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Von der Assoziation zur beginnenden Beherrschung

Die Geschichte der Bindung zwischen den Menschen und dem Feuer hängt mit der Beherrschung einer nicht menschlichen oder außermenschlichen Kraft – des Feuers – und, als dessen Voraussetzung, bis zu einem gewissen Grad auch mit der Verfügung über Brennstoff zusammen. Der Soziologe Norbert Elias (2006, S. 151–2) hat darauf hingewiesen, dass die Kontrolle über außermenschliche Prozesse immer ein gewisses Maß an Kontrolle über soziale (zwischenmenschliche) Beziehungen und über individuelle (innermenschliche) Impulse impliziert. Keine dieser drei Formen der Kontrolle ist jemals vollständig. Letztlich geht es um die Frage der Balance oder des Verhältnisses zwischen der Instanz, die kontrolliert, und den Kräften, die kontrolliert werden.

Eine solche Balance muss es von Anfang an auch zwischen den biogenetischen und den soziogenetischen Aspekten der menschlichen Einstellungen zum Feuer gegeben haben. Alle Tiere wurden schon früh durch biogenetische Informationen dazu veranlasst, sich von Feuer fernzuhalten und den Kontakt mit ihm zu vermeiden. Soziogenetische Informationen, die durch "kollektives Lernen" (Christian 2004) erworben wurden, haben dem die Einsicht hinzugefügt, dass es mithilfe eines Stocks möglich ist, ein Feuer zu manipulieren (und somit Brennstoff zu verwerten), ohne es zu berühren.

Die Fähigkeit, diese Informationen zu erwerben und an nachfolgende Generationen weiterzugeben, muss sich zusammen mit der Evolution eines großen und differenzierten Gehirns entwickelt haben – des "teuren Gewebes", wie dieses Organ aufgrund der unverhältnismäßig großen Energiemenge schon genannt wurde, die es verbraucht. Analog hierzu ließe sich auch ein von Menschen kontrolliertes Feuer ("Lagerfeuer") als "teure" soziale Institution betrachten. Es verlangte Voraussicht und Vorsicht: Voraussicht bereits mit Blick auf die Feuerstelle, die vorzugsweise an einem Höhleneingang liegen musste, wo es nicht vom Regen ausgelöscht werden konnte und trotzdem genügend mit sauerstoffreicher Luft versorgt wurde. Damit auch in feuchten Jahreszeiten ein Feuer zuverlässig zur Verfügung stand, war es nützlich, die Glut zu unterhalten und immer einen Vorrat an trockenem Brennmaterial zu haben. Vorsicht war ebenfalls geboten, damit niemand sich selbst oder andere Gruppenmitglieder verletzte, und soziale Koordination war notwendig, damit das Feuer gehütet und gegen mögliche Angreifer geschützt wurde.

Die unmittelbare Wirkung von Feuer war stets – um es so neutral wie möglich auszudrücken – eine Umordnung von Materie, und zwar eine rasche Umordnung, die den verbrannten Brennstoff nicht nur vollständig, sondern auch irreversibel zerstörte. Dieser Zerstörungseffekt wurde von den Menschen umgekehrt in eine Wirkung, die ihm aus menschlicher Sicht genau entgegengesetzt war: Produktion. Die produktive Feuernutzung begann mit dem Kochen von Nahrungsmitteln, jener Tätigkeit, die, wie Richard Wrangham (2009) es eindrücklich formulierte, "uns menschlich gemacht hat". Kochen bedeutete im elementarsten Sinne, dass organische Materie großer Hitze ausgesetzt wurde. Dadurch wurde eine ganze Reihe nahrhafter Inhaltsstoffe verdaulich, die ohne vorheriges Erhitzen sehr schwer oder sogar unmöglich zu verdauen gewesen wären.

Eine ganz andere Form der Nutzung des Feuers war sein Gebrauch als Waffe, wobei der Schmerz ausgenutzt wurde, den der Kontakt von Feuer mit lebender Haut hervorruft. Mit dieser Waffe wurden aus Homininen und Menschen in den Kämpfen der Arten in wachsendem Maße ernst zu nehmende und Furcht erregende Gegner. Die Vertrautheit mit dem Feuer erlaubte es ihnen, die Nacht ohne Angst vor Raubtieren schlafend auf dem Boden zu verbringen. So führte das neue Verhalten gegenüber dem Feuer auch zu einer Verschiebung der Machtbalance zwischen den Homininen oder Menschen und allen anderen großen Tieren.

 
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