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Jenseits feuergeschützter Zonen: Krieg

Alles, was im vorhergehenden Abschnitt über den Rückgang von Bränden in Städten gesagt wurde, bedarf einer entscheidenden Einschränkung: Der Rückgang gilt nur für Friedenszeiten. Mit der Industrialisierung stieg die Produktivität und mit ihr, unvermeidlich, auch das Potential zur Zerstörung oder die "Destruktivität". Nicht nur die Möglichkeiten zur Verhinderung und Bekämpfung von Feuer wurden effektiver, sondern auch die Möglichkeiten, Brände zu entfachen, während Städte als mögliche Ziele für Brandstiftung sowohl an Zahl als auch an Größe zunahmen. Folglich haben im 20. Jahrhundert Kriegshandlungen einige der größten Stadtbrände der Geschichte verursacht.

Wie der Stadthistoriker und -soziologe Lewis Mumford festgestellt hat, boten Städte hinter ihren Mauern ursprünglich den sichersten Schutz gegen militärische Gewalt. Im Zeitalter der Flugzeuge und Raketen sind sie jedoch die für Angreifer verwundbarsten Ziele geworden. [1] Nachdem dies erstmals im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) deutlich demonstriert worden war, wurde die Bombardierung von Städten aus der Luft im 2. Weltkrieg allgemein übliche Praxis. Ihre zerstörerische Wirkung nahm ständig zu. Laut offizieller Statistiken hatte der deutsche Luftangriff auf Rotterdam im Mai 1940 980 Todesopfer zur Folge und machte 75 000 Menschen obdachlos. Diese Zahlen wurden in den nächtlichen Angriffen auf deutsche Städte, die 1942 von alliierten Bombern ausgeführt wurden, um ein Vielfaches übertroffen. Das erste Ziel, die alte Hafenstadt Lübeck, wurde für die Zerstörung ausgewählt, weil sie einen spätmittelalterlichen Stadtkern besaß, der hauptsächlich aus leicht brennbaren Holzhäusern bestand. Die erwünschte Wirkung wurde tatsächlich erreicht: Nach ein paar Stunden intensiver Bombardierung brannten 80 % der alten Stadt nieder.

Innerhalb weniger Monate bauten die alliierten Streitkräfte eine riesige Organisation auf, um ein Programm zur

"massiven Zerstörung, Stadt für Stadt" durchzuführen. Für einen einzigen Nachtangriff auf Köln war im Mai 1942 eine Flotte von mehr als eintausend Flugzeugen entsandt worden. Die Mannschaften hatten den Befehl; "eine Feuersbrunst zu entfachen, die von keiner Feuerwehr der Welt mehr gelöscht werden konnte".[2] Die größte Zerstörungskraft von allen hatten die Bombardierungen von Hamburg und Dresden im Juli 1943 und Februar 1945. Auf diese Städte wurden riesige Mengen von Brandbomben und Sprengstoff abgeworfen, die "Feuerstürme" entfachten, denen die Feuerwehr wirklich machtlos gegenüberstand und denen man nicht entkommen konnte, so daß Zehntausende von Menschen verbrannten oder erstickten. [3] Angriffe von noch größerem Ausmaß wurden während der ersten Monate 1945 in einer Reihe von ›konventionellen‹ Bombardierungen gegen Tokio und gegen Hiroshima und Nagasaki durch den Abwurf der Atombombe im August 1945 geführt.

Bevor sie den internationalen Krieg begannen, hatten die Nationalsozialisten das Feuer bereits in dem von ihnen geführten Bürgerkrieg eingesetzt, um die Hegemonie ihrer Partei in Deutschland herzustellen. Bis heute ist die Rolle umstritten, die sie 1933 beim Brand des Reichstags spielten. Sicher ist jedoch, daß sie den Brand in einem stark an die Öffentlichkeit getragenen Schauprozeß zu ihrem eigenen Vorteil nutzten. Später inszenierten sie Autodafés, bei denen Bücher, deren Autoren Juden oder andere der Partei mißliebige Personen waren, öffentlich den Flammen übergeben wurden. Es folgte die berüchtigte Kristallnacht, als in ganz Deutschland Synagogen angezündet wurden. Bereits 1920 hatten Truppen des deutschen Militärs (das Freikorps) Osteuropa plündernd durchzogen, wo sie mit modernen Mitteln die alten Techniken der verbrannten Erde und des Plünderns und Brennens praktizierten. Der deutsche Schriftsteller Ernst von Salomon skizziert in seinem teils autobiographischen Roman Die Geächteten treffend ihre Mentalität:

Wir machten den letzten Stoß. Ja, wir erhoben uns noch einmal und stürmten in ganzer Breite vor. Noch einmal rissen wir den letzten Mann mit aus der Deckung und stießen in den Wald hinein. Wir rannten über die Schneefelder und brachen in den Wald. Wir knallten in überraschte Haufen und tobten und schossen und schlugen und jagten. Wir trieben die Letten wie Hasen übers Feld und warfen Feuer in jedes Haus und pulverten jede Brücke zu Staub und knickten jede Telegrafenstange. Wir schmissen die Leichen in die Brunnen und warfen Handgranaten hinterdrein. Wir erschlugen, was uns in die Hände fiel, wir verbrannten, was brennbar war. Wir sahen rot, wir hatten nichts mehr von menschlichen Gefühlen im Herzen. Wo wir gehaust hatten, da stöhnte der Boden unter der Vernichtung. Wo wir gestürmt hatten, da lagen, wo früher Häuser waren, Schutt, Asche und glimmende Balken, gleich eitrigen Geschwüren im blanken Feld. Eine riesige Rauchfahne bezeichnete unseren Weg. Wir hatten einen Scheiterhaufen angezündet, da brannte mehr als totes Material, da brannten unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte, da brannten die bürgerlichen Tafeln, die Gesetze und Werte der zivilisierten Welt, da brannte alles, was wir noch vom Wortschatz und vom Glauben an die Dinge und Ideen der Zeit, die uns entließ, wie verstaubtes Gerümpel mit uns geschleppt. Wir zogen zurück, prahlend, berauscht, mit Beute beladen. [4]

Der folgende Abschnitt aus einer richtigen Autobiographie ist lakonischer geschrieben, aber als Dokument zum Einsatz des Feuers in der modernen Kriegsführung ebenso interessant:

Sir Bindon sandte Befehl, daß wir zunächst im Mamundtal bleiben und es zur Vergeltung mit Feuer und Schwert verwüsten sollten. Das taten wir dann auch, allerdings mit aller Vorsicht. Wir gingen systematisch vor, von Dorf zu Dorf, zerstörten als Strafmaßnahme die Häuser, warfen die Brunnen zu, legten Türme um, fällten die großen, schattenspendenden Bäume, brannten die Ernten ab und zerstörten die Wasserreservoirs. [5]

Dieser Text, der dem Tenor nach aus den Memoiren eines jeden Generals von Julius Cäsar bis zu Napoleon stammen könnte, wurde von Winston Churchill verfaßt. Er bezieht sich auf einen Feldzug der britischen Armee in Afghanistan um 1900. Auf nüchterne Art führt er uns den althergebrachten Einsatz von Brandstiftung als eines Mittels zur Einschüchterung und zur Demonstration von Macht vor Augen. Sarkastischer wurde die gleiche Botschaft im Roman eines niederländischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts, Multatuli, vermittelt, wenn er beiläufig erwähnt, daß ein indonesisches Dorf "gerade von der niederländischen Armee erobert worden war und daher in Flammen stand".[6]

Die Durchführung von Brandstiftungen durch Armeen ist tatsächlich furchterregend und einschüchternd. Dennoch sollte unserer Aufmerksamkeit nicht entgehen, daß solche Demonstrationen von Macht gerade auch ein Eingestehen ihrer Grenzen implizieren. Feuer wird dann gegen Menschen eingesetzt, um Gehorsam zu erzwingen, wenn diese offensichtlich durch kein anderes Mittel mehr dazu gebracht werden können. Eine Regierung, die bei ihrer Innenpolitik auf solche Maßnahmen zurück greifen muß, befindet sich gewiß gerade in einer ernsten Legitimationskrise. Die Gefechte, die Churchill beschrieben hat, fanden an den Grenzen des britischen Weltreichs statt, wo die Pax Britannica nicht fest etabliert war. Nur dort griff die Kolonialmacht regelmäßig auf das Mittel der Brandstiftung zurück. Ebenso gingen in den 1980ern die sowjetischen Soldaten in Afghanistan zur Brandstiftung über. Sie benutzten eine Waffe, die der ähnelte, die fünfzehn Jahre zuvor von amerikanischen Truppen in Vietnam eingesetzt worden war: Napalm. In beiden Fällen waren die Folgen für die einheimische Bevölkerung katastrophal; schließlich jedoch sahen sich sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets gezwungen, die Feindseligkeiten zu beenden und abzuziehen. Offensichtlich war die groß angelegte Zerstörung durch Feuer eine Demonstration militärischer Macht, die einen Mangel an politischer Macht verdeckte. Das gleiche konnte auch Anfang 1991 beobachtet werden, als irakische Soldaten die Ölquellen Kuwaits in Brand setzten. Ungeachtet der angegebenen strategischen Rechtfertigungen war dies eindeutig eine von Verlierern begangene Verzweiflungstat: Sie mußten die von ihnen eroberten Schätze aufgeben und übergaben sie den Flammen.

  • [1] Mumford 1961, S. 632–638.
  • [2] Longmate 1983, S. 221.
  • [3] rnstzunehmende Schätzungen der Zahl der Opfer der Luftangriffe auf Dresden schwanken von 35 000 (Beck 1986, S. 177–180) bis 135 000 (Longmate 1983, S. 341). Diese enormen Diskrepanzen, die es bezogen auf ein Ereignis von 1945 gibt, müssen Zweifel an der Verläßlichkeit von Zahlen über die Opfer bewaffneter Konflikte und anderer Unglücke, die noch weiter in der Vergangenheit zurückliegen, wecken.
  • [4] Salomon 1930, S. 144 f.
  • [5] Churchill 1967, S. 198 f.
  • [6] Multatuli 1982, S. 276.
 
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