden wird", dauerte es einige Generationen, bis die meisten Menschen von der Wirksamkeit der Erfindung überzeugt waren. Zu den Widerständen, die es zu überwinden galt, gehörten nicht nur Einwände von Theologen, sondern auch eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Neuheiten, die aus den Städten kamen. In diesem Falle erhielt die Skepsis dadurch Unterstützung, daß es dem praktischen Menschenverstand dumm erschien, eine Vorkehrung auf seinem Dach anzubringen, die dazu bestimmt war, Blitze anzuziehen!

Eine andere häufige Ursache für Brände auf dem Land war der Heubrand – eine biologische Reaktion, die zu einer allmählichen Entzündung führen konnte, wenn das Heu nicht regelmäßig überprüft und gewendet wurde. Bei einem Brand, der durch Heugärung ausgelöst wird, besteht die Ursache aus einer Kombination natürlicher Prozesse und menschlichen Versagens, die mit der Zeit ineinandergreifen. Die meisten Brände jedoch waren eine direkte Folge des Gebrauchs von domestiziertem Feuer. Sie konnten recht oft auf Unvorsichtigkeit zurückgeführt werden, und in vielen Fällen wurde die Schuld alten Frauen oder Kindern zugeschoben. [4] Absichtliche Brandstiftung kam jedoch ebenfalls oft vor. Es gab Zeiten, in denen sich die Landbevölkerung Brandstiftung gegenüber ebenso hilflos fühlte wie gegenüber Blitzschlag.

  • [1] Braudel 1985, S. 319. Interessant ist die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis ein System der Zentralheizung im modernen Europa eingeführt wurde, das dem im alten Rom verwendeten glich. Zu Recht fragen wir uns, in welchem Ausmaß der Status wohl dazu beigetragen hat, Menschen gegenüber Kälte zunehmend empfindlicher zu machen.
  • [2] Übersetzung nach E. Weber 1976, S. 17.
  • [3] Franklin 1986, S. 213.
  • [4] Vgl. K. Thomas 1971, S. 18.
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften