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8. Feuer im Industriezeitalter

Die Industrialisierung als dominante Entwicklung

Die Industrialisierung war nach der ursprünglichen Domestizierung des Feuers und der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht die dritte große ökologische Veränderung, die von den Menschen herbeigeführt worden ist. Für einige Zeit wurde sie gemeinhin als Industrielle Revolution bezeichnet – ein Begriff, der das Bild eines revolutionären Bruchs mit der Vergangenheit entstehen läßt, der in England zwischen 1780 und 1850 als britisches Gegenstück zur Französischen Revolution stattgefunden hat. Diese Ansicht gilt heute im allgemeinen als überholt. Die Mehrzahl der Historiker stimmt nun darin überein, daß die Ursprünge dieses Prozesses vor 1780 liegen und daß sein Einfluß, so "revolutionär" er auch gewesen sein mag, erst nach 1850 in großem Umfang spürbar wurde.[1]

Die Industrialisierung stellt sich als ein "Konglomerat von Veränderungen" dar und scheint komplexer und weniger leicht zu definieren als die beiden vorhergehenden Veränderungen. [2] Dennoch ist es möglich, dieses Konglomerat von Veränderungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Von wesentlicher Bedeutung war auch hier wieder die Inkorporation von Naturgewalten, die vorher nicht im Herrschaftsbereich des Menschen lagen, in die menschliche Gesellschaft. Diese natürlichen Ressourcen waren, wie E. A. Wrigley aufzeigt, vor allem große, unerschlossene und als fossile Brennstoffe abgelagerte Energiereservoirs. [3] Die zunehmende Erschließung von Kohle-, später von Ölund Gasvorräten ermöglichte den Menschen die Ausbeutung einer um so größeren Vielfalt anderer Mineralienvorkommen – von Eisen bis Plutonium.

Wie die vorhergehenden Veränderungen fiel auch die Industrialisierung nicht vom Himmel. Industrie, definiert als Herstellung von Objekten, war ohne Zweifel seit dem paläolithischen Zeitalter von Menschen ausgeübt worden. Metalle wurden bereits vor mehreren tausend Jahren verarbeitet – was gerade die Namen Bronzezeit und Eisenzeit vermitteln sollen. Auch Kohle war als Brennstoff nicht völlig unbekannt. Bisher jedoch waren alle industriellen Tätigkeiten in eine überwiegend agrarische Struktur eingebettet: Sie veränderten nicht den vornehmlich agrarischen Charakter der Gesellschaft.

Der Übergang zu einer vorwiegend industriellen Welt fand allmählich statt, und der Versuch, eindeutig zu lokalisieren, wann und wo er begann, wäre vergeblich. Die Konvention jedoch, England den Ehrenplatz einzuräumen, ist nicht ganz falsch. Dort vereinigten sich im 18. und 19. Jahrhundert viele kleine Flüsse der "Proto-Industrialisierung" zu einem anschwellenden und nicht umkehrbaren Strom. Nach einiger Zeit wurden die Folgen in der ganzen Welt und in jeder Sphäre des Lebens spürbar. Zu diesen gehörte eine bisher unerreichte, hohe absolute Rate sowohl des extensiven als auch des intensiven Wachstums. Des weiteren gehörte dazu auch, daß sich solche miteinander verbundenen Entwicklungen wie die zunehmende Konzentration, Spezialisierung und Organisation der menschlichen Bevölkerung beschleunigt fortsetzten.

Von großer Tragweite war über die letzten zweihundert Jahre das extensive Wachstum. In der "ersten industriellen Nation" Großbritannien belief sich das Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert in einer Größenordnung von 11,1 bis 16,9 pro Jahrzehnt – eine Zahl, die noch beträchtlich höher gewesen wäre, wenn es nicht einen ständigen Strom von Auswanderern in die Vereinigten Staaten und die Kolonien gegeben hätte. [4]Die Weltbevölkerung stieg von geschätzten 900 Millionen im Jahre 1800 auf 1,6 Milliarden um 1900 und hat schon vor dem Ende des 20. Jahrhunderts die 5 Milliarden überschritten. [5]

Die Zahlen, die das intensive Wachstum beschreiben, sind möglicherweise noch eindrucksvoller. So führt der britische Geograph und Ökologe I. G. Simmons einige Zahlen an, die den Anstieg der Energie – ausgedrückt in der Standardeinheit von Megajoule MJ – zeigen, die den Menschen auf verschiedenen Stufen der sozio-kulturellen Entwicklung zur Verfügung stand. Vor der Domestizierung des Feuers betrug der Durchschnitt ca. 10 MJ pro Tag, was der somatischen Energie entspricht, die benötigt wird, um einen einzigen Menschen am Leben zu halten. Als verschiedene außersomatische Energiequellen hinzugefügt wurden, stieg dieser Durchschnitt in den am weitesten entwickelten Agrargesellschaften auf ca. 100 MJ an – während heute in den USA der kommerzielle Energieverbrauch pro Kopf fast an 1000 MJ pro Tag heranreicht. Simmons kommt zu dem Schluß, daß

es zwischen dem paläolithischen Zeitalter und heute einen Anstieg in zwei Größenordnungen gab: Die heute umgesetzte gesamte Menge an Energie ist so hoch wie nie zuvor, und die Wachstumsraten in den letzten Jahrzehnten waren doppelt so hoch wie die der Weltbevölkerung, obwohl ein gewisses Verlangsamen beider Raten die letzten Jahre kennzeichnet. [6]

Wo immer auch die Industrialisierung erstmals spürbar wurde, führte sie anfänglich dazu, die aus dem Agrarzeitalter erwachsenen Unterschiede in der Macht und im Verhalten – sowohl zwischen als auch innerhalb von Gesellschaften – zu erhöhen. Die Kluft zwischen den Gesellschaften, die den Prozeß der Industrialisierung anführten, und denen, die hinterher hinkten, vertiefte sich, so daß es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allgemein gebräuchlich wurde, zwischen Erste-, Zweiteund Dritte-Welt-Ländern zu unterscheiden – ebenso wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts von England gesagt wurde, es bestehe aus "zwei Nationen". Wie die Domestizierung des Feuers hat die Industrialisierung aber gleichzeitig auch Kräfte entfesselt, die zu einer Abnahme der Machtund Verhaltensunterschiede geführt haben. Das industrielle System, in dem die Menschen mittlerweile überall leben, übt genau wie das Feuerregime gewisse vereinheitlichende Zwänge aus, die im Prinzip ähnliche Reaktionen hervorrufen. Wenn die oft geäußerten Klagen über die standardisierenden und nivellierenden Tendenzen des modernen Lebens irgendeine empirische Basis haben, dann ist es wahrscheinlich dies.

  • [1] J. C. D. Clark 1985, S. 66.
  • [2] Vgl. E. L. Jones 1988, S. 13–27; Mokyr 1990, S. 81–84; Wallerstein 1989, S. 3–33; Wrigley 1987, S. 2–4; Wrigley 1988, S. 8–12.
  • [3] Wrigley 1988.
  • [4] Mathias 1983, S. 221. Zu Zahlen über das intensive Wachstum in Großbritannien siehe S. 222.
  • [5] McEvedy und Jones 1978, S. 349.
  • [6] Simmons 1989, S. 379. Zu Messung und Umfang der Energie siehe auch Foley 1987, S. 44–54.
 
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