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Gestiegene Kontrolle des Feuers für die ganze Menschheit

Seit den Anfängen des Domestizierungsprozesses ist die menschliche Fähigkeit, das Feuer einzusetzen, enorm gestiegen. Anfänglich ging der Prozeß langsam, über mehrere tausend Generationen vonstatten. Aber dann trat nach der Entstehung der Landwirtschaft eine schnellere Folge von Neuerungen ein, zuerst mit der Einführung des Töpferns und der Metallurgie und dann mit der Entwicklung von immer mehr spezialisierten Techniken. Erst vor ungefähr zehn Generationen begann die Industrialisierung zu einer dominanten Entwicklung zu werden; und mit ihr wuchs – mit zunehmender Geschwindigkeit – die Fähigkeit, das Feuer zu kontrollieren.

Von Anfang an haben die Menschen ihre Lebenschancen vergrößert, indem sie das Feuer als nicht-menschliche Energiequelle ihrer eigenen physischen Kraft hinzufügten. Zunehmend unterschieden sie sich von anderen, verwandten Geschöpfen – in ihrem Verhalten und ihrer Macht. Dies führte auf lange Sicht zu einer Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer und zu einem Anstieg des materiellen Komforts (oder geringem "intensivem Wachstum") und, damit einhergehend, zu einem Ansteigen der Bevölkerungszahl ("extensivem Wachstum"). Die Kontrolle über das Feuer war nicht die einzige Ursache für den Prozeß der wachsenden Dominanz der Menschen; aber sie ist ein integraler Bestandteil dieses Prozesses und trug dazu bei, ihn zu beschleunigen.

Die Industrialisierung brachte weitreichende Fortschritte in der Kontrolle des Feuers mit sich. Ein klares Bespiel für diese allgemeine Entwicklungsrichtung ist auch die Entwicklung der Beleuchtung. Für das England des 17. Jahrhunderts konnte immer noch ohne große Übertreibung behauptet werden, daß das Herdfeuer "die Wärmequelle und die wichtigste Lichtquelle nach Einfall der Dunkelheit" war. [1] Diese Situation sollte sich in den nächsten paar Jahrhunderten radikal ändern – zuerst durch eine Reihe von Verbesserungen bei der Herstellung von Kerzen und Öllampen und dann durch die Einführung von Gaslicht und elektrischem Licht.

Gaslicht bot bis dahin unübertroffene Möglichkeiten zur Beleuchtung von Häusern und Straßen. Es wurde in vielen Städten mit hohem Kostenaufwand installiert; aber es wurde innerhalb weniger Generationen überall von elektrischem Licht abgelöst. Über die letzten hundert Jahre war die Elektrifizierung der Beleuchtung auf der ganzen Welt eine dominante Entwicklung. In ihren Anfängen gewannen große Erfinder und Unternehmer wie Thomas Edison Ruhm, indem sie wichtige Beiträge dazu lieferten. Von Anbeginn an hatte der Prozeß aber eine Eigendynamik; und wir können genausogut sagen, daß Edison von eben dieser Entwicklung angetrieben wurde, die ihn vor die Herausforderung stellte, in einem ständigen Rennen, im technischen und ökonomischen Wettbewerb, vorne zu bleiben.

Heute haben die Einwohner der hochindustrialisierten Länder eine regelmäßige Stromzufuhr zu ihrer Verfügung, so daß sie zu jeder beliebigen Tageszeit mit einer minimalen Anstrengung Licht erzeugen können. Verglichen mit der Sorgfalt und dem Geschick, die für den Umgang mit Kerzen oder auch für eine Gaslampe erforderlich sind, ist elektrisches Licht eine Annehmlichkeit, die wenig Anforderungen stellt. Damit wird leicht verständlich, warum es so schnell auf der ganzen Welt übernommen wurde. Der kurze Zeitraum, in dem es Gemeinschaften mit und Gemeinschaften ohne Elektrizität gibt, wird bald zu Ende sein; die globale Elektrifizierung ist ein Beispiel für die generelle Reduzierung von Unterschieden zwischen und innerhalb von Gesellschaften.

Als solche paßt auf sie der Ausdruck, mit dem Norbert Elias einen wichtigen Aspekt des Zivilisationsprozesses im Europa des 20. Jahrhunderts charakterisiert hat: "Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten".[2] Elektrizität hat ein breites Spektrum von Aktivitäten eröffnet; neue Verwendungsmöglichkeiten entstehen schnell hintereinander, besonders seit dem Aufkommen der Mikroelektronik und der daraus resultierenden "Automatisierung" von Informationsprozessen. Heute können Menschen mit Computern und Videogeräten Dinge tun, die vor wenigen Generationen noch unvorstellbar gewesen wären. Während die Breite der Variationsmöglichkeiten ständig wächst, nehmen die Unterschiede ab. Wie der britische Kulturhistoriker Alistair Laing festgestellt hat, hat die Elektrifizierung überall

"zu einer stetigen Verringerung sozialer Unterschiede beim Gebrauch von Licht und zu dessen allgemeiner Verfügbarkeit" geführt. [3] Gleichgültig wo elektrisches Licht eingeführt wurde, war es bald mehr oder weniger selbstverständlich und nicht länger Luxus.

Dasselbe kann von zahlreichen anderen Erleichterungen gesagt werden, die durch Elektrizität möglich wurden und die heute einen Standard von Komfort, Hygiene und Sicherheit repräsentieren, der in der industrialisierten Welt als normal betrachtet wird. In den reichen Ländern sind Abweichungen, die dieser Norm widersprechen, nur in Subkulturen oder Elendsvierteln zu finden. Es ist fast normale Praxis geworden, sowohl ein konstantes Niveau künstlicher Beleuchtung als auch eine gleichmäßige Innentemperatur, die – in kalten Wintern durch Heizen, in heißen Sommern durch Kühlen – automatisch erreicht wird, aufrechtzuerhalten.

All diese Einrichtungen benötigen Energie, die durch Brennstoffe erzeugt wird, die manchmal von weither importiert werden. Der ständige Verbrauch von großen Mengen an Brennmaterial verursacht Nebenwirkungen, wobei zunehmend deutlich wird, daß sich diese auf die ganze Menschheit auswirken. Zu diesen Nebenwirkungen gehört einerseits eine gestiegene Emission von Verbrennungsgasen in die Luft und andererseits die nahe bevorstehende Erschöpfung der Erdvorräte an fossilen Brennstoffen. Das volle Ausmaß dieser Kosten kam uns erst langsam ins Bewußtsein; und selbst heute sind sich Experten nicht einig über das wirkliche Ausmaß der ökologischen Folgen, die das fortschreitende Verbrennen von fossilen Brennstoffen hat.

Eines scheint jedoch gewiß: Das Einschätzen der Konsequenzen ist eine Sache der Experten. Es übersteigt das Fassungsvermögen von Laien, denen sowohl die Apparate fehlen, um die notwendigen Informationen zu sammeln, als auch die intellektuellen Fähigkeiten, um sie zu beurteilen. Die ungleiche Verteilung von Wissen kann als eine der Folgen des Langzeitprozesses der Spezialisierung und Organisation betrachtet werden, ein Prozeß, von dem der amerikanische Ethnologe Walter Hough sagt, er habe mit dem Hüten des Gemeinschaftsfeuers begonnen. [4]

Keiner hätte diesen Prozeß vorhersehen oder im voraus planen können. Sein Verlauf als Ganzes war blind und ungesteuert. Dennoch ist er das Ergebnis menschlicher Absichten. Jede Neuerung in der Kontrolle des Feuers wurde erreicht, weil Menschen bewußt versuchten, mehr mit Feuer zu machen, als sie bisher vermochten. Aber sie konnten unmöglich alle weiteren Schritte vorhersehen, die ihre Nachfolger tun würden. Noch sahen sie immer die Zunahme der Abhängigkeit voraus, die fast unvermeidbar auf die Zunahme der Kontrolle folgte.

Gerade die Ausdehnung und das Engerwerden der Dependenzketten waren es, die die Menschen dazu veranlaßten, über die Wirkungen ihres Eingriffs in ihre natürliche Umwelt nachzudenken. Die ersten Bücher zu diesem Thema erschienen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. [5] Im 20. Jahrhundert hat sich die Sorge zunächst einzelner zu einer weltweiten Umweltschutzbewegung entwickelt. Immer mehr Menschen sind bereit, die Möglichkeit anzuerkennen, daß die Kombination von intensivem und extensivem Wachstum einen steigenden Brennstoffverbrauch mit sich bringt, der früher oder später katastrophale Folgen haben wird.

Es gibt ein wachsendes Bewußtsein dafür, daß – es sei denn, es ereignet sich als bittere Alternative eine große Katastrophe – zumindest noch einige Generationen lang ein weiterer Anstieg der Weltbevölkerung und gleichzeitig ein wachsendes Verlangen nach einem höheren Lebensstandard zu erwarten sind. Unter diesen Umständen wird es immer schwieriger, das Problem zu ignorieren, wie die Erde und die Stratosphäre reagieren werden, falls und wenn die Zeit kommt, daß es 10 Mrd. Menschen gibt, die soviel Brennmaterial pro Person verbrauchen wie der Durchschnittsbürger der Vereinigten Staaten heute.

Um eine globale Katastrophe abzuwenden, scheint es prinzipiell zwei wesentliche Strategien zu geben: eine Senkung des Energieverbrauchs und ein Wechsel zu alternativen Energiequellen wie Wind, Wasser oder Atomenergie. Die erste Strategie impliziert einen Wandel in der Regulierung sozialer Beziehungen und individueller Triebe, die zweite Strategie eine weitere Ausdehnung der menschlichen Kontrolle über "außermenschliche" natürliche Prozesse. Wie in Kapitel 8 festgestellt wurde, wird in manchen Bereichen, so z. B. dem, den wir etwas paradox das Management von Waldbränden nennen könnten, eine Politik des "kontrollierten Lockerns von Kontrollen" gemeinhin akzeptiert. Diese Formel ist auf den Brennstoffverbrauch nicht leicht anwendbar; aber es gibt keinen Mangel an Versuchen, das ungezügelte Wachstum zu bremsen. Die Tatsache, daß die unterschiedlichen Strategien ernsthaft diskutiert werden, ist für sich selbst bereits ein Hinweis auf eine neue Phase im Zivilisationsprozeß.

Obwohl es einige Anzeichen für ein neues Bewußtsein für Sparsamkeit beim Brennstoffverbrauch gibt, werden vorläufig effektivere Ergebnisse von der zweiten Strategie erwartet – vom Erschließen anderer Energiequellen wie Wind, Wasser oder Kernenergie, von denen man sich erhofft, daß sie effizienter genutzt werden können und weniger Umweltverschmutzung verursachen. Als ein Prozeß der technologischen Innovation wird diese Suche gewiß durch Planung und Koordination bestimmt, aber sie ist auch in hohem Maße durch den unkontrollierten Wettbewerbsdruck – zwischen Staaten, zwischen Industrieunternehmen und zwischen wissenschaftlichen Zentren – motiviert.

Über mehrere Jahrzehnte wurde in diesem Bereich am meisten Kapital in die Erforschung der Möglichkeiten der Kernspaltung investiert. Das Vertrauen in diese Verfahren wurde jedoch schwer erschüttert – zuerst durch alarmierende theoretische Berechnungen über die Gefahren der radioaktiven Strahlung, dann durch einige Unfälle, die in den Vereinigten Staaten und Westeuropa auftraten und vor allem durch die Explosion im Kernreaktor in Tschernobyl im April 1986, die dem russischen Physiker Zhores Medvedev zufolge "die furchterregendste Katastrophe der modernen Industriegeschichte" verursachte. [6]

Viele Experten verweisen auf die Kernfusion als eine umsetzbare Alternative zur Kernspaltung. Die Verheißungen der Kernverschmelzung klingen fast zu gut, um wahr zu sein. Das Verfahren soll Energie hervorbringen, die "sauber" sein wird, keine Luftverschmutzung oder radioaktiven Niederschlag verursachen und zudem "billig" sein wird – denn die Elemente, die benötigt werden, um eine Kernfusion zu erzeugen, gibt es auf der ganzen Welt im Überfluß. Wenn der Durchbruch zu einer gewinnbringenden Herstellung einmal gemacht worden sei, würde es möglich sein, diese Form der Energie überall in fast grenzenlosen Mengen verfügbar zu machen.

Bis jetzt aber wurde das Versprechen noch nicht eingelöst. Die Ankündigung vom März 1989, daß es möglich sei, mit relativ einfachen Mitteln "kalte Kernfusion" zu erzeugen, erwies sich als falsch. [7] Die Anstrengungen werden jetzt ganz auf die "heiße Kernfusion" konzentriert, die unter Bedingungen stattfinden muß, die denen im Zentrum der Sonne vergleichbar sind. Dort laufen bei einer Temperatur von 15 Millionen Grad ständig Kernverschmelzungsprozesse ab; sie bilden die elementare Energiequelle, die unser Sonnensystem speist. Für eine kontrollierte "heiße Kernfusion" auf unserem Planeten sind Temperaturen von mindestens 100 Millionen Grad erforderlich.

Technisch können solche Temperaturen bereits erreicht werden. Gegenwärtig ist der für dieses Verfahren notwendige Energieeinsatz jedoch so hoch, daß er kontraproduktiv wäre. Der finanzielle Aufwand, der für die Erforschung weiterer Möglichkeiten erforderlich ist, ist enorm, und dies hat dazu geführt, daß die Hauptwettstreiter dieses wissenschaftlichen Rennens ihre Anstrengungen zusammengeführt haben. Seit 1983 betreibt ein Konsortium der westeuropäischen Staaten, einschließlich solcher Nicht-EG-Mitglieder wie Schweden und der Schweiz, ein Labor in Culham bei Oxford – JET ("Joint European Torus") genannt –, in dem Plasmatemperaturen von bis zu 140 Millionen Grad erreicht wurden. In den späten 1980ern wurden Pläne für ein noch umfassenderes internationales Unternehmen, das ITER ("International Thermonuclear Experimental Reactor") heißt und unter der Schirmherrschaft der Europäischen Gemeinschaft, Japans, der damaligen Sowjetunion und der Vereinigten Staaten steht, in Angriff genommen. [8]

Vorläufig mag die Fähigkeit, Temperaturen in der Größenordnung von 150 Millionen Grad zu erzeugen, es wohl verdienen, als Höhepunkt des Prozesses der zunehmenden menschlichen Kontrolle über Feuer zu gelten. Nicht weniger beeindruckend ist der Grad der internationalen Koordinierung auf dem Weg zur Nutzung der Kernverschmelzung. Im paläolithischen Zeitalter konnte es sich keine Gruppe erlauben, nicht am Monopol der Menschheit, Feuer zu gebrauchen, teilzuhaben; ebenso wird sich in unserer Zeit kein Stamm oder keine Nation von den gegenwärtigen, auf globaler Ebene ablaufenden Entwicklungen im Feuerregime abkoppeln können.

Die Domestizierung des Feuers hat das Leben der Menschen bequemer und komplizierter gemacht. Die ubiquitären Feuer mit ihrem zerstörerischen Potential und ihrem niemals endenden Bedarf an Brennstoff üben nachhaltige Zwänge auf die Gesellschaft aus – Zwänge, die auf den aufeinanderfolgenden Stufen verschiedene Ausformungen angenommen haben. Aufgrund der Fortschritte in der Spezialisierung und Organisation werden einige dieser Anforderungen von den meisten Menschen in gegenwärtigen Industriegesellschaften kaum gespürt. Dies bedeutet jedoch nicht, daß sie verschwunden sind. Jede Generation muß aufs Neue lernen, mit dem Feuer umzugehen. Sie muß nicht dieselben Techniken wie ihre Vorfahren meistern; aber ihre Mitglieder müssen die generelle Fähigkeit erwerben, in einer Gruppe, die Feuer besitzt, zu leben. In gegenwärtigen Gesellschaften bedeutet das noch immer, daß sich alle Individuen Grundkenntnisse über das Feuer aneignen müssen; nicht weniger wichtig ist es, daß sie lernen, an der sozialen Organisation des Feuerregimes teilzunehmen und hoffentlich auch zu einem gewissen Verständnis dieses Regimes zu kommen.

Die in diesem Buch beschriebenen Entwicklungen hin zu einem zunehmenden Gebrauch des Feuers in einer konzentrierteren Form und unter Bedingungen einer dauernd fortschreitenden Spezialisierung und Organisation haben dazu beigetragen, die Kontrolle des Feuers scheinbar einfacher, tatsächlich aber viel komplexer zu machen. Als ein Ergebnis dieser Entwicklungen wurden im 20. Jahrhundert mehr und größere Feuer als in jedem vorhergehenden Zeitalter verursacht. Menschen haben durch das Feuer mehr Komfort gewonnen und damit mehr Schaden und Leid zugefügt als jemals zuvor. Heute bedarf die Kontrolle des Feuers selbst, mehr denn je, der Kontrolle; damit bleibt sie ein zentrales Problem der menschlichen Zivilisation.

  • [1] Thornton 1984, S. 15. Siehe auch O'Dea 1958, S. 1–26; Laing 1982.
  • [2] Elias 1997b, GS 3.2, S. 353–362 [1939b, S. 342–351].
  • [3] Laing 1982, S. 6 f.
  • [4] Hough 1926, S. 165.
  • [5] Siehe z. B. Bramwell 1983; Hardin 1985; Mitchell 1991.
  • [6] Medvedev 1990, S. IX.
  • [7] Vgl. Close 1992; Mallove 1991.
  • [8] Vgl. Maple 1987.
 
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