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Feuernutzung vor der Domestizierung

Feuer ist der Vorgang der Verbrennung von Materie. Damit es zu einem Feuer kommt, müssen drei Voraussetzungen zeitweilig zusammentreffen: Es muss genügend Brennstoff, ein ausreichendes Sauerstoffangebot und Wärme mit ausreichender Temperatur vorhanden sein, um den Brennstoff zu zünden. Normalerweise sind auf der Landfläche unseres Planeten nur die ersten beiden Voraussetzungen anzutreffen. Somit ist überall das Potenzial für Feuer gegeben, das dann nur mangels Zündung nicht ausbricht.

Die Zündung des Feuers als flüchtigste seiner drei Voraussetzungen ist zugleich die älteste. Gewitterblitze als häufigste Ursache der Zündung haben seit der Entstehung des Planeten vermutlich gleichermaßen an Land wie in das Wasser eingeschlagen. Ebenso können Vulkanausbrüche und gelegentlich auch stürzende Felsbrocken Momente und Phasen großer Hitze ausgelöst haben. Solange jedoch die beiden anderen Voraussetzungen fehlten, entstand daraus kein Feuer.

Sauerstoff erreichte einen größeren Anteil an der Atmosphäre des Planeten, als vor etwa zweieinhalb Milliarden Jahren Lebewesen begannen, ihn beim Prozess der Fotosynthese zu produzieren und an die Luft abzugeben (Westbroek 1991). Als vor 400 bis 500 Millionen Jahren Bäume und andere Pflanzen sich über weite Teile der Landfläche ausgebreitet hatten, stabilisierte sich der Sauerstoffgehalt der Luft bei ca. 21 Prozent. Zur gleichen Zeit und aus demselben Grund wurde Brennstoff in Form der reichlich vorhandenen Vegetation verfügbar. Damit war die Welt bereit für das Feuer (Pyne 2001).

Beim Auftauchen unserer frühesten homininen Vorfahren vor ca. acht bis zehn Millionen Jahren war Feuer bereits ein regelmäßig vorkommendes Merkmal ihres Lebensraums. Davon zu sprechen – wie es häufig geschieht –, dass die Menschen das Feuer "entdeckt" oder dass sie es gar "erfunden" hätten, ist deshalb irreführend. [1] Jeder Hominine, der das Erwachsenenalter erreichte, hatte wahrscheinlich mindestens einmal in seinem Leben Feuer erlebt.

In einer jüngst erschienenen Monographie beschäftigt sich die Primatologin Frances Burton (2009) unter Rückgriff auf ein breites Spektrum aktueller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mit dem Problem, wie die einzigartige Beziehung zwischen den Menschen und dem Feuer entstand. Sie postuliert dabei eine lang anhaltende Phase der "Assoziation", in der hominine Gruppen sich allmählichmit dem Feuer vertraut machten: Sie verbrachten gemeinsam die Nacht um das Feuer, stellten sich auf seine Gegenwart ein, genossen die Wärme, das Licht und den Schutz, den es vor Raubtieren bieten konnte, und lernten schließlich, es mit Brennstoff zu "nähren" und zu Höhleneingängen zu transportieren, wo es vor Regen geschützt war.

Dieses Szenario kann als wahrscheinlich bezeichnet werden und wird durch Belege aus zahlreichen verschiedenartigen Quellen gestützt. In dem Gesamtprozess, der der eigentlichen Domestizierung des Feuers vorausging, griffen biogenetische Evolution und soziogenetische oder kulturelle Evolution (oder: Entwicklung) nahtlos ineinander. Ganz eindeutig spielte in dem Prozess, bei dem der Umgang mit Feuer und Brennstoff kollektiv erlernt wurde, die Entwicklung eines größeren und komplexeren Gehirns eine Rolle. Das Gleiche gilt für die Evolution des Gangs auf zwei Beinen, der die Hände zum Tragen von Gegenständen freisetzte – auch von Zweigen, die als Brennstoff dienen konnten, oder von brennenden Stöcken, mit denen das Feuer an einen anderen Standort transportiert werden konnte oder die, als Waffe gebraucht, große Raubtiere abschrecken halfen. Es ist gut möglich, dass dieselben körperlichen Merkmale, die zunächst Voraussetzungen für die Beherrschung des Feuers waren, sich auch als Selektionsmechanismen der menschlichen Evolution erwiesen, nachdem die Domestizierung des Feuers einmal in Gang gekommen war.

Diese Domestizierung bedeutete, dass sich die Balance der Kontrolle verschob: Der Verlauf eines Feuers hing nun nicht mehr allein von Kräften der "Natur" ab, sondern wurde, zumindest in einem gewissen Grad, auch durch menschliche Lenkung bestimmt. Unsere frühen Vorfahren waren sich vielleicht nicht der ganzen Bedeutung dessen bewusst, was sie taten, aber sie hatten ein Gespür dafür, wie sich das Feuer verhalten würde, und vor allem eine Vorstellung davon, wie es sich ihrem Wunsch nach verhalten sollte. Sie nutzten die ihnen verfügbaren Informationen, um den Verbrennungsvorgang von Materie durchzuführen.

Und wie schon in Kapitel 1 und 2 dargelegt, mussten die Homininen und Menschen, die das Feuer ihren Absichten unterwerfen wollten, zugleich ihr eigenes Verhalten den Launen des Feuers anpassen.

  • [1] "Die Entdeckung des Feuers" ist der Titel der 2002 bei Insel/Suhrkamp erschienenen Taschenbuchausgabe von "Feuer und Zivilisation" (Anm.d. Übers.).
 
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