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Brandstiftung

In seßhaften Agrargesellschaften wurde die absichtliche Zerstörung des Eigentums anderer durch Feuer immer zu den schweren Verbrechen gezählt, nur Mord galt als schlimmer. [1] Wie Mörder, so wurden auch Brandstifter in der Regel mit dem Tode bestraft.

Im englischen Strafrecht wurde kaum ein Versuch unternommen, nach dem Grad der Schwere des Verbrechens zu unterscheiden:

Die Todesstrafe wurde sogar für das Anzünden eines Heustocks oder einer Scheune verhängt. Ebensowenig wurde die Reihe verschiedener möglicher Motive berücksichtigt – obwohl, wie der Rechtshistoriker Leon Radzinowicz festgestellt hat, diese Motive "ebensogut der Wunsch, materielle Gewinne zu machen wie sich zu rächen" sein konnte "oder sogar – insbesondere bei den landwirtschaftlichen Lohnarbeitern – der Ausdruck sozialer Unruhe"; zudem kann Brandstiftung "auf Trunkenheit zurückgeführt werden oder das Symptom einer krankhaften Persönlichkeit sein".[2]

Die Vielzahl individueller Motive sollte uns nicht dazu verleiten, die sozialen Zusammenhänge zu vernachlässigen. Wie der französische Philosoph Emile Durkheim zeigte, veränderte sich sogar die Häufigkeit einer so vornehmlich individuellen Tat wie des Selbstmordes deutlich entsprechend den sozialen Umständen: Es war daher sinnvoll, den Selbstmord als verzweifelte, letzte Lösung zu betrachten, die Menschen für Probleme suchten, die aus der sozialen Situation herrührten, in der sie sich befanden. [3] Dasselbe könnte von der Brandstiftung behauptet werden.

Wie der Selbstmord, so ist auch Brandstiftung ein Phänomen, das oft nur schwer nachgewiesen werden kann. Besonders in modernen Gesellschaften, in denen das Betrügen von Versicherungsgesellschaften ein verbreitetes Motiv für Brandstiftung geworden ist, werden Brandstifter ihr möglichstes tun, um alle Spuren ihrer Tat zu verwischen. Jedoch ist die Häufigkeit von Brandstiftung, die begangen wurde, um Versicherungsgeld zu kassieren, eine Funktion bestimmter Bedingungen in gegenwärtigen Gesellschaften; als solche gehört sie eindeutig zu der Kategorie, die Durkheim "soziale Tatsachen" nennen würde. Entsprechend gab es in der bäuerlichen Welt des vorindustriellen Europas Formen von Brandstiftung, die gesellschaftlich bedingt waren.

Unser Wissen über diese Brandstiftungen auf dem Lande ist noch immer bruchstückhaft. Trotzdem können wir die Umrisse der Figuration skizzieren, in der sie in der Regel auftraten. Diese Figuration bestand aus drei Elementen:

1. Bauern, die auf abgelegenen Höfen lebten und an ihren Besitz gebunden waren; 2. eine nur rudimentär entwickelte Polizei; 3. potentielle Brandstifter – vom anonymen Landstreicher bis zu verstimmten Dienern und Arbeitern.

Viele Brandstiftungen wurden von Einzeltätern begangen, oft aus Groll gegen ihren gegenwärtigen oder ehemaligen Arbeitgeber. Manchmal jedoch drohten Gruppen von Menschen gemeinsam mit Brandstiftung. Solche Drohungen konnten von Landstreicherbanden (oder, in manchen Fällen, Ortsansässigen) ausgehen, um Geld zu erpressen, oder von Gruppen, die eine irgendwie geartete soziale Reform verlangten. Landstreicher waren in der Lage, ihre Drohungen direkt auszusprechen; sie konnten gewisse Codes benutzen, so z. B. den Bauern warnen, daß er am nächsten Morgen "von einem roten Hahn geweckt werden könnte". Ortsansässige mußten ihre Identität verheimlichen. Sie teilten sich durch schriftliche, in ungeschickter Handschrift gekritzelte Botschaften mit, die forderten, daß Geld an einem bezeichneten Ort hinterlegt werden sollte und daß der Adressat, sollte er der Forderung nicht nachkommen, "mit Asche belohnt würde".[4]

Die Brandstifter führten eine Art Mini-Krieg außerhalb der Reichweite des staatlich organisierten Gewaltmonopols. Einige Banden beanspruchten idealistische Motive. So terrorisierten in der Mitte des 16. Jahrhunderts mit den Wiedertäufern verbündete Banden die ländlichen Gebiete im Osten der Niederlande. Nachdem sie eine Reihe von Bauernhöfen abgebrannt hatten, wurden sie zunehmend als Bedrohung der etablierten Ordnung betrachtet. Städtische und regionale Behörden vereinten sich zu ihrer Bekämpfung. Konfrontiert mit dieser Übermacht, verlor die Bewegung einen Teil ihrer Anhängerschaft. Der verbleibende Kern von Mitgliedern wurde unerbittlich gejagt und hingerichtet. [5]

Dies sollte ein übliches Muster in den ländlichen Gebieten des vorindustriellen Europas bleiben. Die Verwundbarkeit durch Feuer, und damit ebenso durch Brandstiftung, war Bestandteil der allgemeinen Unsicherheit des Landlebens. Das Risiko der Brandstiftung war immer gegenwärtig. Es wurde besonders akut in Zeiten von massenhaftem Landstreicherturn oder wenn der zentrale Machtapparat am schwächsten war. In Gebieten, die weit von der zentralen Staatsgewalt entfernt waren, schafften es Brandstifterbanden manchmal, sich über Jahre zu behaupten; sie waren jedoch nie dazu fähig, sich gegen eine gut organisierte militärische Macht durchzusetzen.

Solange ein Gebiet von Brandstiftern heimgesucht war, verhinderte dies sowohl die Anhäufung von Ersparnissen als auch Investitionen und damit ein "intensives Wachstum". Menschen konnten nur dann eine ständige Akkumulation von Eigentum genießen, wenn sie sich angemessen vor Brandstiftung geschützt wußten. Solcher Schutz konnte entweder durch Selbstschutzmaßnahmen oder durch Polizeischutz oder qua Gesetz erreicht werden, oder weil – aus welchen Gründen auch immer – Banditenturn nicht auftrat. Massive Steinwände mit gut verschlossenen Toren waren die wirksamste Form des Selbstschutzes. Sie waren jedoch ein Luxus, der bereits eine relativ hohe Stufe des Reichtums voraussetzte und den sich wenige Bauern leisten konnten. In den entlegenen Gebieten des vorindustriellen Europas konnte sich die Macht des Gesetzes nur sporadisch zeigen. Und die Stufe des Reichtums und kollektiven Wohlstands war so niedrig, daß immer wieder neue Wellen von Vagabunden durch das Land zogen. Unter den Landstreichern befanden sich wahrscheinlich einige, die selbst Opfer eines Brandes waren und ihren ganzen Besitz verloren hatten. [6]

Es wurde bisher noch keine umfassende Untersuchung zu den Wellen kollektiver Brandstiftung gemacht, die die ländlichen Gebiete Europas über die Jahrhunderte hinweg überzogen. Für andere Teile der Welt ist das Bild noch unvollständiger; es scheint aber unwahrscheinlich, daß die Landbevölkerung dort Mittel gefunden hatte, um diese Geißel abzuwenden. Wie im Römischen Reich konnte die Bedrohung sowohl von "unten" als auch von "oben" kommen: letztere von den Steuereintreibern, die Brandstiftung benutzten, um ihren Steuerforderungen Nachdruck zu verleihen. In Aufständen trugen Gefühle der Entrüstung und Rache beim Volk sowie der Wunsch, die Steuerbücher oder belastendes Beweismaterial zu vernichten, hingegen gemeinsam dazu bei, daß die Häuser der Steuereintreiber, zusammen mit Gerichtsund anderen Regierungsgebäuden, zu bevorzugten Zielen für Brandstiftungen wurden.

Da Brandstiftung sehr gefürchtet war, kann es sein, daß Zeitgenossen manchmal ihr Ausmaß übertrieben haben. Unsere historischen Quellen wurden nicht immer auf ganz unvoreingenommene und unparteiische Weise aufgezeich net. Wir müssen jedoch auch berücksichtigen, daß die tatsächliche Häufigkeit von Brandstiftung relativ niedrig war. Sie hätte sehr viel höher sein können. In Konflikten zwischen Bauern wurde nur selten zu dieser ultima ratio Zuflucht genommen – obwohl allerdings der französische Soziologe Gabriel Tarde 1895 schrieb, daß "das Inbrandsetzen der Scheune eines Feindes auf dem Land das Mittel zur Rache ist, das am häufigsten angewendet wird und meist straflos bleibt".[7] Und es sind uns tatsächlich gelegentliche Epidemien von Brandstiftertum überliefert, so z. B. diejenige, die in den 1840er Jahren durch ein Dorf im Gévaudan tobte. Dort wurde in einer Kette von Rache und Gegenrache ein Haus nach dem anderen niedergebrannt. [8] Normalerweise waren jedoch die sozialen Beziehungen diesbezüglich nicht nur durch gegenseitig erwartete, sondern auch durch gegenseitige geübte Selbstbeherrschung gekennzeichnet.

Die durch Brandstiftung drohende Gefahr auf dem Lande wurde in Friedenszeiten mit der Durchsetzung der zentralstaatlichen Kontrolle nach und nach zurückgedrängt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts herrschten in einigen ländlichen Gebieten in Südengland große Armut und soziale Unruhen, die von Brandstiftungen begleitet waren. Dem britischen Historiker David Jones zufolge "gab es, bei vorsichtiger Schätzung, in den schlimmsten Jahren mindestens tausend Brände, und einige davon waren in der Tat sehr groß". Die 1860er Jahre markieren einen Wendepunkt: Das Brandstifterturn nahm ab und wurde durch "offenere und friedlichere Formen des Protests, nämlich Versammlungen, Petitionen, Streiks und die frühe Gewerkschaftsbewegung, ersetzt." [9] In Frankreich hielt sich der "aggressive Pauperismus" noch länger in einer weniger deutlich artikulierten politischen Form. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden entlegene ländliche Gebiete in schlechten Jahren weiterhin von Landstreicherbanden heimgesucht, die mit Brandstiftung drohten. [10] Im 20. Jahrhundert verschwanden solche Banden fast ganz, weil die Macht der Polizei und des Gesetzes zunahm und zugleich der Standard der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen allgemein anstieg. So schuf das intensive Wachstum selbst die Bedingungen, unter denen zumindest zeitweilig die anhaltende Bedrohung des intensiven Wachstums zum Stillstand kam.

  • [1] Njall's Saga, die um 1200 in Island spielt, hat eine Episode zum Inhalt, in der kriegerische Bauern einen ihrer Feinde und seine Familie töten, indem sie sein Haus anzünden. Diese Art des Einsatzes von Feuer zur Tötung eines Feindes, den man im Kampf nicht besiegen konnte, galt als unehrenhaft. Vgl. Magnusson und Pálsson 1960; Byock 1988.
  • [2] Radzinowicz 1948, S. 9.
  • [3] Durkheim 1983.
  • [4] Vgl. Abbiateci 1970; Wieërs 1986.
  • [5] Willems 1981.
  • [6] Vgl. De Swaan 1988, S. 13–51.
  • [7] Gabriel Tarde, Essais et mélanges sociologiques (Lyons, 1895), S. 121. Zitiert nach E. Weber 1976, S. 16.
  • [8] Claverie und Lamaison 1982, S. 17–23.
  • [9] Übersetzt nach D. Jones 1982, S. 34 f. Siehe auch Hobsbawm und Rudé 1969.
  • [10] Price 1983, S. 392–395; Wright 1983, S. 156–162; Schulte 1984.
 
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