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Neue Energiequellen: diskreterer und differ Gebrauch von Feuer

Die Industrielandschaft hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts grundlegend gewandelt. Sie wird nicht mehr von endlosen Reihen von Fabrikschloten beherrscht. Die Gegenwart von Feuer und Rauch ist viel unauffälliger geworden.

Diese Veränderungen in der Landschaft spiegeln das Verschwinden der Dampfkraft als Hauptenergiequelle der Industrie wider. Sie wurde von anderen Energiequellen wie Öl, Gas und Elektrizität abgelöst. Auf den ersten Blick scheint es so, als hätte die Bedeutung des Feuers in der industriellen Produktion abgenommen, aber bei näherer Betrachtung wird deutlich, daß dies nicht der Fall ist.

Tatsächlich sind die Produktionsmethoden in der modernen Industrie und auch in der Landwirtschaft sehr brennstoffintensiv. Die verbrauchte Energie – einschließlich der Elektrizität – wird größtenteils aus den fossilen Brennstoffen Kohle, Öl und Gas gewonnen. Verbrennungsprozesse spielen weiterhin eine zentrale Rolle, aber sie laufen in speziellen Behältern ab, so daß die meisten Menschen nicht direkt mit einem der Merkmale konfrontiert werden, die die unmittelbare Nähe des Feuers zum Ärgernis und zur Gefahr machen können. Die Launen der Flammen sind völlig unter Kontrolle. Ruß, Rauch und Brandgefahr sind auf ein Minimum reduziert. Brennöfen und Verbrennungskammern, in denen sich große Hitze konzentriert, bleiben außen kalt. Typische Produkte der modernen, brennstoffintensiven Industrie sind Kraftfahrzeuge. Diese werden mit Motoren ausgerüstet, die so entworfen sind, daß sie durch fein eingestellte und genau kontrollierbare Verbrennungsprozesse angetrieben werden. In der Tat kann das Kraftfahrzeug fast als Symbol für die hochkomplexen und differenzierten Nutzungsmöglichkeiten des Feuers am Ende des 20. Jahrhunderts dienen. Automobile werden durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in Bewegung gesetzt. Sie sind aus Stahl, Plastik und Glas hergestellt – Materialien, die mit Hilfe hoher Temperaturen produziert und verarbeitet werden. Dennoch ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sich eine Person, die in ihr Auto steigt und die elektrische Zündung betätigt, um den Motor anzulassen, bewußt ist, daß sie sowohl Feuer als auch Produkte, zu deren Herstellung Feuer benötigt wird, benutzt. Während sie fahren, nehmen Menschen die Verbrennungsprozesse, die ihr Auto in Bewegung halten, nicht wahr. Sie sehen nicht, wie das Benzin unter der Motorhaube verbrennt, und die meisten von ihnen haben nicht einmal aus der Ferne das Feuer in den Fabriken und den Kraftwerken gespürt, ohne das ihre Autos niemals herzustellen wären.

Ein ganz anderes Beispiel für diesen Effekt ist die Landwirtschaft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in England die Industrialisierung bereits einsetzte, wurde fast die ganze Energie, die auf dem Bauernhof verbraucht wurde, innerhalb der Hofgrenzen durch menschliche und tierische Arbeitskraft erzeugt. Das offene Feuer, das im Herd brannte, wurde durch Holz aus der unmittelbaren Umgebung unterhalten. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hatte sich die Situation völlig verändert: jetzt wird fast die ganze Energie, die genutzt wird, von außen zugeführt: in Form von Düngemitteln, Öl und Benzin sowie Elektrizität. [1]

Ein wesentlicher Vorteil der neuen Energiequellen nicht nur gegenüber Holz, sondern auch gegenüber Dampf besteht darin, daß sie mit größerer Flexibilität eingesetzt werden können. Die Brennstoffe sind leichter zu transportieren und zu verteilen als Holz oder Kohle, und die Verbrennung kann präziser reguliert werden. Vorausgesetzt, die notwendigen technischen Möglichkeiten sind vorhanden, sorgen Gas, Öl und Strom für einen sehr regelmäßigen und genau kontrollierbaren Energiefluß. Elektrizität hat zudem noch den Vorteil, an ihrem Bestimmungsort ganz "sauber" zu sein. [2] Die Verbraucher von Elektrizität werden kaum mehr mit all den Arbeiten und Unannehmlichkeiten belastet, die mit der Verwendung von Feuer verbunden sind – so das Problem, sich des Rauches zu entledigen, das Lagern von Brennmaterial, das Hüten des Feuers. Brände sind nicht ganz ausgeschlossen, aber ihre Häufigkeit ist außerordentlich verringert worden. Heute sind Menschen in der Lage, mit wenigen, einfachen Handlungen und einem Minimum an Risiken große Mengen hochkonzentrierter Energie zu nutzen.

Dies gilt für jeden Bereich des sozialen Lebens: sei es für die Landwirtschaft, die Industrie, den Verkehr oder für Aktivitäten in Haushalt und Freizeit. Überall ist es möglich, mit sehr wenig körperlicher Anstrengung große Mengen an Energie zu mobilisieren – mit dem Ergebnis, daß das Leben in vielerlei Hinsicht bequemer wird. Außerdem wird das Gefühl verstärkt, daß natürliche Prozesse gemeistert werden können, und, damit einhergehend, wird die Illusion von Unabhängigkeit geschaffen.

Denn dies ist eindeutig eine Illusion. Gleichgültig, ob Menschen die Energie eines Benzinmotors, einer Batterie oder eines Anschlusses an einen Stromkreislauf oder an eine Gasleitung nutzen, auf jeden Fall können sie dies nur deshalb tun, weil sie Teil eines komplexen und weitreichenden Netzwerkes sozialer Abhängigkeiten sind. Solange die Versorgung funktioniert und solange Menschen ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen, müssen sie sich über die ganze Konstellation wenig Gedanken machen. Sie werden jedoch unmittelbar damit konfrontiert, sobald irgendeine dieser Bedingungen nicht erfüllt wird.

In dieser Beziehung setzt die Nutzung neuer Energiequellen deutlich eine Entwicklungsrichtung fort, die die Kontrolle des Feuers immer gekennzeichnet hat. Die Abhängigkeit von Naturgewalten wurde weniger direkt (was nicht heißen soll, daß ihr Ausmaß geringer wurde), und gleichzeitig nahm die Abhängigkeit von kulturellen und sozialen Ressourcen zu. Ein komplizierter technischer und organisatorischer Apparat ist nötig, um die Energieversorgung jederzeit zu gewährleisten. Der Großteil dieses Apparats ist "hinter den Kulissen" der Industriegesellschaft angesiedelt und für den Normalverbraucher unsichtbar.

Die Zunahme der Brennstoffversorgung ging mit einer gewaltigen Verlängerung der Kette der gegenseitigen Abhängigkeit von Gruppen einher. Eine direkte Auswirkung war ein hoher Anstieg des Standards des physischen Komforts. In einem modernen Industrieland gibt es normalerweise keinen Mangel an Feuer. Alles was Menschen brauchen, um die Vorteile der reichlich vorhandenen Energie genießen zu können, ist der Zugang zur allgemeinsten Ressource des Wohlstands: Geld. Licht und Wärme werden in unbegrenzten Mengen verkauft; und dies gilt auch für Energie zum Betreiben einer großen Vielfalt von Geräten. Energie wird auf so bequeme Weise erhältlich gemacht, daß die gesellschaftliche Leistung, die für ihre Herstellung notwendig ist, leicht vergessen wird.

Diese gesellschaftliche Leistung wird zuerst an den Bohrlöchern und in den Bergwerken erbracht, wo die Energie gewonnen wird, und dann während der Vorgänge ihrer Verarbeitung zu konsumierbarem Gas, Öl oder Elektrizität sowie während des Transports und der Verteilung. Die vielen Voraussetzungen, die für den ungestörten Energiefluß notwendig sind, werden oft als selbstverständlich erachtet; aber es ist unmöglich, daß sie diejenigen, die von ihnen als Verbraucher profitieren, nicht ständigen Zwängen aussetzen. Die Rechnung muß bezahlt werden – sowohl finanziell als auch in anderer Hinsicht.

Wie der deutsche Soziologe Peter Gleichmann festgestellt hat, führte die ständige Verfügbarkeit von Elektrizität – zu jeder Stunde und in allen Teilen der Welt – zu einer Verringerung des Unterschieds zwischen Tag und Nacht. [3] In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Fabrikbesitzer aufgrund der von ihnen getätigten hohen Investitionen in ihre Fabriken dazu gezwungen, die Anlagen Tag und Nacht laufenzulassen. Gaslicht beleuchtete den Arbeitsplatz. Im 20. Jahrhundert hat sich das Nachtleben, vor allem in den Städten, nach und nach ausgedehnt. Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Gas, Elektrizität, Telefon, Telefax, Radio, Polizei, Feuerwehren, Krankenhäuser – von all diesen Dienstleistungen wird gemeinhin erwartet, daß sie Tag und Nacht angeboten werden. Internationale Abhängigkeiten ruhen niemals; dies ist einer der Gründe dafür, daß viele Menschen die Nachrichten einschalten, sobald sie morgens aufwachen: Bevor sie wieder ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen, möchten sie erfahren, was geschehen ist, während sie geschlafen haben – in ihrem eigenen Land, in dem es Nacht war, und anderswo, wo es Tag war.

Ab und zu treten Schwierigkeiten auf. Manchmal kommt es zu Störungen bei der örtlichen Stromversorgung, so z. B. beim "Blackout", dem großen Stromausfall in New York am 13. Juli 1977. Oder es treten internationale Komplikationen auf, so wie z. B. die Ölkrise im Jahre 1973, als es der Mehrheit der ölfördernden Länder gemeinsam gelang, einen drastischen Anstieg der Rohölpreise durchzusetzen. [4]

Berücksichtigt man den ungeheuren Anstieg des Energieverbrauchs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind Störungen jedoch bemerkenswert selten. Die Industriewirtschaft ist eine Brennstoffwirtschaft; ihr Drehund Angelpunkt ist die regelmäßige Versorgung mit Brennmaterial, das leicht in Energie umgewandelt werden kann. Der Produktivitätsanstieg führte zu intensivem Wachstum, das sich in den Zentren der industriellen Produktion und des Verbrauchs konzentriert, und zu einem extensiven Wachstum, das derzeit überwiegend auf den Rest der Welt, die "Peripherie", begrenzt ist. Das intensive Wachstum weist heute mehr noch als das extensive Wachstum alle Kennzeichen einer weitestgehend autonomen, selbstangetriebenen Kraft auf. Licht, Wärme, Bewegung und sogar Kühlung werden mit Brennstoffen erzeugt, und das in zunehmend großen Mengen. Das steigende Angebot all dieser brennstoffintensiven Güter und Dienstleistungen stimuliert dagegen seinerseits wieder die Nachfrage der Kunden, die danach streben, sowohl ihren materiellen Komfort als auch ihren sozialen Status zu erhöhen.

Das Verlangen nach intensivem Wachstum ist auch in den weniger hochindustrialisierten Ländern vorhanden. Dort herrscht jedoch noch immer extensives Wachstum vor, und man muß damit rechnen, daß sich dieser Prozeß des extensiven Wachstums in den kommenden Jahrzehnten auch immer mehr auf die reichen Länder ausdehnen wird. Reichtum zieht Armut an – für diese Verallgemeinerung lassen sich unzählige Beispiele in der Geschichte finden. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, werden viele Menschen ärmerer Regionen in Gebiete wandern, in denen die Menschen durchschnittlich wohlhabender sind.

Indessen wird der durch extensives und intensives Wachstum gemeinsam ausgeübte Druck den Brennstoffkonsum in die Höhe treiben. In den meisten Fällen werden die tatsächlichen Verbrennungsprozesse vor den Verbrauchern verborgen, die daher keine direkten physischen Unannehmlichkeiten erfahren, die sie davon abhalten könnten, zunehmend mehr Brennmaterial zu verbrauchen.

  • [1] Simmons 1989, S. 239–243.
  • [2] Vgl. Williams 1982, S. 64–79.
  • [3] Gleichmann 1983. Siehe auch Melbin 1987.
  • [4] Vgl. Yergin 1991, S. 588–652.
 
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